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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Polyeucte
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Polyeucte
1643
– Werkseintrag –

Polyeucte

1643 · Tragödie

Ein junger Fürst wählt zwischen der Liebe seiner Frau und einem Glauben, der ihn das Leben kosten kann – Corneilles Tragödie über Treue, Pflicht und Bekehrung im römischen Armenien.

Überblick

Das Trauerspiel Polyeucte von Pierre Corneille wurde 1641 am Théâtre du Marais aufgeführt. Die Tragödie geht auf das Martyrium des Polyeuktos von Melitene zurück, der im 3. Jahrhundert unter römischer Herrschaft für seinen christlichen Glauben starb. Sie zählt zu den letzten bedeutenden Tragödien des französischen 17. Jahrhunderts, die einen religiösen Stoff für die öffentliche Bühne behandeln. Corneille schrieb später noch das religiöse Stück Théodore; Jean Racine verfasste mit Esther und Athalie zwei weitere geistliche Tragödien, die jedoch nicht für das öffentliche Theater bestimmt waren. Polyeucte verbindet die Themen Liebe, Ehre und religiöse Bekehrung zu einem Konflikt, der bis heute als eines der eindringlichsten Werke des Dichters gilt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Die Handlung spielt in Melitene, der Hauptstadt des römisch beherrschten Armenien, im Palast des Statthalters Felix. Dessen Schwiegersohn, der junge Fürst Polyeukt, ist von seinem Freund Nearchos zum christlichen Glauben bekehrt worden. Nearchos drängt ihn, sich ohne weiteren Aufschub taufen zu lassen.

Polyeukt zögert jedoch, denn seine junge Frau Pauline hat ihn nach einem beängstigenden Traum beschworen, den Palast nicht zu verlassen. Im Schlaf hat sie ihren Mann durch die Hand eines früheren Verehrers sterben sehen: Severus, ein römischer Edelmann, den sie einst in Rom liebte und der im Krieg verschollen schien.

Da trifft eine überraschende Nachricht ein: Severus ist nicht gefallen, sondern hat sich im Kampf hervorgetan und steht nun in der Gunst des Kaisers. Sein Wiedersehen mit Pauline stellt die junge Frau vor eine schwere Prüfung zwischen alter Neigung und ehelicher Pflicht. Zugleich gerät Polyeukt zwischen seinen neuen Glauben und die heidnische Welt, in der er lebt. Aus diesen Spannungen entwickelt sich ein Konflikt, der alle Beteiligten an ihre Grenzen führt.

Die Handlung im Detail

Im ersten Akt mahnt Nearchos seinen Freund Polyeukt, die Taufe nicht länger hinauszuzögern. Polyeukt zögert wegen Paulines warnendem Traum, lässt sich aber überzeugen und verlässt den Palast, während Pauline ihn vergebens zurückzuhalten versucht. Ihrer Vertrauten Stratonike gesteht sie ihre einstige Liebe zu Severus, den ihr Vater Felix einst als Bewerber abgewiesen hatte und der aus Verzweiflung in den Krieg zog und als gefallen galt. Im Traum hat sie ihn gesehen, wie er den von Christen ausgelieferten Polyeukt tötet. Dann erscheint Felix mit der Nachricht, dass Severus lebt, dem Kaiser Decius das Leben rettete und nun bei Hofe in hohem Ansehen steht. Der ängstliche Statthalter bittet seine widerstrebende Tochter, dem mächtigen Mann entgegenzugehen und ihn günstig zu stimmen.

Im zweiten Akt erfährt Severus durch seinen Diener Fabian von Paulines Heirat. Bei der Begegnung gesteht Pauline, dass sie ihn noch liebt, erklärt aber zugleich, ihre Neigung der Pflicht und Ehre zu opfern. Polyeukt kehrt zurück und bewundert die Standhaftigkeit seiner Frau, die ihm verspricht, Severus nie wiederzusehen. Als Polyeukt zu einem Opferfest gerufen wird, das Severus zu Ehren des römischen Sieges über die Perser leiten soll, wird er von der göttlichen Gnade ergriffen. Er gewinnt den anfangs zögernden Nearchos dafür, mit ihm den Götzendienst herauszufordern, und beide ziehen zum Tempel, um die Standbilder der heidnischen Götter zu zerstören.

