1606 – 1684
Pierre Corneille
Kurzporträt↑
Pierre Corneille (1606–1684) war ein französischer Dramatiker. Neben Molière und Jean Racine gilt er als einer der großen Theaterautoren der französischen Klassik. Im europäischen Maßstab gehört sein gesamtes Schaffen dem Zeitalter des Barock an. Bekannt wurde er vor allem durch die Tragikomödie Le Cid. Sie gilt als Beginn der hohen Zeit des klassischen Theaters und war einer der größten Erfolge der französischen Theatergeschichte. In seinen etwa 35 Stücken kreiste er immer wieder um den Konflikt zwischen Neigung und Pflicht. Seine Figuren lösen ihn meist zugunsten von Staat und Vaterland. Corneille beeinflusste alle Dramatiker neben und nach ihm und blieb bis heute ein Vorbild der französischen Bühnendichtung.
Biografie↑
Corneille war das erste von sechs Kindern eines wohlhabenden königlichen Jagd- und Fischereiaufsehers. Er wuchs in Rouen auf, besuchte dort das Jesuitenkolleg und studierte anschließend Jura. Mit 18 Jahren erhielt er die Zulassung als Anwalt im Praktikantenstatus am Parlement von Rouen, dem höchsten Gericht der Normandie. Als er 22 Jahre alt war, kaufte ihm sein Vater zwei kleinere Richterämter, davon eines am Parlement. Sein eigentlicher Ehrgeiz galt jedoch schon seit der Schulzeit dem Verfassen von Gedichten und Bühnenstücken.
1629 gastierte der bekannte Schauspieler Mondory mit seiner Wandertruppe in Rouen. Corneille bot ihm seine Komödie Mélite an. Dieses Verwirrspiel handelt von sechs jungen Leuten, die sich schließlich zu drei Paaren zusammenfinden. Es wurde im Winter 1629/1630 mit Erfolg in Paris inszeniert und half Mondory, sich dort mit dem Théâtre du Marais zu etablieren. In den folgenden Jahren schrieb Corneille zahlreiche Stücke für das Marais. Dazu gehörten die Tragikomödie Clitandre, die er als erstes Stück auch drucken ließ, sowie die Komödien La Veuve, La Galerie du Palais, La Suivante und La Place Royale. Diese frühen Werke gelten heute als weniger bedeutende Jugendstücke. Damals aber wirkten sie neuartig, weil sie die zeitgenössische Gesellschaft zu spiegeln schienen und meist in Paris spielten. Sie verschafften Corneille früh den Status eines anerkannten Autors. 1634 versuchte er sich erstmals an der Tragödie mit Médée, seinem ersten Stück mit einem antiken Stoff.
Corneille lebte weiter in Rouen, wo er seine Ämter ausübte. Bei häufigen Paris-Besuchen pflegte er Kontakt zu Literatenkreisen und Salons. 1635 wurde er Mitglied einer Gruppe von fünf Autoren im Dienst Richelieus. Dieser wollte das Theater zu einem Ort politischer Propaganda für die absolute Monarchie machen. Corneille stellte seine Mitarbeit bald ein, erhielt aber die ihm gewährte Jahresgage von 1500 Francs bis zu Richelieus Tod 1642. Im Winter 1635/1636 brachte er die erfolgreiche Komödie L'Illusion comique heraus, in der er das barocke Motiv des Theaters im Theater verarbeitete. Es war das letzte Stück, in dem er die Lehre von den drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung ignorierte.
Den endgültigen Durchbruch brachte Ende 1636 die Tragikomödie Le Cid. Die Handlung spielt im Spanien des 11. Jahrhunderts und beruht auf dem Stück Las Mocedades del Cid von Guillén de Castro. Sie ist ein klassisches Beispiel für den Konflikt zwischen Liebe und Pflicht. Das verlobte adelige Paar Rodrigue und Chimène gerät in einen Zwiespalt aus Familienehre und Zuneigung, der erst durch das Eingreifen des Königs aufgelöst wird. Der Erfolg war so spektakulär, dass Ludwig XIII. den Vater Corneilles in den Adelsstand erhob. Damit galt auch der Sohn als adelig geboren. Zugleich riefen rivalisierende Dramatiker wie Georges Scudéry und Jean Mairet eine heftige Kontroverse hervor, die Querelle du Cid. In ihr warf man Corneille Regelverstöße und Plagiat vor. Der monatelange Streit endete mit dem Eingreifen Richelieus. Er beauftragte die junge Académie Française mit einem Urteil, das negativ, aber versöhnlich ausfiel. Verunsichert zog sich Corneille nach Rouen zurück.
