Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Gezeichnet
1948
– Werkseintrag –

Gezeichnet

1948 · Roman

Die Lebensbeichte eines jungen Japaners, der die Menschen nicht versteht und sich hinter der Rolle des Clowns versteckt, bis ihm das eigene Spiel entgleitet.

Überblick↑

Der Roman Gezeichnet von Dazai Osamu erschien 1948 in der Zeitschrift Tembō als dreiteilige Serie. Der japanische Originaltitel 人間失格 (Ningen Shikkaku) bedeutet etwa „als Mensch disqualifiziert“. Das Buch gilt als Dazais Hauptwerk und als ein Meisterwerk der japanischen Nachkriegsliteratur. Erzählt wird die Lebensgeschichte des Yōzo Ōba von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter. Schon als Kind bemerkt er, dass ihm jedes Mitgefühl für andere Menschen fehlt. Daraus wächst die Überzeugung, gar nicht zur menschlichen Art zu gehören. Die Erzählung ist in der Ich-Form geschrieben und trägt deutlich autobiografische Züge. Sie greift Themen aus dem Leben des Autors auf: einen Suizidversuch, die Entfremdung von der Gesellschaft und die Depression. Viele Kritiker verstehen das Buch als Dazais letzten Willen, denn kurz nach der Veröffentlichung ertränkte er sich im Tamagawa-Kanal. Allein die Erstausgabe des Verlags Shinchōsha verkaufte sich mehr als 6,7 Millionen Mal. In der Liste der meistgelesenen Bücher Japans steht der Roman auf Platz zwei, hinter Kokoro von Natsume Sōseki.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Am Anfang steht ein Prolog, in dem ein Erzähler drei Fotografien eines Mannes beschreibt. Das erste zeigt ein Kind mit einem hässlichen, grimassenhaften Lächeln. Das zweite einen jungen Mann, dessen Lächeln „raffiniert und täuschend zugleich“ wirkt. Das dritte ist das widerwärtigste: der Mann sitzt ergraut und verwahrlost in einer Zimmerecke, das Gesicht ist so ausdruckslos geworden, dass man es sich nicht merken kann. Diese drei Bilder geben die Stufen der Handlung vor.

Danach folgen drei Hefte mit den Aufzeichnungen des Protagonisten Yōzo Ōba. Er beginnt mit dem Satz: „Ich habe ein schändliches Leben geführt.“ Yōzo gesteht, dass er Menschen und ihre Gefühle nicht versteht und Angst vor ihnen hat. Um diesen Mangel zu verbergen, lernt er früh, den Narren zu spielen. Mit Albernheiten macht er sich bei den anderen Kindern beliebt und bringt die ganze Familie zum Lachen. In der Schule gilt er als kluger Kopf, obwohl er den Unterricht oft versäumt und lieber Cartoons zeichnet. Fast beiläufig vertraut er dem Leser an, dass er als Kind von einem Diener und einer Dienerin sexuell missbraucht wurde. Erzählt hat er das niemandem.

Auf der Oberschule perfektioniert Yōzo seine Clownerien, doch innerlich bleibt er von allen anderen getrennt. Ein Mitschüler durchschaut das Spiel und verunsichert ihn tief. In Tokio schwänzt Yōzo die Hochschule, malt und liest. Er lernt den Lebemann Horiki Masao kennen, der ihm das Trinken, das Rauchen und den Umgang mit Prostituierten beibringt. Yōzo gerät in linke Kreise, verprasst sein Taschengeld in wenigen Tagen und lebt den Rest des Monats in Armut. Immer mehr Frauen fühlen sich zu ihm hingezogen, und immer stärker wächst seine Angst vor den Menschen. Der Weg führt in Rausch, Ausschweifung und eine Verzweiflung, aus der Yōzo keinen Ausweg mehr sieht.

Die Handlung im Detail↑

Zu Beginn beschreibt ein Erzähler drei Fotografien eines Mannes. Mit dem ersten Satz „Ich habe drei Fotografien von ihm gesehen“ gibt er zugleich die Gliederung des Buches vor. Das erste Bild stammt aus der Kindheit und zeigt ein nichtssagendes Gesicht mit einem hässlichen Grinsen, das Missfallen erregt. Das zweite entstand in der Schul- oder Studienzeit: Der junge Mann ist attraktiv, doch sein papiernes Lächeln wirkt unaufrichtig. Das dritte nennt der Erzähler das widerwärtigste. Es zeigt den Mann ergraut und verwahrlost vor einer bröckelnden Wand, ohne jedes Lächeln und mit einem Gesicht, das sich jeder Erinnerung entzieht. Dass die anschließenden Hefte die Aufzeichnungen dieses Mannes sind, erfährt der Leser erst im Epilog.

