1905
Lausbubengeschichten
Überblick↑
Bei den Lausbubengeschichten handelt es sich um eine Sammlung humoristischer Erzählungen von Ludwig Thoma, die 1905 erschien. Der Untertitel Aus meiner Jugendzeit verweist auf den autobiografischen Kern der geschilderten Bubenstreiche. Erzählt wird von einem Jungen namens Ludwig, der Lehrern, Verwandten und frommen Tanten mit unerschöpflichem Einfallsreichtum das Leben schwer macht. Eine spätere Ausgabe versah Olaf Gulbransson mit Illustrationen. Neben dem Münchner im Himmel zählen die Lausbubengeschichten bis heute zu Thomas erfolgreichsten Werken.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der junge Ludwig, der seine Ferien in einem bayerischen Dorf verbringt und die Schulzeit bei Verwandten in der Stadt zubringt. Er ist ein Lausbub im besten Sinne: neugierig, respektlos gegenüber jeder Obrigkeit und stets zu einem Streich aufgelegt. Ob er einen behüteten Feriengast zu einer „Seeschlacht“ mit Schießpulver überredet, seinen Lehrern nachstellt oder die frömmelnden Verwandten zur Weißglut bringt – immer sorgt er für Aufruhr, und meist muss am Ende seine Mutter, eine Beamtenwitwe mit schmalem Geldbeutel, den Schaden begleichen.
Die einzelnen Episoden führen durch Ludwigs Kindheit und frühe Jugend: durch Sommerferien und Schulstunden, Erstkommunion und Familienfeste bis hin zu ersten Verliebtheiten. Immer wieder geraten Lehrer, Onkel und Tanten in Ludwigs Visier, und immer wieder deckt der Junge mit entwaffnender Offenheit die kleinen Heucheleien und Schwächen der Erwachsenen auf. Aus der Sicht des Knaben geschildert, entfaltet sich ein heiteres Sittenbild aus dem bürgerlichen und ländlichen Bayern.
Die Handlung im Detail↑
Das Werk besteht aus einer Reihe eigenständiger Episoden. In „Der vornehme Knabe“ macht eine Familie aus dem Rheinland Sommerfrische in Ludwigs Dorf. Ludwig überredet den behüteten fremden Jungen, dessen Spielzeug-Dampfschiff auf einem Bauernweiher mit Knallfröschen und Schießpulver zu einer „Seeschlacht“ zu verwandeln. Das Schiff sinkt, der herbeigelockte Bauer verprügelt den preußischen Knaben, während Ludwig flieht. Den Schaden muss Ludwigs Mutter begleichen.
In „In den Ferien“ bereiten Ludwigs Streiche der Mutter Sorgen. Nachdem er eine Forelle gestohlen hat, schlägt der Dorflehrer vor, ihn in der bereits wieder laufenden Volksschule zu beaufsichtigen. Ludwig lehnt das als unvereinbar mit seiner Ehre als Lateinschüler ab. Als er jedoch einem weiteren Sommerfrischler einen bösen Streich spielt und einen Pulverfrosch am Schwanz von dessen Angorakatze zündet – wieder muss die Mutter zahlen –, muss er tatsächlich zur Volksschule. Der Lehrer überlässt die Klasse einer älteren Schülerin. Ludwig treibt Unsinn, verspottet die Aufseherin mit einem Aufsatz, in dem er ihren Vater als Trunkenbold schildert, und prügelt sich mit ihr, als der Lehrer zurückkehrt. Über das Spalier vor dem Fenster flieht er und stiehlt dabei noch die Pfirsiche. Zur Schule muss er danach nicht mehr.
In „Der Kindlein“ entgeht der scheinbar freundliche Religionslehrer Falkenberg – von den Buben „Kindlein“ genannt, weil er sie stets so anspricht – immer wieder zufällig den Angriffen von Ludwig und seinem Freund Fritz. Als er der Schule eine Gipsstatue des heiligen Aloysius stiftet, werfen die beiden in einer nächtlichen Aktion zwei Steine durch das Kirchenfenster und zerstören die Nase der Figur.
In „Gute Vorsätze“ beschließt Ludwig vor der Erstkommunion, sich zu bessern, verschiebt aber gemeinsam mit Fritz alle bösen Absichten auf die Zeit nach der Feier. Beim Aufschreiben seiner Sünden liest der Onkel, bei dem er während der Schulzeit lebt, dass Ludwig ihm Geld gestohlen hatte. Es kommt zum Streit zwischen Onkel und Tante, wobei die Tante am Ende dem Onkel wegen seines Leichtsinns strengere Vorhaltungen macht als Ludwig wegen des Diebstahls. Tante Frieda und deren Tochter Anna tun sich mit frömmelnden Bußübungen hervor, was Ludwig erzürnt. Als sie sich bei der Feier über seine Kerze lustig machen, rächt er sich, indem er mit einer Luftpistole den Spiegelschrank der Tante zerschießt.
