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Gewitter
1859
– Werkseintrag –

Gewitter

1859 · Drama

In einer engen Kaufmannsstadt an der Wolga gerät eine junge Frau zwischen die Strenge ihrer Familie und die Sehnsucht nach Liebe.

Überblick

Das Drama Gewitter gehört zu den bekanntesten Bühnenwerken des russischen Dramatikers Alexander Ostrowski. Es ist in fünf Akten angelegt und spielt in einer Kleinstadt an der Wolga. Uraufgeführt wurde es 1859, im Jahr darauf erschien es im Druck. Im Mittelpunkt steht Katerina Kabanowa: ihr Ehebruch, die Gründe dafür und die Folgen. Geschildert wird dabei die enge, von Strenge und Frömmigkeit bestimmte Welt einer russischen Kaufmannsfamilie.

Inhalt (ohne Spoiler)

In einer Kleinstadt an der Wolga herrscht ein enges, strenges Leben. Katerina ist mit dem Kaufmannssohn Kabanow verheiratet und steht unter der Fuchtel seiner herrschsüchtigen Mutter, der Kabanowa. Sie fühlt sich eingeengt und unglücklich. In derselben Stadt lebt Boris, der Neffe des jähzornigen Kaufmanns Dikoi. Weil sein Erbe an den Gehorsam gegenüber dem Onkel gebunden ist, muss er dessen Schikanen ertragen.

Katerina und Boris fühlen sich zueinander hingezogen, obwohl Katerina weiß, dass ein solches Gefühl Sünde ist. Ihre leichtlebige Schwägerin Warwara ermuntert sie, Boris wenigstens zu treffen. Als Kabanow für längere Zeit verreist, wächst die Versuchung. Über der Stadt aber ballt sich immer wieder ein Gewitter zusammen, das wie eine Drohung über dem Geschehen hängt.

Die Handlung im Detail

Der erste Akt spielt in einer Kleinstadt an der Wolga. Dort wohnt der Kaufmann Dikoi, der in seinem Haus ein strenges Regiment führt und ständig schimpft. Sein Neffe Boris ist verwaist – die Eltern starben an der Cholera – und musste Moskau verlassen. Nun lebt er beim Onkel und kann sich gegen dessen Schikanen nicht wehren: Nach dem Testament seiner Großmutter erhält er sein Erbe nur, wenn er dem Onkel gehorcht. Sein einziger Lichtblick ist die Liebe zu Katerina, die allerdings verheiratet ist.

Katerina ist die Frau von Kabanow. Gemeinsam mit dessen Mutter, der Kabanowa, gehen die drei spazieren. Die despotische Alte lamentiert unablässig und wirft ihrem Sohn vor, er liebe sie nicht genug. Als Katerina mit ihrer Schwägerin Warwara allein ist, gesteht sie, dass sie sich eingeengt fühlt. Sie schwärmt für den jungen Boris, weiß aber, dass dies eine Sünde ist, und zwingt sich, ihre Gefühle zu unterdrücken. Die leichtlebige Warwara ermutigt sie, Boris wenigstens zu treffen. Dann zieht ein Gewitter auf. Während dies Warwara nicht bekümmert, will Katerina rasch nach Hause eilen.

Im zweiten Akt muss Kabanow für zwei Wochen verreisen. Warwara schlägt ihrer Schwägerin vor, gemeinsam im Gartenhaus zu übernachten, außer Reichweite der Kabanowa. Sie besorgt den Schlüssel zur Pforte und gibt ihn Katerina, die hin- und hergerissen ist. Um sich vor der Versuchung zu schützen, hatte Katerina ihren Mann zuvor gebeten, die Reise nicht anzutreten oder sie wenigstens mitzunehmen – er lehnte beides ab.

Im dritten Akt kommt es abends beim Gartenhaus zum ersten Treffen zwischen Katerina und Boris, während sich Warwara mit Kudrjasch vergnügt. Obwohl Katerina weiß, dass es für sie übel enden wird, gibt sie sich ihm ganz hin.

Der vierte Akt spielt auf dem Boulevard, wo einige Leute promenieren. Es regnet, ein Gewitter zieht herauf. Kabanow ist überraschend schon zehn Tage nach seiner Abreise zurückgekehrt, sodass die Treffen mit Boris nicht mehr möglich sind. Katerina ist darüber am Boden zerstört. Als die Familie über den Boulevard geht, bricht es aus ihr heraus: Vor allen Leuten gesteht sie ihren Ehebruch.

Im fünften Akt würde Kabanow seiner Frau von sich aus verzeihen, wäre da nicht seine despotische Mutter. Boris wird von seinem Onkel weit fortgeschickt, ins Kontor eines Bekannten nach Sibirien. Es kommt noch zu einer Abschiedsszene zwischen Boris und Katerina. Danach springt Katerina verzweifelt in die Wolga. Kabanow macht seine Mutter für das Geschehene verantwortlich und wirft sich über den Leichnam seiner Frau.

Stil

Das Werk ist ein Drama in fünf Akten. Sein Schauplatz bleibt eng begrenzt: eine Kleinstadt an der Wolga, deren strenge, fromme und herrschsüchtige Welt den Rahmen für das ganze Geschehen bildet. Das Gewitter, das dem Stück den Titel gibt, kehrt als Bild wieder – im ersten Akt kündigt es sich an, im vierten zieht es über die Stadt herauf, gerade als Katerinas innere Not ihrem Höhepunkt zustrebt. So verbindet sich das Naturereignis mit der seelischen Spannung der Hauptfigur. Getragen wird das Drama von den Gegensätzen der Figuren: der eingeengten Katerina, der despotischen Kabanowa, der leichtlebigen Warwara und dem jähzornigen Dikoi.

Rezeption

Die berühmteste zeitgenössische Deutung stammt vom Kritiker Nikolai Dobroljubow, der Katerinas Selbstmord 1860 als „einen Lichtstrahl im dunklen Reich" verstand – als Auflehnung gegen die erstarrte, tyrannische Kaufmannswelt. Auch auf der Musik- und Filmbühne hat das Drama vielfach nachgewirkt. Der Komponist Leoš Janáček schuf daraus seine Oper Katja Kabanowa, die 1921 herauskam. Das Libretto verfasste er selbst, ins Deutsche übertrug es Max Brod. Schon 1864 komponierte Peter Tschaikowski eine Ouvertüre zum Gewitter; sie wurde erst 1896 nach seinem Tod aufgeführt. Die erste Verfilmung stammt von Kai Gansen aus dem Jahr 1912. 2019 entstand eine weitere Filmfassung unter der Regie von Grigori Konstantinopolski.

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