1798 – 1837
Giacomo Leopardi
Kurzporträt↑
Giacomo Leopardi (1798–1837) zählt zu den bedeutendsten italienischen Dichtern, Essayisten und Philologen des 19. Jahrhunderts. Neben Alessandro Manzoni kam ihm eine entscheidende Rolle bei der Erneuerung der italienischen Literatursprache zu. Sein schmales lyrisches Hauptwerk sind die Canti. Sie verbinden patriotische Töne, idyllische Naturbilder und tiefe Schwermut zu einer Stimme von eigentümlicher Eindringlichkeit. Daneben stehen die Operette morali, eine Reihe satirisch-philosophischer Dialoge. Hinzu kommt der posthum bekannt gewordene Zibaldone, ein umfangreiches Notizbuch über Literatur, Philosophie und Wissenschaft. Geboren wurde er in der konservativen Provinzstadt Recanati im Kirchenstaat. Er lebte ein kurzes Leben, geprägt von Krankheit, Geldnot und unglücklicher Liebe, und starb mit 38 Jahren in Neapel.
Biografie↑
Giacomo Leopardi wurde am 29. Juni 1798 in Recanati geboren, einer der rückständigsten Provinzstädte des Kirchenstaates. Er war das älteste von fünf Kindern des Grafen Monaldo Leopardi und der Gräfin Adelaide, geborene Antici. Der Vater war gebildet und nachgiebig, aber erzkonservativ; die Mutter galt als hart und bigott. Mit Giacomo wuchsen seine Geschwister Carlo und Paolina auf, die seine engsten Vertrauten wurden. Schon früh geriet die Familie in finanzielle Schwierigkeiten. Die Mutter rettete das Vermögen, der Vater zog sich auf seine Bibliothek und die Kindererziehung zurück.
Von 1807 bis 1812 unterrichteten drei geistliche Privatlehrer die Geschwister streng katholisch und sehr anspruchsvoll. Bereits 1809/10 entstanden Sonette, Lieder und Epigramme, 1811/12 dazu Kurzepen und die Tragödie Pompeo in Egitto. Ab 1812 vergrub Giacomo sich in der Bibliothek seines Vaters. In kurzer Zeit eignete er sich das philologische und historische Wissen seiner Zeit an. Diesen Lebensabschnitt bezeichnete er später als Jahre eines "wahnsinnigen Lerneifers voller Verzweiflung". Neben Latein, Französisch und Spanisch lernte er mit sechzehn Jahren autodidaktisch Griechisch, Hebräisch und Englisch. 1814 entstand seine Übersetzung der Plotin-Biographie des Porphyrios mit Textemendationen, auf die noch der Philologe Georg Friedrich Creuzer zurückgriff. 1815 übersetzte er den damals Homer zugeschriebenen Froschmäusekrieg, im Jahr darauf den ersten Gesang der Odyssee sowie das zweite Buch der Äneis.
1817 trat Leopardi mit der Veröffentlichung der Aeneis-Übersetzung an die Öffentlichkeit. Sie erschien in der Zeitschrift "Lo spettatore italiano e straniero" des Mailänder Verlegers Antonio Fortunato Stella. Pietro Giordani, Angelo Mai und Vincenzo Monti lobten ihn; mit Giordani entstand eine seiner wichtigsten Freundschaften. Im selben Jahr begann er die Niederschrift jener Ideen und Aphorismen, aus denen ab 1827 sein Zibaldone hervorging. Eine heftige, unerwiderte Liebe zu seiner verheirateten Cousine Gertrude Cassi Lazzari führte zum ersten Canto Il primo amore. 1818/19 folgten die patriotischen Gesänge All'Italia und Sopra il monumento di Dante. Sie riefen zur Einheit Italiens auf und erregten Aufsehen. Damit sagte er sich endgültig vom Konservatismus seiner Familie los.
1819 geriet Leopardi in eine schwere körperliche und seelische Krise; seine Sehkraft ließ stark nach. Ein Fluchtversuch aus Recanati wurde vom Vater vereitelt. Dennoch entstanden im selben Jahr die berühmten idyllischen Canti L'infinito und Alla luna. 1820 folgten der patriotische Canto Ad Angelo Mai sowie erste satirische Prosastücke als Vorläufer der späteren Operette morali. 1821 folgten Bruto minore und La vita solitaria.
