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Das Lexikon der klassischen Literatur
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1831
– Werkseintrag –

Gesänge

1831 · Lyrik

Eine der wichtigsten Gedichtsammlungen der italienischen Literatur – einundvierzig Gedichte, in denen Giacomo Leopardi mit klassischer Klarheit vom unerreichbaren Glück und vom Reiz der Welt erzählt.

Überblick

Mit der Gedichtsammlung Canti hat Giacomo Leopardi (1798–1837) das Herzstück seines lyrischen Werks geschaffen. Das Buch erschien erstmals 1831 in Florenz beim Verleger Piatti. In den folgenden Jahren erweiterte Leopardi es um weitere Gedichte. Die Canti versammeln einundvierzig Gedichte. In ihnen verbinden sich klassische Bildung, romantisches Lebensgefühl und eine tief pessimistische Philosophie. Sie gelten als eines der bedeutendsten Werke der italienischen Dichtung überhaupt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Die Sammlung versammelt Gedichte aus verschiedenen Lebensphasen Leopardis. Am Anfang stehen patriotische Oden wie All'Italia und Sopra il monumento di Dante. Leopardi beklagt darin den Niedergang Italiens und beschwört die Größe der Antike, besonders die Gefallenen der Schlacht bei den Thermopylen und das Vermächtnis Dantes.

Es folgen die berühmten Idyllen und Canzonen der zwanziger Jahre. In L'Infinito sitzt der Dichter auf einem einsamen Hügel. Eine Hecke versperrt ihm die Aussicht, doch sein Denken wandert in grenzenlose Räume. Andere Gedichte wenden sich antiken Gestalten zu – Brutus, dem Mörder Caesars, oder der griechischen Dichterin Sappho. Leopardi nutzt sie, um über Tugend, Schönheit und Glück nachzudenken.

In der späten Werkphase ab 1828 entstehen Leopardis berühmteste Gedichte. A Silvia erinnert an ein junges Mädchen aus der Nachbarschaft. Il passero solitario handelt vom einsamen Sperling und vom noch einsameren Dichter. Le Ricordanze erzählt von den Erinnerungen der Jugend. Persönliches Erleben, philosophische Reflexion und eine immer dunkler werdende Sicht auf das menschliche Dasein verschmelzen zu Versen von außerordentlicher Klarheit.

Die Handlung im Detail

Die Canti lassen sich in drei große Werkphasen einteilen.

Die früheste Phase beginnt um 1818 mit den patriotischen Canzonen All'Italia und Sopra il monumento di Dante. In der ersten betrauert Leopardi die griechischen Krieger, die 480 v. Chr. unter Leonidas bei den Thermopylen gegen die Perser des Xerxes fielen, und kontrastiert die Größe der Vorzeit mit dem Verfall der italienischen Gegenwart. In der zweiten ruft er Dante an, sich des erbärmlichen Zustands des Vaterlandes zu erbarmen. Schon hier zeigt sich Leopardis Grundgedanke einer „Überzivilisation", die Leben und Schönheit zerstöre. Aus dieser frühen Phase stammen auch Le Rimembranze und L'appressamento della morte. 1819 versuchte Leopardi, der bedrückenden häuslichen Lage in Recanati durch eine Flucht nach Rom zu entkommen – sein Vater fing ihn ab. In dieser Zeit verdichtet sich der persönliche Pessimismus zu der philosophisch durchdachten Weltsicht, die seine späteren Verse prägt.

Den höchsten Ausdruck dieser Phase erreicht L'Infinito. Der Dichter sitzt auf einem abgelegenen Hügel; eine Hecke verstellt ihm den Horizont. Sein Denken aber kennt diese Schranke nicht und entwirft grenzenlose Räume, eine tiefe Stille, eine unendliche Vergangenheit. Wenn ein Windhauch die Blätter bewegt, hört der Dichter darin die Stimme der Gegenwart und durch sie hindurch alle vergangenen Zeiten und die Ewigkeit. Das Gedicht endet mit dem berühmten Vers „il naufragar m'è dolce in questo mare" – der Schiffbruch ist mir süß in diesem Meer.

In der mittleren Phase, den Canzonen der Jahre 1820 bis 1823, ruft Leopardi seine Zeitgenossen auf, in den Klassikern die alten Tugenden wiederzufinden. Anlässlich der Entdeckung von Ciceros De Republica durch den Bibliothekar Angelo Mai entsteht Ad Angelo Mai, in dem Leopardi auch die ihm besonders verbundene Gestalt Tassos beschwört. In Nelle nozze della sorella Paolina wünscht er – anlässlich einer Hochzeit, die nie stattfand – der Schwester Glück und erhebt dabei die starken Frauen der Antike über die eigene Gegenwart, die kein tugendhaftes Glück mehr zulasse. Ad un vincitor di pallone verachtet die Eintönigkeit eines Lebens, das nur durch Gefahr Wert gewinne: Nur wer dem Tod nahe war, könne dem Leben noch Süße abgewinnen.