Erst 1640 schrieb er sein nächstes Stück, die im alten Rom spielende Tragödie Horace. Es folgte Anfang 1641 Cinna, ein Stück um eine Verschwörung gegen Kaiser Augustus. Es gilt als das formal gelungenste seines Werks. 1641 heiratete Corneille mit 35 Jahren die elf Jahre jüngere Richterstochter Marie de Lampérière. Mit ihr bekam er vier Söhne und zwei Töchter. 1642 starb sein Vater. Corneille übernahm dessen Haus und die Vormundschaft für zwei jüngere Geschwister, darunter den späteren Dramatiker Thomas. Anfang 1643 erschien die christliche Tragödie Polyeucte, ein Publikumserfolg. Der Klerus tadelte sie jedoch wegen der Profanierung eines religiösen Stoffs. Es folgte eine Reihe weiterer Stücke auf historischen Stoffen, darunter La Mort de Pompée, Rodogune und Héraclius. Dazu kam die Komödie Le Menteur, die als erste französische Charakterkomödie vor Molière gilt. 1647 wurde Corneille in die Académie Française aufgenommen.
In den Wirren der Fronde (1648–1652) geriet er in Konflikt mit Mazarin, Richelieus Nachfolger. Stücke wie Dom Sanche d'Aragon, Nicomède und Pertharite gerieten in den Strudel der wechselnden politischen Lage. Enttäuscht zog sich Corneille zurück. Er arbeitete an einer Versübertragung der Imitatio Christi des Thomas a Kempis. Sie erschien von 1652 bis 1654 in drei Bänden und brachte ihm viel Anerkennung ein.
Erst 1658 beendete Corneille seine innere Emigration. Die Wandertruppe Molières gastierte in Rouen und spielte einige seiner Stücke. Dadurch kam er mit der Truppe in Kontakt und verliebte sich in die junge Schauspielerin Marquise du Parc. Auch lockte ihn die Gunst des Finanzministers Nicolas Fouquet, der ihm eine Pension aussetzte. Er reiste wieder häufig nach Paris und nahm seine Arbeit als Dramatiker wieder auf, etwa mit der Tragödie Œdipe und dem aufwendigen Maschinen-Stück La Toison d'or. Als „le grand Corneille" wurde er zu einer Art Platzhirsch des Pariser Theaterlebens. Nach dem Sturz Fouquets fand er einen neuen Gönner in Herzog Henri de Guise, der ihn und seinen Bruder 1662 samt ihren Familien aufnahm. Die Brüder siedelten von Rouen nach Paris über und lebten den Rest ihres Lebens dort.
1663 nahm der Minister Colbert ihn mit einer Pension von 2000 Francs in eine Liste förderungswürdiger Autoren auf. Von diesen erwartete man regimefreundliche Texte. Corneille schrieb weiter vor allem Tragödien mit Stoffen aus der römischen Geschichte, etwa Sertorius, Sophonisbe, Othon, Agésilas und Attila. Diese Stücke hatten stets einen gewissen Erfolg. Sie trafen aber nicht mehr den Nerv der Zeit und litten bald unter dem Vergleich mit dem jüngeren Rivalen Jean Racine, der ab 1665 die Pariser Bühne zu beherrschen begann. Mehrfach betätigte sich Corneille als Verfasser von Lobgedichten auf Ludwig XIV. Als sich Racine Ende 1667 mit der Tragödie Andromaque endgültig durchsetzte, dachte Corneille an einen gänzlichen Rückzug vom Theater. Ende 1670 versuchte er ein Comeback mit Tite et Bérénice. Doch brachte Racine zugleich das themengleiche Bérénice heraus, das vom Publikum als das deutlich bessere bewertet wurde. Corneille schrieb dennoch weitere Stücke. Dazu gehörten die Ballett-Tragödie Psyché, die er teilweise mit Molière verfasste, sowie Pulchérie und als letztes Suréna, das heute als bestes Stück seines Spätwerks gilt.