Im November 1822 durfte er erstmals Recanati verlassen und reiste nach Rom zu seinem Onkel Carlo Antici. Die Stadt enttäuschte ihn. Doch er traf den großen Philologen Barthold Georg Niebuhr, der sein wissenschaftliches Genie rühmte, sowie Christian Karl Josias von Bunsen. Eine Anstellung im Vatikan kam nicht zustande, denn man störte sich an seinen patriotischen Tönen und an seiner Freundschaft mit dem antiklerikalen Giordani. 1824 entstand der Großteil der Operette morali. Im August 1824 erschien bei Nobili in Bologna die erste Sammelausgabe seiner Gedichte unter dem Titel Canzoni. 1825 ermöglichten Freunde ihm Reisen nach Mailand und Bologna, 1827 erstmals nach Florenz. Dort lernte er den Verleger Giovan Pietro Vieusseux, Gino Capponi, Niccolò Tommaseo und kurz auch Alessandro Manzoni und Stendhal kennen. In Pisa entstanden Anfang 1828 Il risorgimento und A Silvia. Eine Berufung auf den Dante-Lehrstuhl in Bonn schlug er aus, weil er Italien nicht verlassen wollte.
Ende 1828 musste er nach Recanati zurückkehren und verbrachte dort, wie er schrieb, "sechzehn Monate schrecklicher Nacht". 1829 entstanden trotzdem Le ricordanze, La quiete dopo la tempesta und Il sabato del villaggio, 1830 der Canto notturno di un pastore errante dell'Asia. Im Mai 1830 ermöglichten Florentiner Freunde seine Rückkehr nach Florenz, besonders der verbannte Historiker Pietro Colletta. Dort schloss er sich enger an Antonio Ranieri an, mit dem er fortan zusammenlebte. Eine unerwiderte Liebe zur Florentinerin Fanny Targioni Tozzetti prägte die Gedichte Il pensiero dominante, Amore e morte und A se stesso. 1831 erschien bei Piatti in Florenz die erweiterte Gedichtausgabe erstmals unter dem endgültigen Titel Canti. Eine kleine Monatsrente seiner Familie machte ihn erstmals bescheiden unabhängig. Im Dezember 1832 schloss er den Zibaldone abrupt ab.
Im September 1833 zog er mit Ranieri nach Neapel. Das mildere Klima tat ihm zunächst gut. Das Land beschrieb er jedoch als "halbbarbarisch und halbafrikanisch". 1834 erschien eine zweite, erweiterte Ausgabe der Operette morali. 1836 wurden Leopardi und Ranieri wegen einer Choleraepidemie in die Villa Ferrigni bei Torre del Greco am Fuß des Vesuvs gezwungen. Dort schrieb er die großen Schlussgesänge La ginestra und Il tramonto della luna. Zugleich beschlagnahmte die bourbonische Zensur die ersten Bände einer geplanten sechsbändigen Gesamtausgabe. Im Februar 1837 kehrte er geschwächt nach Neapel zurück, im Mai kamen Atemnot und ein Lungenödem hinzu. Am 14. Juni 1837 starb er im Alter von 38 Jahren. Nur dem Einsatz Ranieris war es zu danken, dass seine Leiche nicht in ein Massengrab geworfen wurde. Er wurde in der Vorhalle der Kirche San Vitale a Fuorigrotta beigesetzt. 1939 wurde sein in den Parco Virgiliano verlegtes Grab zum italienischen Nationaldenkmal erklärt.
Literarische Merkmale↑
Leopardis Werk ruht auf einer ungewöhnlich breiten gelehrten Grundlage. Bereits als Jugendlicher beherrschte er Latein, Griechisch, Hebräisch, Englisch, Französisch und Spanisch und arbeitete als Philologe, Übersetzer und Kommentator. Diese antike Schulung prägt seinen ganzen poetischen Ton. Seine Verse stehen in der klassizistischen Tradition und sind klar gebaut. Doch füllen sie die alten Formen mit einer neuen, persönlichen Empfindung.