Im ersten Heft stellt sich Yōzo Ōba vor. Er beginnt mit dem Bekenntnis: „Ich habe ein schändliches Leben geführt.“ Ihm fehlt jede Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen, und er fürchtet sich vor ihnen. Als Ausgleich spielt er den Narren. Einmal trägt er im Sommer die roten Leggings seiner kleinen Schwester über den Armen, so dass es aussieht, als trüge er einen Pullover über dem Kimono. Vor einer Geschäftsreise nach Tokio fragt der Vater die Kinder nach Geschenkwünschen und notiert sie in einem Büchlein. Yōzo fällt nichts ein, auch der Vorschlag einer Maske für den Löwentanz zu Neujahr begeistert ihn nicht. Enttäuscht klappt der Vater sein Notizbuch zu, ohne etwas für den Sohn einzutragen. In der Nacht schleicht Yōzo aus Angst, den Vater verärgert zu haben, in die Stube der Eltern und schreibt „LÖWENMASKE“ hinein. Später belauscht er den heimgekehrten Vater, der der Mutter amüsiert erzählt, wie er im Spielzeugladen über den Eintrag lachen musste. Yōzo glaubt, die Gunst des Vaters zurückgewonnen zu haben. Ein anderes Mal lässt er einen Bediensteten wahllos auf die Klaviertasten schlagen und tanzt wild dazu, wieder lacht die Familie.

In der Schule gilt Yōzo als intelligent. Obwohl er wegen seiner Kränklichkeit oft fehlt, gehört er bei den Jahresprüfungen zu den Besten. Aufmerksam ist er nicht, in den Nachhilfestunden zeichnet er lieber Cartoons. Als ein Lehrer ihm verbietet, weiter lustige Geschichten im Unterricht zu schreiben, schreibt er trotzdem weiter, denn er weiß, dass sie den Lehrern insgeheim gefallen. Besonders freut er sich, als sein Lehrer eine der Geschichten an Kollegen weitergibt. Fast nebenbei erwähnt er, dass er als Kind von einem Diener und einer Dienerin sexuell missbraucht wurde. Er hat es niemandem erzählt, auch den Eltern nicht. Yōzo hält es für menschliche Sitte, einander zu betrügen. Zu dieser Überzeugung kam er, als er miterlebte, wie die engsten Freunde des Vaters über dessen Eröffnungsrede bei einer politischen Versammlung lästerten und ihn danach ins Gesicht lobten. Solche Täuschung hält er für unerlässlich, glaubt aber nicht, selbst dazu fähig zu sein. Das Heft endet mit dem Gedanken, dass vor allem Frauen seine Einsamkeit spürten und ihn deshalb leicht ausnutzen konnten.

Im zweiten Heft zieht Yōzo für die Oberschule zu seiner Tante, deren Haus nahe der Schule liegt. Bei Mitschülern und Lehrern ist er beliebt, seine Streiche hat er perfektioniert, doch innerlich bleibt er allen fremd. Im Sportunterricht fällt er absichtlich vom Reck, um Gelächter zu ernten. Der Mitschüler Takeichi wirft ihm vor, den Sturz vorgetäuscht zu haben. Dass jemand ihn durchschaut, verunsichert Yōzo, und er beschließt, sich mit Takeichi anzufreunden, bevor dieser ihn verrät. An einem Regentag findet er Takeichi trübsinnig vor dem Schuleingang, nimmt seine Hand und läuft mit ihm nach Hause. Takeichi klagt über schmerzende Ohren, Yōzo reinigt sie mit Watte und Alkohol. Während sein Kopf in Yōzos Schoß liegt, denkt Takeichi, dass sich wohl viele Frauen in Yōzo verlieben werden. Später bringt Takeichi eine Reproduktion von van Goghs Selbstporträt mit und nennt es einen „Geist“. Davon angeregt schwört Yōzo, ebenfalls Geister und dämonische Wesen zu malen. Er beginnt Selbstporträts, in denen sein inneres Unglück sichtbar wird, und hält sie versteckt, damit niemand sein wahres Ich sieht. Takeichi zeigt er sie doch und der prophezeit ihm, er werde einmal ein großer Maler. Im Haus der Tante stürmen zwei Cousinen nach Belieben in sein Zimmer. Einmal zwingen sie ihm eine Brille auf und lachen, weil er wie der amerikanische Komiker Harold Lloyd aussehe. Yōzo studiert daraufhin alles, was er über Lloyd finden kann, um seine Clownerie zu verfeinern.

