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Kleine moralische Werke
1827
– Werkseintrag –

Kleine moralische Werke

1827 · Prosa

In vierundzwanzig erfundenen Gesprächen lässt Giacomo Leopardi Natur, Mode und Tod selbst zu Wort kommen und fragt mit feiner Ironie nach dem Glück des Menschen.

Überblick

Bei den Operette morali handelt es sich um eine Sammlung von vierundzwanzig Prosastücken des Dichters und Gelehrten Giacomo Leopardi. Die meisten entstanden im Jahr 1824, einzelne kamen bis 1832 hinzu. Die endgültige Fassung erschien 1835 in Neapel. Zuvor waren bereits zwei weitere Ausgaben gedruckt worden. Die Stücke sind teils als Dialoge, teils als kurze Erzählungen angelegt. Der Ton ist mittel und ironisch. In ihnen verdichtet Leopardi die Gedanken, die er über Jahre in seinem umfangreichen Notizbuch, dem Zibaldone, gesammelt hatte. Es geht um das Verhältnis des Menschen zur Geschichte, zu seinen Mitmenschen und vor allem zur Natur. Über diese Natur entwickelt der Dichter eine ganz eigene philosophische Sicht. Damit gehören die Operette morali zu den zentralen Prosawerken der italienischen Literatur.

Inhalt (ohne Spoiler)

Versammelt sind kurze Texte, die meist als Gespräche zwischen zwei Figuren gestaltet sind. Diese Figuren sind oft ungewöhnlich gewählt: Es reden mythische Gestalten wie Herkules und Atlas, abstrakte Mächte wie die Mode und der Tod, Geister und Kobolde, aber auch Naturgewalten wie die Erde und der Mond. Leopardi greift damit eine alte Form auf, in der Götter, Tote und unbelebte Dinge sprechen können.

In diesen Gesprächen verhandelt der Dichter die großen Fragen, die ihn beschäftigen: das Glück und das Unglück des Menschen, die Macht der Illusionen, den Ruhm, die Langeweile und vor allem die Stellung des Menschen gegenüber einer übermächtigen Natur. Immer wieder wird der Wert vergangener Zeiten dem als armselig empfundenen Zustand der Gegenwart gegenübergestellt. Der Ton wechselt zwischen ernstem Nachdenken und feiner Ironie. Jedes Stück steht für sich, und doch kehren dieselben Gedanken in immer neuen Bildern und Gestalten wieder. Ein durchgehender Handlungsfaden fehlt. Der Reiz liegt im ständigen Wechsel von Personen, Schauplätzen und Tonlagen.

Die Handlung im Detail

Die Sammlung beginnt mit der Geschichte des Menschengeschlechts, einer Art Schöpfungs- und Verfallserzählung, in der erklärt wird, warum die Menschen ihr Glück verloren haben. Es folgt eine Reihe von Dialogen, in denen die Grundüberzeugung Leopardis immer deutlicher hervortritt: Die Natur ist dem Menschen gegenüber gleichgültig, ja feindlich, und sie sorgt nicht für sein Glück.

Besonders scharf zeigt sich dies im Dialog zwischen der Natur und einem Isländer. Ein Mann, der vor dem Leid geflohen ist, begegnet der Natur als gewaltiger Frauengestalt und hält ihr vor, dass sie ihn nur quäle. Die Natur antwortet, sie habe den Menschen weder zu seiner Freude noch zu seinem Leid geschaffen; sein Wohlergehen sei ihr völlig gleichgültig. Im Dialog zwischen der Mode und dem Tod erweisen sich beide als Schwestern, Töchter der Vergänglichkeit, die gemeinsam an der Zerstörung des Menschen arbeiten. Andere Stücke handeln von berühmten Gestalten der Geschichte, etwa vom Dichter Torquato Tasso, der sich mit seinem Schutzgeist über das Glück unterhält, oder von Christoph Kolumbus auf seiner Fahrt ins Ungewisse.