In Bruto minore erscheint der Caesarmörder Brutus als Mann, der zeitlebens an Ehre, Tugend und Freiheit geglaubt und alles für diese Ideale geopfert hat. Zu spät erkennt er, dass alles vergeblich war und dass er selbst entehrt sterben wird. Sein Nachdenken führt zu dem bitteren Schluss, Moral sei sinnlos, Jupiter belohne nur die Selbstsüchtigen, der Mensch sei unglücklicher als das Tier – denn nur er wisse um sein Unglück und müsse über den Selbstmord nachdenken. Im Ultimo canto di Saffo tritt die griechische Dichterin Sappho auf, die Leopardi nach einer falschen Überlieferung seiner Zeit als großen Geist in einem missgestalteten Körper schildert. Sie liebt das Licht – den schönen Faone – und doch ist ihr Leben Schatten; sie liebt Natur und Schönheit, doch die Natur ist ihr stiefmütterlich begegnet. Das Gedicht beginnt als sanfte Anrede an die stillen Nächte und schlägt um in eine stürmische Anklage des Schicksals. Am Ende wünscht Sappho dem von ihr vergeblich Geliebten das wenige Glück, das auf Erden möglich ist, und erkennt, dass ihr selbst nur noch der Tartarus offensteht.

In Alla primavera beklagt Leopardi den Verlust der „lieblichen Täuschungen" – der mythologischen Welt, in der Nymphen Felder, Wälder und Quellen belebten. In Al conte Carlo Pepoli entfaltet er, an einen Freund gerichtet, die These, das Leben ziele auf Glück, das Glück aber sei unerreichbar; alles Leben sei daher ein endloser Kampf, und wer die Arbeit verweigere, falle dem Überdruss anheim. An diesem Punkt erwägt der enttäuschte Dichter, die Dichtung zugunsten der Philosophie aufzugeben.

Die dritte und reifste Phase beginnt 1823 mit Alla sua donna, einem Hymnus nicht an eine reale Geliebte, sondern an ein platonisches Frauenideal – rein, unberührbar, körperlos, ein Wesen, das sich nur durch die geliebte Frau hindurch zeigt. 1828 kehrt Leopardi mit Il Risorgimento zur Lyrik zurück; das Gedicht erzählt von der Wiederkehr der Empfindungsfähigkeit nach einer langen inneren Erstarrung. Im selben Jahr entsteht sein berühmtestes Gedicht A Silvia. Das junge Mädchen – vermutlich die Tochter eines Dienstboten im Hause Leopardi – verkörpert die Hoffnungen und Illusionen der Jugend; ihr früher Tod an der Schwindsucht steht für das Scheitern dieser Hoffnungen am Widerstand der Wirklichkeit. Die Anklage gegen die Natur, die mit den süßen Träumen der Jugend zugleich das spätere Leid bereite, ist hier besonders scharf – und doch zeigt gerade dieses Gedicht jene tiefe Liebe zum Leben, die Leopardis Pessimismus nie ganz auslöscht.

Il passero solitario steht in klassischer Vollendung daneben: Der Dichter sieht die Natur ihm zulächeln, vermag aber an ihrem Fest nicht teilzunehmen. Er ist einsamer als der Sperling auf dem Dach, denn dieser folgt seinem Instinkt, während der Mensch mit Vernunft und freiem Willen begabt ist und um die verlorene Jugend weiß. 1829, wieder im ungeliebten Recanati festgehalten durch Krankheit und Geldnot, schreibt Leopardi Le Ricordanze, das wohl autobiographischste seiner Gedichte, eine Beschwörung der Orte und Erinnerungen seiner Kindheit.

Stil

Leopardis Verskunst verbindet klassische Form mit romantischer Empfindung. Seine Sprache ist von außerordentlicher Klarheit und Knappheit. In wenigen Zeilen verdichtet er die Ergebnisse langer philosophischer Meditationen zu lyrischer Anschauung. Die Bilder sind scharf gezeichnet. Der Versbau folgt häufig dem italienischen Endecasillabo, doch löst Leopardi die strenge Metrik immer wieder in freiere Rhythmen auf.

Charakteristisch ist die Mischung der Tonlagen. Eine Idylle wie L'Infinito beginnt als ruhige Naturbetrachtung und mündet in eine metaphysische Erfahrung. Antike Gestalten – Brutus, Sappho, die Gefallenen der Thermopylen – werden zu Trägern moderner Erfahrungen. Die mythologische Welt beschwört Leopardi zugleich und betrauert sie als verloren. Sie dient ihm als Spiegel für die nüchterne Gegenwart. In den späten Gedichten tritt das persönliche Erleben stärker hervor. Erinnerung, Landschaft und philosophische Reflexion gehen ineinander über. Wiederkehrende Motive sind die einsame Höhe, die Hecke, der Wind, die Stille und die Nacht. Es sind kleine konkrete Wahrnehmungen, an denen sich die großen Fragen entzünden.

Rezeption

Die Canti gelten als eines der bedeutendsten Werke der italienischen Dichtung. Sie haben die italienische Lyrik bis weit ins zwanzigste Jahrhundert geprägt. Damit sicherten sie Giacomo Leopardi neben Dante und Petrarca einen festen Platz im Kanon der italienischen Literatur.

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