Nach der Oberschule wird Yōzo zum Studium nach Tokio geschickt. Zuerst wohnt er kurz in einem Studentenwohnheim, dann im Stadthaus des Vaters in Ueno. Ist der Vater zu Hause, geht er brav zur Schule. Auf dessen Geschäftsreisen bleibt er dem Unterricht fern und verbringt die Tage mit Malen und Lesen. In einem Kunstkurs in Hongo lernt er Horiki Masao kennen, der ihm das Trinken, das Rauchen und die Gesellschaft von Prostituierten beibringt. Obwohl Yōzo Prostituierte für niedere Wesen hält, entstehen echte Bindungen. Bald genießt er seinen Ruf als Frauenheld. Horiki nimmt ihn zu einem geheimen Treffen von Kommunisten mit, wo Yōzo den dialektischen Materialismus von Karl Marx vertritt, obwohl er ihn insgeheim für unzureichend hält. Er wird beliebt und mit Botengängen betraut. Als der Vater das Stadthaus verkauft, muss Yōzo in eine Pension in Hongo ziehen. Sein Taschengeld ist stattlich, doch er verprasst es in zwei, drei Tagen mit Trinken und Sex und lebt den Rest des Monats in Armut. Die Pflichten gegenüber der marxistischen Gruppe und die Frauen, die ihn lieben, bedrängen ihn zusehends.

In einem Café in Ginza lädt ihn die Wirtin Tsuneko auf einen Cocktail ein. Er verbringt die Nacht bei ihr, und sie erzählt ihm unerwartet von der tiefen Unglücklichkeit, mit der sie täglich kämpft. Einen Monat später kehrt Yōzo mit Horiki dorthin zurück, in der Hoffnung auf freien Schnaps. Horiki versucht Tsuneko zu küssen und macht sich dann über ihr ärmliches Aussehen lustig. Diese Taktlosigkeit weckt Yōzos Mitgefühl, und die beiden verbringen wieder eine Nacht miteinander. Tsuneko glaubt, Yōzos verstecktes Unglück erkannt zu haben, und schlägt einen gemeinsamen Selbstmord vor. Yōzo stimmt bereitwillig zu. In derselben Nacht springen sie bei Kamakura ins Meer. Tsuneko ertrinkt, Yōzo überlebt.

Der Fall gilt als romantischer Doppelsuizid und kommt in die Nachrichten, was die Familie Ōba erzürnt. Auf dem Polizeirevier wird Yōzo über seine Beziehung zu Tsuneko verhört. Bei der körperlichen Untersuchung spielt er einen Husten vor, um Mitleid zu erregen, doch der Staatsanwalt durchschaut ihn als erster Mensch in seinem Leben. Yōzo kommt frei und wird Shibuta übergeben, einem Laufburschen des Vaters, den alle Flunder nennen und der ihn bewachen soll. Mit Hilfe des Vaters wird die Anklage wegen Beihilfe zum Suizid fallen gelassen.

Im dritten Heft wird Yōzo wegen des Suizidversuchs von der Universität ausgeschlossen. Er zieht in Flunders Haus in Ōkubo, wo er streng bewacht wird und nicht hinaus darf. Flunder fragt nach seinen Zukunftsplänen und deutet an, die Familie sähe eine Rückkehr an die Universität gern. Die Indirektheit dieser Rede verärgert Yōzo so sehr, dass er nicht erkennt, wie sehr ihm ein Studium finanziell helfen würde. Stattdessen beharrt er darauf, Maler werden zu wollen, worüber Flunder lacht. Am nächsten Morgen flieht Yōzo und hinterlässt eine beruhigende Notiz, er wolle nur mit Horiki über seine Zukunft sprechen. Zunächst war das eine Ausrede, doch dann erkennt er, dass ihm sonst niemand geblieben ist, und geht tatsächlich zu Horiki. Der empfängt ihn genervt. Beim Hinausgehen steht eine Frau namens Shizuko vor der Tür, eine Witwe, die für eine Zeitschrift arbeitet und eine Auftragsarbeit abholen will. Sie hört Yōzos Verzweiflung, nirgends unterzukommen, und bietet ihm an, bei ihr und ihrer Tochter Shigeko zu wohnen. Er nimmt an und bittet um Arbeit als Künstler. Shizuko hält das für einen Scherz und gibt ihm stattdessen eine Anstellung als Cartoonist für ihre Kinderzeitschrift.