Den gedanklichen Kern bildet die Überzeugung, die Leopardi mit der Formel zusammenfasst, dass alles Übel sei. Diese Sicht wird in verschiedenen Texten umkreist, unter anderem im Gesang des wilden Hahns, der ein Bild vom Ende aller Dinge entwirft, und in einem als angebliches Fragment eines antiken Philosophen gestalteten Stück. Gegen Schluss steht der Dialog zwischen einem Almanachverkäufer und einem Spaziergänger: Der Verkäufer preist das kommende Jahr als besser an, muss aber im Gespräch zugeben, dass kein vergangenes Jahr wirklich glücklich war und die Hoffnung allein auf dem Unbekannten ruht.

Die Sammlung mündet in den Dialog zwischen Tristano und einem Freund, ein streitbares Stück, das mit dem Bruch Leopardis mit einer Florentiner Schriftstellergruppe zusammenhängt. Hier verteidigt der Dichter seine düstere Weltsicht gegen seine Kritiker. Bei aller Schwermut liegt das eigentlich Neue dieser Texte aber in einer Wendung im Inneren des Schriftstellers: Die Vernunft, die das Glück lange zu zerstören schien, wird nun zum einzigen Mittel des Menschen, der Verzweiflung zu entgehen. Wer die Lage klar erkennt, gewinnt eine Art Würde im Aushalten.

Die Reihenfolge und der Bestand der Stücke änderten sich über die verschiedenen Ausgaben. Einige Texte wurden erst später eingefügt, andere wegen der Zensur zeitweise zurückgehalten und erst nach und nach gedruckt.

Stil

Geschrieben sind die Stücke in einem mittleren, ironischen Ton. Dieser Ton vermittelt bewusst zwischen ernster Erörterung und feinem Spott. Leopardi knüpft an eine alte Tradition an, in der unbelebte Dinge, Tote und Götter miteinander sprechen. Vorbild ist dabei die Art des antiken Schriftstellers Lukian. Von ihm rührt auch die Lust an einer mitunter derben Komik her. Aus dieser Form gewinnt der Dichter die Freiheit, abstrakte Mächte wie Natur, Mode und Tod auftreten und reden zu lassen.

Auffällig ist die ständige Abwechslung. Personen, Schauplätze und Zeiten wechseln von Stück zu Stück. Durch diese Unruhe wird der Leser immer neu herausgefordert. Leopardi überlässt die Schlussfolgerung gern ihm selbst, statt sie auszusprechen. So entsteht eine Prosa, die gedanklich streng ist und zugleich durch ihre Leichtigkeit und ihren Witz überrascht. In diesen Texten vollzieht der Dichter den Übergang von der Dichtung zur Prosa, von der gefühlvollen Sprache der Verse zu einer nüchterneren, prüfenden Rede.

Rezeption

Anfangs taten sich die Leser in Italien schwer mit dieser ungewohnten Art von Literatur. Hinzu kamen Schwierigkeiten mit der Zensur. Bei der Drucklegung mussten einzelne Stücke zurückgehalten werden, und eine der Ausgaben durfte nur teilweise erscheinen. Verlegern und einzelnen Kennern, die den Geist des Werkes verstanden, ist es zu verdanken, dass die Sammlung dennoch ihren Weg fand.

Eine eigene Verdrießlichkeit bereitete Leopardi ein weiterer Umstand. Seine Operette morali wurden oft mit einem ähnlichen, erfolgreichen Unternehmen seines Vaters Monaldo verwechselt. Nicht selten wurde Giacomo fälschlich als dessen Verfasser genannt, was ihm Verlegenheit bereitete. In der Folgezeit wurden die Operette morali zu einem festen Gegenstand der Leopardi-Forschung und immer wieder neu gedeutet. Sie gelten heute als eines der wichtigsten Zeugnisse seines Denkens.

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