In „Besserung“ fahren Fritz und Ludwig in die Osterferien nach Hause. In der Eisenbahn trinken sie Bier und rauchen Zigarren und reizen die anderen Fahrgäste, bis Ludwig schlecht wird und er sich in seinen Hut übergeben muss. Elend und reuevoll kehrt er heim, legt sich ins Bett und gelobt sich Besserung.
In „Onkel Franz“ kommt Ludwig bei diesem Onkel in der großen Stadt in Pension, wo es ihm gar nicht gefällt. Als er an einer Mathematikaufgabe verzweifelt, löst der Onkel sie großspurig, doch der Lehrer bemängelt die Lösung als falsch. Ludwig gibt an, der Onkel habe sie gefertigt – eine Lösung, die laut Lehrer „bloß ein Esel machen“ könne. Daraufhin wird Ludwig sowohl vom Lehrer bestraft als auch vom Onkel verprügelt. Nachdem sich beide abgestimmt haben, erklären sie, die Lösung sei doch richtig, nur nach einer alten Methode, und Ludwig habe bloß beim Abschreiben Fehler gemacht.
In „Der Meineid“ muss Ludwig, nachdem er einen Mitschüler geschlagen hat, sechs Stunden Karzer in der Wohnung des Rektors absitzen. Am Montag liegt dort ein von außen durchs Fenster geworfener Stein, der auch das fast fertige Gemälde eines Rektorssohnes durchschlagen hat. Ludwig wird beschuldigt, schwört falsch, er habe es nicht getan, und entgeht so der Strafe.
In „Die Verlobung“ hat Ludwigs Klassenlehrer Bindinger ein Auge auf dessen Schwester Marie geworfen. Marie und die Mutter stehen der Verbindung sehr aufgeschlossen gegenüber, Ludwig dagegen mit Skepsis, da er Bindinger wie alle seine Lehrer nicht ausstehen kann. Immerhin nutzt er die Lage, um Marie als Ausrede für schlechte Leistungen anzuführen.
In „Gretchen Vollbeck“ wird die sechzehnjährige, bildungsbeflissene Gretchen Ludwig als Vorbild hingestellt. Ein Kaffeebesuch mit seiner Mutter bei der Familie Vollbeck gerät sehr peinlich.
In „Die Vermählung“ wird die Hochzeit von Marie und Bindinger zum großen Fest, das Ludwig aus der Sicht des Knaben schildert. Im Wirtshaus verleitet er seinen Cousin Max, den Sohn von Tante Gusti und Onkel Franz, zum Trinken von Wein und Champagner, sodass dieser das vorbereitete Gedicht auf das Brautpaar nicht mehr aufsagen kann.
In „Meine erste Liebe“ verliebt sich der vierzehnjährige Ludwig in die Tochter des Hausmeisters, die ihm täglich auf dem Schulweg begegnet. Zu schüchtern, sie anzusprechen, schreibt er einen Brief, den er ihr zustecken will. Da ihm das nicht gelingt, bewahrt er ihn im Lateinbuch auf. Der Brief fällt heraus, die Lehrer erfahren davon und meinen irrtümlich, er sei an die Tochter von Rupp gerichtet, einem väterlichen Freund. So wird Ludwig bestraft und muss den geschätzten Kontakt zu Rupp abbrechen.
In „Das Baby“ kommen Marie und ihr Mann mit ihrem Kind zu Besuch. Alle sind entzückt, während Ludwig von seinem Schwager wegen seines mäßigen Zeugnisses ausgefragt wird. Zum Entsetzen aller weigert er sich, in die ersten Laute des Babys – „gugudada“ – mehr hineinzudeuten, als darin zu hören ist.
Stil↑
Getragen werden die Geschichten von der Ich-Perspektive des Buben Ludwig, der seine Streiche und Beobachtungen selbst erzählt. Gerade dieser kindliche Blickwinkel erzeugt den Humor: Was der Junge treuherzig und ungeschminkt berichtet, entlarvt die Heucheleien, Eitelkeiten und kleinen Schwächen der Erwachsenen oft schärfer, als es jeder Kommentar könnte. Die einzelnen Episoden stehen für sich, folgen aber einem wiederkehrenden Muster aus Streich, Aufdeckung und Strafe.
Die Sprache ist schlicht, anschaulich und dem bayerischen Milieu verpflichtet. Thoma zeichnet Lehrer, Onkel und fromme Tanten mit satirischem Strich und stellt ihre autoritäre oder frömmelnde Haltung bloß, ohne die Erzählung mit Belehrung zu beschweren. Die Komik entsteht aus dem Zusammenprall der kindlichen Unbekümmertheit mit der steifen Ordnung der Erwachsenenwelt.
Rezeption↑
Bis heute gehören die Lausbubengeschichten neben dem Münchner im Himmel zu den erfolgreichsten Werken Ludwig Thomas. Die Sammlung hat sich als einer der bekanntesten deutschen Beiträge zur heiteren Erzählliteratur behauptet und ihren Reiz über die Jahrzehnte bewahrt. Dass eine spätere Ausgabe von Olaf Gulbransson illustriert wurde, unterstreicht die anhaltende Beliebtheit der Bubenstreiche.
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