Der weitere Weg führt abwärts. Yōzo verfällt sexuellen Exzessen und dem Alkohol, zuletzt vollständig dem Morphium, und landet in einer psychiatrischen Klinik. Nach drei Monaten holt ihn sein Bruder heraus und bringt ihn in ein Haus, das eigens für ihn gekauft wurde. Doch seine Einsamkeit und innere Abgeschiedenheit haben ihren Höhepunkt erreicht. In völliger Teilnahmslosigkeit fühlt sich Yōzo am Ende „als Mensch disqualifiziert“.

Stil↑

Erzählt wird durchgehend in der Ich-Form, und zwar in Gestalt von Aufzeichnungen, die der Protagonist selbst hinterlassen hat. Ein Prolog und ein Epilog rahmen diese drei Hefte ein. Im Prolog beschreibt ein anderer Erzähler drei Fotografien; erst im Epilog erfährt der Leser, dass die Hefte von dem Mann auf diesen Bildern stammen. Die drei Fotografien geben zugleich die Gliederung und die Lebensstufen vor: das grimassenhafte Kinderlächeln, das raffiniert täuschende Lächeln des jungen Mannes und schließlich das Gesicht ohne jeden Ausdruck. Der Text trägt starke autobiografische Züge und greift Erfahrungen aus dem Leben des Autors auf. Auffällig ist der beiläufige Ton, in dem selbst Schwerstes mitgeteilt wird: Den Missbrauch in der Kindheit erwähnt der Erzähler fast nebenher. Der Kritiker Serdar Yegulalp beschrieb den Roman als „düster auf eine Weise, die sowohl extrem als auch seltsam ungezwungen ist“.

Rezeption↑

Als eines der meistgelesenen Bücher Japans hat der Roman eine außergewöhnliche Verbreitung erreicht. Allein die Erstausgabe von Shinchōsha verkaufte sich mehr als 6,7 Millionen Mal. In der Liste der meistgelesenen Bücher Japans steht das Werk auf Platz zwei, hinter Kokoro von Natsume Sōseki. Weil sich Dazai kurz nach der Veröffentlichung im Tamagawa-Kanal ertränkte, lesen viele Kritiker das Buch als seinen letzten Willen.

William Bradbury von der Japan Times nannte den Roman zeitlos: „Der Kampf des Einzelnen, sich in eine sich normalisierende Gesellschaft einzufügen, ist heute noch genauso relevant wie zur Zeit der Niederschrift.“ Serdar Yegulalp von Genji Press hob hervor, wie stark Dazai die Lage seines Protagonisten darstellt. Beide Kritiker betonten die autobiografischen Züge, hielten aber zugleich fest, dass Dazais Erzählweise die Leser mit Yōzo mitfühlen lässt, statt den Blick auf den Autor zu lenken. In der Neuen Zürcher Zeitung äußerte sich Ludger Lütkehaus zu dem Buch. Die Rockmusikerin Patti Smith bekennt sich als Bewunderin Dazais und seines Werks und bezeichnete Gezeichnet als sein Meisterwerk. Naoko Miyaji vermutete in einem Kommentar zu Richard Gartners Studie Betrayed as Boys: Psychodynamic Treatment of Sexually Abused Men, dass Dazai während des Schreibens an einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung und an Überlebensschuld litt.

Das Buch wurde mehrfach verfilmt. 2010 kam The Fallen Angel unter der Regie von Genjiro Arato in die Kinos, 2019 der Anime-Film Human Lost von Fuminori Kizaki. Im deutschen Sprachraum erschien 2024 im Suhrkamp Verlag eine Ausgabe unter dem Titel No Longer Human. Bekenntnisse eines Gezeichneten, übersetzt von Jürgen Stalph und mit einer Nachbemerkung von Irmela Hijiya-Kirschnereit.

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