1636
Le Cid
Überblick↑
Die Tragikomödie Le Cid von Pierre Corneille gilt als sein bestes Stück. Sie spielt im mittelalterlichen Spanien und stellt einen jungen Adligen vor eine kaum lösbare Wahl: zwischen der Frau, die er liebt, und der Ehre seiner Familie. Der Stoff geht auf eine wirkliche Gestalt zurück. Der Heerführer Rodrigo Díaz de Vivar wurde im 11. Jahrhundert „El Cid" genannt und spielte eine zentrale Rolle bei der Zurückdrängung der Mauren. Die Grundzüge der Handlung übernahm Corneille aus dem spanischen Stück Las mocedades del Cid von Guillén de Castro. Das Werk entstand wohl 1636 und wurde um die Jahreswende 1636/37 uraufgeführt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im mittelalterlichen Kastilien lieben sich die junge Adlige Chimène und Don Rodrigue, und einer Hochzeit steht nichts im Wege. Doch zwischen ihren Vätern bricht ein Streit aus. Chimènes Vater fühlt sich übergangen, weil der König einen anderen zum Erzieher des Prinzen bestimmt hat. Im Zorn beleidigt er Rodrigues alten Vater mit einer Ohrfeige. Der Greis ist zu schwach, um die Kränkung selbst zu sühnen, und bittet seinen Sohn, die Ehre der Familie wiederherzustellen.
Damit gerät Rodrigue in eine ausweglose Lage. Rächt er seinen Vater, verliert er die Geliebte. Verzichtet er auf die Rache, verliert er seine Ehre. Auch Chimène wird bald vor eine ebenso schwere Entscheidung gestellt. Während im Hintergrund die Mauren das Land bedrohen, ringen beide zwischen Liebe und Pflicht – und keiner von beiden findet einen Weg, der nicht durch das eigene Herz hindurchführt.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Akt führt in die Liebe und in den Streit zugleich ein. Chimène gesteht ihrer Gouvernante Elvire ihre Liebe zu Don Rodrigue. Auch die kastilische Infantin Doña Urraque liebt Rodrigue, weiß diese Liebe aber für aussichtslos, denn sie darf keinen einfachen Adligen heiraten, und fügt sich darum in die geplante Ehe von Chimène und Rodrigue. Da gerät Don Gomès, der Comte von Gormas und Vater Chimènes, mit Don Diègue, dem Vater Rodrigues, aneinander: Er ist erzürnt, dass der König nicht ihn, sondern Don Diègue zum Erzieher des Prinzen bestimmt hat. Der Wortwechsel endet damit, dass der Comte Don Diègue eine Ohrfeige gibt. Allein zurückgeblieben, sinnt der alte Don Diègue auf Rache. Da er selbst zu schwach ist, ruft er seinen Sohn Rodrigue und verlangt von ihm Vergeltung. In einem Selbstgespräch wägt Rodrigue ab: Chimène oder die Ehre? Er entscheidet sich für die Rache.
Im zweiten Akt bespricht der Comte mit dem Edelmann Don Arrias das weitere Vorgehen; er weigert sich, sich zu entschuldigen, denn Ehre und König gelten ihm über alles. Rodrigue tritt ihm entgegen und fordert ihn zum Duell. Chimène, voller Angst um den Geliebten und vor seinem Entschluss, sucht den Beistand der Infantin. Ein Page meldet, Rodrigue und der Comte seien gemeinsam fortgegangen. Am Hof zürnt König Don Fernand dem Comte, während er zugleich die Bedrohung durch die Mauren fürchtet. Dann kommt die Nachricht: Der Comte ist tot. Chimène fordert vom König Gerechtigkeit und verlangt Rodrigues Tod, während dessen Vater Don Diègue ihn verteidigt.
Der dritte Akt bildet den dramatischen Höhepunkt. Rodrigue kommt in Waffen zu Chimène, doch sie ist nicht da, und Elvire versteckt ihn. Don Sanche, der selbst in Chimène verliebt ist, bietet ihr an, sie zu rächen; sie lehnt ab. In seinem Versteck hört Rodrigue mit an, wie Chimène bekennt, dass sie seinen Tod will und danach selbst sterben möchte, weil sie ihn noch immer liebt. Da tritt er hervor und bietet ihr sein eigenes Leben an – Chimène ist zutiefst erschüttert. Der alte Don Diègue sucht unterdessen seinen Sohn und befiehlt ihm, in die Schlacht gegen die Mauren zu ziehen, um die Ehre des Königs und die Liebe Chimènes zurückzugewinnen.
Im vierten Akt erfährt Chimène voller Freude, dass Rodrigue die Mauren besiegt hat. Die Infantin bittet sie, den Helden nicht töten zu lassen. Der König beglückwünscht Rodrigue, den man nun „den Cid" nennt, und lässt sich ausführlich vom Kampf berichten. Um Chimène zu prüfen, erzählt der König ihr, Rodrigue sei gefallen; sie ist zu Tode bestürzt. Als sie die Wahrheit erfährt, verlangt sie erneut seinen Tod. Der König gestattet ein Duell zwischen Rodrigue und Don Sanche, und Chimène verspricht, den Sieger zu heiraten.
Der fünfte Akt führt zur Auflösung. Rodrigue nimmt von Chimène Abschied und will sich im Zweikampf widerstandslos töten lassen; vergeblich versucht sie, ihn zum Kämpfen zu bewegen. Die Infantin gesteht ihrer Gouvernante Léonor, dass ihre Liebe nur gewachsen ist, denn Rodrigue ist nun kein einfacher Ritter mehr, sondern der gefeierte Cid. Chimène sieht sich als Verliererin in jedem Fall: Siegt Rodrigue, muss sie den Mörder ihres Vaters heiraten; siegt Don Sanche, den Mörder ihres Geliebten. Da erscheint Don Sanche mit dem Schwert Rodrigues, und Chimène glaubt sich verloren. Doch Rodrigue lebt – man hat sie getäuscht. Er hat das Duell gewonnen und Don Sanche verschont. Weil Chimène ihn so sehr liebt, bestimmt der König, dass sie Rodrigue heiraten soll. Zuvor jedoch schickt er den Helden noch für ein Jahr in den Kampf gegen die Mauren; danach soll die Hochzeit folgen.
Stil↑
Geschrieben ist das Werk in Versen, und zwar in paarweise gereimten Alexandrinern – dem zwölfsilbigen Vers, der die französische Bühnendichtung dieser Epoche prägte. Die Handlung ist in fünf Akte gegliedert. An den entscheidenden Wendepunkten lässt Corneille seine Figuren allein auf der Bühne zurück. In knappen Selbstgesprächen wägen Vater wie Sohn ihre widerstreitenden Pflichten gegeneinander ab, und gerade diese Monologe tragen den inneren Konflikt, um den das ganze Stück kreist. Die Bezeichnung Tragikomödie deutet an, dass der tragische Ernst des Geschehens am Ende nicht in eine Katastrophe mündet.
Rezeption↑
Schon bei seiner Uraufführung um die Jahreswende 1636/37 wurde das Stück zu einem großen Publikumserfolg. Bis heute gilt es als das beste Werk Corneilles. Gewidmet hat der Dichter es Marie-Madeleine de Vignerot, der Herzogin von Aiguillon und Lieblingsnichte des Kardinals Richelieu.
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