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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Dazai Osamu
Dazai Osamu
1909 – 1948
– Autorenporträt –

Dazai Osamu

1909 – 1948 · 38 Jahre

Japanischer Erzähler aus wohlhabendem Haus, der sein eigenes Scheitern zum Stoff machte und sich 1948 im Tama-Kanal das Leben nahm.

Kurzbiografie↑

Unter dem Namen Dazai Osamu schrieb der Japaner Tsushima Shūji, geboren 1909 im nordjapanischen Kanagi. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie von Landbesitzern und Politikern, brach ein Studium der französischen Literatur ab und veröffentlichte 1933 seine ersten Kurzgeschichten unter dem gewählten Pseudonym. Sein Leben war von Sucht, einer gescheiterten Ehe und mehreren Selbsttötungsversuchen geprägt; 1948 ertränkte er sich mit seiner Geliebten Yamazaki Tomie im Tama-Kanal. Auf Deutsch bekannt wurde vor allem No Longer Human. Bekenntnisse eines Gezeichneten. In Japan erinnert eine Gedenkstätte in seinem Geburtshaus an ihn, und ein nach ihm benannter Preis fördert junge Schriftsteller.


Biografie↑

Geboren wurde Dazai am 19. Juni 1909 in Kanagi-chō in der Präfektur Aomori, heute ein Teil der Stadt Goshogawara. Er war das zehnte von elf Kindern. Sein Vater Tsushima Gen'emon besaß ausgedehnten Grundbesitz und saß im japanischen Parlament: Ins Unterhaus wurde er gewählt, als der Sohn drei Jahre alt war, zehn Jahre später ins Oberhaus. Das Geburtshaus zählte neunzehn Räume, Küche und Diensträume nicht mitgerechnet.

Irmela Hijiya-Kirschnereit meint, Dazai habe in dieser Familie die Rolle eines Außenseiters einnehmen müssen. Eine wirklich enge Bindung habe er nur zu seinem Kindermädchen Take aufgebaut. Der Junge las viel und begann mit dreizehn Jahren, eigene Geschichten zu schreiben. Tief traf ihn 1927 der Freitod von Akutagawa Ryūnosuke, den er verehrte.

Von 1930 bis 1935 studierte Dazai an der Universität in Tokio französische Literatur. Auf akademischen Erfolg legte er wenig Wert. Stattdessen verbrachte er immer mehr Zeit mit dem Schreiben, schloss sich kurzzeitig einer marxistischen Bewegung an und brach das Studium schließlich ab. 1933 erschienen seine ersten Kurzgeschichten; damals nahm er auch das Pseudonym Dazai Osamu an. Breitere Anerkennung fand er erst ab 1935 als Schüler von Ibuse Masuji.

In die Jahre 1928 bis 1935 fallen drei Selbsttötungsversuche. 1928 nahm er eine Überdosis Schlafmittel. 1930 wollte er gemeinsam mit der neunzehnjährigen Kellnerin Shimeko ins Wasser gehen: Sie starb, er überlebte und musste sich vor der Polizei verantworten. 1935 misslang ihm der Versuch, sich zu erhängen. Drei Wochen darauf erkrankte er an einer Blinddarmentzündung und musste operiert werden. Die Behandlung im Krankenhaus machte ihn abhängig von Schmerzmitteln. Über ein Jahr kämpfte er gegen die Sucht an. Im Oktober 1936 kam er in eine Anstalt und entschloss sich dort zu einem kalten Entzug, der über einen Monat dauerte. Diese Erfahrungen flossen später in das Buch Gezeichnet ein.

Während des Entzugs betrog ihn seine erste Frau Oyama Hatsuyo mit einem engen Freund. Als Dazai davon erfuhr, versuchten beide Eheleute gemeinsam, sich das Leben zu nehmen. Nachdem auch das gescheitert war, ließen sie sich scheiden. Am 8. Januar 1939 heiratete Dazai Ishihara Michiko. Das Paar reiste viel, und er schrieb literarische Reiseberichte. Am 7. Juni 1941 kam die Tochter Sonoko zur Welt.