Programmatisch verteidigte er den literarischen Klassizismus gegen die Romantik, etwa in der Lettera ai compilatori della Biblioteca Italiana (1816) und im Discorso di un italiano intorno alla poesia romantica (1818). Zugleich entwickelte er in seiner Lyrik eine moderne, intime Sprache. In den frühen "patriotischen" Canti wie All'Italia und Sopra il monumento di Dante schlägt er einen großen rhetorischen Ton an, ruft Italien zur Einheit auf und zeigt Mut vor der Obrigkeit. Die "idyllischen" Gedichte wie L'infinito, Alla luna, La vita solitaria oder A Silvia finden dagegen einen leisen, in sich gekehrten Klang, in dem Naturbild und Erinnerung ineinandergreifen. Häufig vergleicht Leopardi sein eigenes Leben mit Gestalten der Natur, etwa mit dem einsam singenden Vogel in Il passero solitario.
Ein zweiter Strang seines Schaffens sind die Operette morali. Er betitelte sie in Anlehnung an Plutarchs Moralia so; im Wesentlichen sind es Dialoge und Essays. Hier herrscht ein ironischer, oft satirischer Ton, der menschliche Selbsttäuschungen kühl bloßlegt. Verwandt damit sind die Paralipomeni della Batracomiomachia, eine satirische Fortsetzung des pseudohomerischen Froschmäusekriegs. In ihr karikiert er die politischen Bewegungen seiner Zeit. Im Zibaldone wiederum, dem über viele Jahre geführten Sammelheft, entwickelt er in lockerer Folge Beobachtungen zu Sprache, Literatur, Philosophie und Naturwissenschaft. Aus einer Auswahl daraus formte er die postum erschienenen Pensieri. Zusammen mit Manzoni gilt er als entscheidende Kraft bei der Erneuerung der italienischen Literatursprache des 19. Jahrhunderts.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten brachten Leopardi seine philologischen Frühschriften die Anerkennung gelehrter Zeitgenossen ein. Pietro Giordani, Angelo Mai und Vincenzo Monti lobten die Aeneis-Übersetzung von 1817. Der deutsche Philologe Georg Friedrich Creuzer griff für seine Plotin-Edition auf Leopardis Porphyrios-Übersetzung von 1814 zurück. Barthold Georg Niebuhr rühmte in Rom sein wissenschaftliches Genie in höchsten Tönen. Auch Christian Karl Josias von Bunsen setzte sich für ihn ein. Auf dessen Vermittlung erhielt Leopardi 1828 die Berufung auf den Dante-Lehrstuhl der Universität Bonn, die er jedoch ausschlug. Der Schweizer Gräzist Ludwig von Sinner lobte später seine philologischen Schriften und förderte ihn.
Im literarischen Italien blieb die unmittelbare Wirkung dagegen gedämpft. Die patriotischen Canti von 1818/19 erregten zwar Aufsehen. Doch die Erstausgabe der Operette morali 1827 fand kaum Resonanz. In Florenz traf Leopardi mit Manzoni und Stendhal zusammen, ohne dass aus den Begegnungen ein engerer Austausch wurde. Niccolò Tommaseo stand ihm sogar feindlich gegenüber. Die geplante sechsbändige Gesamtausgabe wurde 1836 von der bourbonischen Zensur in Neapel beschlagnahmt. Nur die ersten Bände erschienen, alle weiteren wurden verboten.
Erst nach seinem Tod setzte sich sein Rang dauerhaft durch. Die Paralipomeni della Batracomiomachia wurden 1842 postum bei Baudry in Paris veröffentlicht. Eine erste vollständige Ausgabe der Canti und Operette morali gab Antonio Ranieri 1845 bei Le Monnier in Florenz heraus. 1939 erklärte Italien sein in den Parco Virgiliano im Westen Neapels verlegtes Grab zum Nationaldenkmal. 1998, zu seinem 200. Geburtstag, wurde der Asteroid (8081) Leopardi nach ihm benannt. Heute gilt er, gemeinsam mit Alessandro Manzoni, als einer der Erneuerer der italienischen Literatursprache des 19. Jahrhunderts.
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