Im dritten Akt erfährt Pauline durch Stratonike von der Bekehrung ihres Mannes und der Schändung der Götterbilder. Der bestürzte Felix lässt die Frevler verhaften und ordnet die Hinrichtung des Nearchos an, in der Hoffnung, Polyeukt dadurch einzuschüchtern und zum Widerruf zu bewegen. Doch der Tod des Freundes hat den Glauben Polyeukts nur gestärkt. Felix trägt Pauline auf, ihren Mann umzustimmen, und beklagt, allein zurückgeblieben, seine eigene Schwäche und Unentschlossenheit.

Im vierten Akt festigt Polyeukt in einem berühmten Monolog seine Seele, indem er die Vergänglichkeit der irdischen Bindungen der himmlischen Seligkeit gegenüberstellt. Seiner bald flehenden, bald heftig drängenden Frau setzt er seine unerschütterliche Entschlossenheit entgegen und ruft sie auf, sich ebenfalls zu bekehren. Vor seinem Gang in den Tod will er Pauline dem eigens herbeigerufenen Severus anvertrauen. Doch Pauline weist die Hand ihres einstigen Geliebten zurück und bittet ihn, Polyeukt vor dem Martyrium zu retten. Trotz seines Schmerzes und der Warnungen Fabians nimmt Severus diese Aufgabe an, auch aus Achtung vor den Christen.

Im fünften Akt missdeutet Felix die großmütige Fürsprache des Severus und hält sie für unaufrichtig. Ein letzter Versuch, Polyeukt umzustimmen, scheitert, da dieser die Falle durchschaut. Auch Paulines abwechselnde Beschwörungen an Mann und Vater bleiben vergeblich. Schließlich reizt der Trotz Polyeukts die Geduld des Felix so sehr, dass er ihn zum Tode schickt. Während der Statthalter sein Handeln zu rechtfertigen sucht, vollzieht sich das Martyrium. Pauline, die es mit angesehen hat, kehrt verwandelt zurück und erklärt, durch das vergossene Blut ihres Mannes selbst zum Glauben gefunden zu haben. Auch Felix wird von der Gnade ergriffen, gerade als Severus ihm seine Grausamkeit vorwerfen will. Der kaiserliche Günstling bestätigt Felix in seinem Amt und verspricht, seinen Einfluss zu nutzen, um die Verfolgungen zu beenden.

Stil

Das Stück folgt streng den Regeln der klassischen französischen Tragödie. Die gesamte Handlung spielt an einem einzigen Ort, dem Palast des Statthalters Felix in Melitene, und ist in fünf Akte gegliedert. Die Hauptfiguren werden von Vertrauten begleitet – Pauline von Stratonike, Severus von Fabian, Felix von Albin –, denen sie ihre Zweifel und Pläne anvertrauen, sodass der Zuschauer ihr Inneres miterlebt. Auf diese Weise treibt Corneille das Geschehen weniger durch äußere Handlung als durch das Ringen widerstreitender Gefühle voran: Liebe gegen Pflicht, irdische Bindung gegen religiöse Berufung.

Ein Höhepunkt ist der Monolog Polyeukts im vierten Akt, in dem er in feierlichen Strophen die Hinfälligkeit des Irdischen gegen die himmlische Seligkeit abwägt. Diese Szene zählt zu den bekanntesten Passagen des Werks und zeigt, wie Corneille seelische Zerrissenheit in klare, gegensätzlich gebaute Reden fasst.

Rezeption

Über die Bühne hinaus hat Polyeucte immer wieder Komponisten angeregt. Marc-Antoine Charpentier schrieb die Musik zu einem Ballett, das 1680 am Collège d'Harcourt zwischen den Akten einer lateinischen Aufführung des Stücks getanzt wurde. Charles Gounod ließ sich zu einer gleichnamigen Oper inspirieren, die 1878 herauskam. Paul Dukas komponierte zu Corneilles Stück eine Ouvertüre, die 1892 erstklang. Diese musikalischen Bearbeitungen zeigen, dass der Stoff um Glaube, Liebe und Opfer noch lange nach seiner Entstehung nachwirkte.

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