Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Poison
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Poison
1883
– Werkseintrag –

Poison

1883 · Roman

Ein schmächtiger Schuljunge zerbricht am Latein-Drill einer norwegischen Kleinstadt – Kiellands schonungslose Abrechnung mit dem Schulwesen, die schon mit ihrem Titel „Gift“ vor sich selbst warnt.

Überblick↑

Der Roman Poison – im norwegischen Original Gift – stammt von dem norwegischen Schriftsteller Alexander Kielland und erschien 1883. Es ist der erste Teil einer Trilogie, zu der auch Fortuna und St. Hans Fest gehören. Das Buch ist eine scharfe Abrechnung mit dem norwegischen Schulwesen, besonders mit dem übertriebenen Drill im Fach Latein. Kielland zeigt, wie ein starres Erziehungssystem und die gesellschaftlichen Zwänge einer Kleinstadt junge Menschen prägen und beschädigen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht das Schulleben einer norwegischen Kleinstadt. Der kleine Marius ist ein schmächtiger, wenig begabter Schuljunge, der in fast allen Fächern versagt. Nur im auswendig gelernten Latein tut er sich hervor. Er ist der Sohn von Frau Gottwald, die ihn außerhalb der Ehe zur Welt gebracht hat. Diese uneheliche Geburt haftet Mutter und Sohn als stiller Makel an: Marius gilt in den Augen der Stadt als „unehelich“. Aus Höflichkeit und Mitleid reden die Leute seine Mutter dennoch mit „Frau“ an, einem Titel, der sonst nur verheirateten und angesehenen Frauen zusteht. Trotz seines geringeren gesellschaftlichen Ranges darf Marius mit den Kindern der besseren Familien die Schule besuchen.

Sein Freund ist Abraham Løvdahl, Sohn eines angesehenen Professors. Abrahams Mutter Wenche ist eine Idealistin, die sich darum müht, ihren Sohn aufrichtig und aufrecht zu erziehen. Der Roman verfolgt, wie das Schulsystem mit seinem Latein-Drill und die Erwartungen der Gesellschaft auf diese Kinder und ihr Umfeld wirken.

Die Handlung im Detail↑

Die erste Hälfte des Romans schildert die Qualen des kleinen Marius im Schulalltag. Der schmächtige und wenig begabte Junge scheitert an nahezu allen Fächern, einzig das mechanische Auswendiglernen im Latein gelingt ihm. Als uneheliches Kind der Frau Gottwald trägt er den stillen Makel seiner Herkunft. Die Mitschüler stammen aus den angesehenen Familien der Stadt, er selbst steht gesellschaftlich unter ihnen. Der Latein-Drill der Schule bricht ihn schließlich: Während seiner letzten Krankheit murmelt Marius bis zuletzt auswendig gelernte Formeln vor sich hin, seine letzten Worte sind „Mensa rotunda“.

Die eigentliche Hauptfigur ist Marius' Freund Abraham Løvdahl, Sohn eines geachteten Professors. Seine Mutter Wenche versucht als Idealistin vergeblich, den Sohn ehrlich und aufrecht zu halten. Ihr eigenes Schicksal nimmt eine dunkle Wendung: Sie wird von dem Geschäftsmann Michal Mordtmann schwanger und nimmt sich das Leben.

Der Titel des Buches ist eine Reaktion auf einen Kritiker. Ein früheres Werk Kiellands, Else, en Julefortælling, war als angenehmes, familienfreundliches Weihnachtsbuch verkauft worden, obwohl es in Wahrheit äußerst naturalistisch war und Themen wie bittere Armut, Missbrauch, Machtmissbrauch und Alkoholismus behandelte. Ein Kritiker warf Kielland daraufhin vor, er habe „Gift“ in die Häuser der arglosen Familien geschmuggelt. Kielland nannte seinen neuen Roman daraufhin Gift, damit ihm niemand vorwerfen könne, er habe sein Publikum nicht gewarnt. Verbreitet ist die irrige Annahme, der Titel trage eine Doppelbedeutung, weil das norwegische Wort für „Gift“ zugleich „verheiratet“ bedeutet.

Stil↑

Kennzeichnend für das Werk ist die Schärfe, mit der Kielland gesellschaftliche Missstände offenlegt. Er verzichtet auf verklärende Schönfärberei und zeigt die Härten des Schulalltags und der sozialen Ordnung ungeschminkt. Der Roman ist als Angriff auf das Schulwesen angelegt, der sich vor allem gegen den Latein-Drill und die starren Erziehungsmethoden der Zeit richtet. Kielland verbindet die Kritik am Bildungswesen mit dem Blick auf die feinen Abstufungen von Ansehen und Ausgrenzung in einer Kleinstadt. Bezeichnend ist das Detail der lateinischen Formeln im Mund des sterbenden Marius, in dem sich die Kritik am mechanischen Auswendiglernen zu einem einprägsamen Bild verdichtet.

Rezeption↑

Als Auftakt einer Trilogie fand das Werk seine Fortsetzung in Fortuna und St. Hans Fest. Die Wirkung Kiellands war eng mit dem Vorwurf verbunden, er schmuggle unter harmlosem Deckmantel gesellschaftskritische und naturalistische Stoffe in die bürgerlichen Häuser. Diese Kritik, die einem früheren Buch galt, machte sich Kielland mit dem provozierenden Titel Gift selbst zu eigen. Der Roman zählt zu den bekannten Werken des Autors und wirkt als literarische Auseinandersetzung mit dem norwegischen Schulwesen bis heute nach.

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