Seinen hohen Status in der Pariser Gesellschaft konnte Corneille bis zum Ende seines Lebens wahren, nicht zuletzt dank seines loyalen Bruders Thomas. Die gelegentlich zu findende Angabe, er sei im Alter verarmt, ist falsch. Er starb 1684 in Paris. Seinen Sitz in der Académie Française erhielt sein Bruder Thomas, und der einstige Rivale Jean Racine hielt eine Laudatio auf ihn.
Literarische Merkmale↑
Corneilles Schaffen gehört dem Zeitalter des Barock an, wurde aber zum Maßstab der französischen Klassik. Wiederkehrendes Grundthema seiner Tragödien ist der Konflikt zwischen Neigung und Pflicht. Seine hochgestellten Figuren lösen ihn in der Regel zugunsten der Pflicht, insbesondere im Sinne der Staatsräson. Seine Handlungen beruhen meist auf historischen, oft römischen Stoffen und weisen in der Regel einen verdeckten Bezug zur damaligen Politik auf. Die Stücke der bewegten Jahre vor und während der Fronde zeichneten sich durch eben diesen Realitätsbezug aus, der dem Spätwerk weitgehend fehlte.
In den frühen Komödien spiegelte Corneille die zeitgenössische Gesellschaft. Seine Stücke ließ er meist explizit in Paris spielen. Mit L'Illusion comique verarbeitete er das beliebte barocke Motiv des Theaters im Theater. Anfangs ignorierte er die Lehre von den drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung, die in Pariser Literatenkreisen lebhaft diskutiert wurde. Später bemühte er sich erkennbar um deren Beachtung. Um historische Treue und die Befolgung der aristotelischen Einheiten zu demonstrieren, versah er zahlreiche Stücke mit Quellenangaben in der Originalsprache. Dazu kam ein Examen, das seine Überlegungen zur Einheit von Zeit, Ort und Handlung darlegte. Seine Komödie Le Menteur gilt als erste französische Charakterkomödie vor Molière und als wichtiges Vorbild für diesen. Mit La Toison d'or und Andromède schuf er zudem Stücke mit Gesangseinlagen und dem Einsatz aufwendiger Bühnenmaschinen. Wenig bekannt ist, dass Corneille sich auch als religiöser Autor und als Panegyriker betätigte, der Lob- und Huldigungsgedichte verfasste.
Rezeption↑
Mit seinen etwa 35 Stücken beeinflusste Corneille alle Dramatiker neben und direkt nach ihm, insbesondere Racine. Er blieb aber auch für nachfolgende Autorengenerationen ein Vorbild, etwa für Voltaire. Er galt und gilt bis heute als einer der größten französischen Dramatiker und als größter Tragiker neben Racine. Racine wird trotz seines deutlich schmaleren Gesamtwerks oft als der Größere erachtet. Aufgrund seines Erfolgs in Frankreich wurden Corneilles Stücke schon zu seinen Lebzeiten in Übertragungen von deutschen Theatertruppen gespielt.
In der Folge standen Corneille und seine Stücke auf dem Spielplan des Hamburger Nationaltheaters. Gotthold Ephraim Lessing machte sie zu einem der Hauptgegenstände seiner dramentheoretischen Polemiken in der Hamburgischen Dramaturgie. Corneille wurde für Lessing zum Repräsentanten einer auf deutschen Bühnen stark präsenten französischen klassizistischen Theatertradition, gegen die er anschrieb. Lessing wollte eine eigenständige nationale Bühnendichtung fördern. Er warf Corneille dabei unter anderem die falsche Auslegung der aristotelischen Poetik, mangelndes Genie, eine nicht an der Natur des Menschen orientierte Motivationstechnik und insgesamt „mißgeschilderte Charaktere" vor.
Sein Bruder Thomas war zeitweise sogar der Erfolgreichere, ist aber seit langem weitgehend vergessen. Bis heute lebendig ist eine Kontroverse um die Autorschaft einiger Werke, die traditionell Molière zugesprochen werden. Dabei wird die Frage gestellt, ob Corneille als deren Ghostwriter gewirkt hat. Im 21. Jahrhundert versucht man, diese Streitfrage mit mathematisch-stilometrischen Verfahren der Computerphilologie zu klären.
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