Als Japan in den Zweiten Weltkrieg eintrat, wurde Dazai wegen eines Brustkorbleidens nicht eingezogen. Sein Schaffen kam in den Kriegsjahren dennoch fast zum Erliegen. Die immer schärfere Zensur verhinderte den Druck seiner Arbeiten, und sein Haus wurde mehrfach bombardiert. Am 10. August 1944 wurde der Sohn Masaki geboren. Im April 1945 verließ die Familie wegen der Luftangriffe die Stadt. Nach der Rückkehr im November begann Dazai Verhältnisse mit mehreren Frauen. 1947 kamen zwei Töchter zur Welt: am 30. März die eheliche Tochter Satoko, später Yūko genannt, und am 12. November ein Mädchen namens Haruko, dessen Mutter seine Geliebte Ōta Shizuko war.

Nach Kriegsende änderte sich sein Schreiben. Die Probleme, die Auflehnung und die Todesgedanken seiner Jugend traten nun deutlicher hervor. Am 13. Juni 1948 ertränkte sich Dazai zusammen mit seiner Geliebten Yamazaki Tomie im Tama-Kanal. Seine Leiche wurde am 19. Juni geborgen, an seinem 39. Geburtstag. Zurück blieb ein unvollendeter Fortsetzungsroman mit dem Titel Guddo bai. Beigesetzt wurde seine Urne im Tempel Zenrin-ji in Mitaka.

Auch andere Mitglieder der Familie traten öffentlich hervor. Sein älterer Bruder Tsushima Bunji war Bürgermeister von Kanagi und später Gouverneur von Aomori. Seine Tochter Yūko Tsushima wurde ebenfalls Schriftstellerin, veröffentlichte 1969 ihre erste Geschichte und starb 2016 im Alter von 68 Jahren.


Literarische Merkmale↑

Erzählformen kurzer Prägung standen im Mittelpunkt seines Werks: Dazai schrieb vor allem Kurzgeschichten und Erzählungen, daneben Romane und literarische Reiseberichte. Das eigene Leben lieferte ihm den Stoff. Die Erfahrungen seines Entzugs in der Anstalt gingen unmittelbar in Gezeichnet ein, und nach dem Zweiten Weltkrieg rückten die Probleme, die Auflehnung und die Todesgedanken seiner Jugendjahre noch stärker in den Vordergrund. Eine frühe Werkgruppe bilden die zwischen 1930 und 1936 entstandenen Kurzgeschichten der Sammlung Bannen, auf Deutsch Die dunklen Jahre.


Rezeption↑

Bekannt wurde Dazai im deutschen Sprachraum vor allem durch No Longer Human. Bekenntnisse eines Gezeichneten, das 2024 bei Suhrkamp in der Übersetzung von Jürgen Stalph und mit einer Nachbemerkung von Irmela Hijiya-Kirschnereit erschien; Verfilmungen trugen zur Verbreitung des Stoffes bei. Weitere Übersetzungen liegen vor: die Erzählung Alte Freunde (Cass Verlag, 2017, ebenfalls von Jürgen Stalph), der von Eduard Klopfenstein herausgegebene Erzählband Die Teufel des Tsurugi-Bergs (be.bra, 2012, übersetzt von Verena Werner) sowie Einspruch der Dekadenz mit zwölf Kurzgeschichten (Angkor Verlag, 2012, übersetzt von Alexander Wolmeringer).

In Japan hält man sein Andenken auf mehrfache Weise wach. Sein Geburtshaus beherbergt heute als Dazai-Osamu-Gedenkstätte ein Museum zu Leben und Werk. Die Stadt Mitaka und der Verlag Chikuma Shobō vergeben jährlich gemeinsam den Dazai-Osamu-Preis an Nachwuchsschriftsteller.

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