1926 – 2014
Siegfried Lenz
Kurzporträt↑
Zu den bekanntesten deutschsprachigen Erzählern der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur zählt Siegfried Lenz, geboren am 17. März 1926 in Ostpreußen, gestorben am 7. Oktober 2014 in Hamburg. Sein wichtigstes Werk ist der viel übersetzte und verfilmte Roman Deutschstunde von 1968, der die Zeit des Nationalsozialismus und einen falsch verstandenen Pflichtbegriff behandelt. Schon seine erste Kurzgeschichten-Sammlung So zärtlich war Suleyken von 1955 wurde sehr erfolgreich, weil sie neuartig erzählte und die ostpreußische Umgangssprache Masurens aufnahm. Neben fünfzehn Romanen verfasste Lenz über hundert Erzählungen, dazu Theaterstücke, Hörspiele, Essays und Reden. Hanjo Kesting zählte ihn neben Heinrich Böll und Günter Grass zu den bestimmenden Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Siegfried Lenz als Sohn eines Zollbeamten in Masuren. Sein Geburtsort wird in den Quellen unterschiedlich angegeben: Die Deutsche Nationalbibliothek nennt Lyck, Wikidata den heutigen polnischen Namen Ełk. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Mutter mit der Tochter fort und ließ den gerade schulpflichtig gewordenen Siegfried bei der Großmutter, die am Ufer des Lyck-Sees wohnte. Im Jahr 1939 nahm er im Dorf Saugen an einem „Landjahr“ teil. Danach qualifizierte er sich für einen neunmonatigen Kurs für Hochbegabte an der Klaus-Harms-Schule in Kappeln in Schleswig-Holstein. Anschließend besuchte er ein Internat in Samter.
Nach dem Notabitur 1943 in Samter wurde Lenz im Zweiten Weltkrieg zur Kriegsmarine eingezogen. Am 12. Juli 1943 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 20. April 1944 aufgenommen. Lenz sei, so wurde 2014 berichtet, davon ausgegangen, dass er ohne sein Wissen in einem Sammelverfahren in die Partei gekommen sei. Nach dem Forschungsstand von 2009 war eine Aufnahme ohne eigenes Zutun allerdings nicht möglich. Kurz vor Kriegsende desertierte er in Dänemark vom Kadettenschulschiff Hansa und geriet auf der Flucht in Schleswig-Holstein in britische Kriegsgefangenschaft. Dort wurde er Dolmetscher einer britischen Entlassungskommission. In dem Aufsatz Ich zum Beispiel von 1966 berichtete er später sowohl von der Euphorie des Siebzehnjährigen bei der Einberufung als auch von der Ernüchterung und dem erlösenden Ende der Lügen beim Kriegsende.
Nach seiner Entlassung studierte Lenz von 1945 bis 1948 an der Universität Hamburg Philosophie, Anglistik und Literaturwissenschaft. Von 1946 bis 1949 wohnte er in Bargteheide. Das Studium brach er vorzeitig ab und wurde 1948 Volontär bei der Tageszeitung Die Welt, wo er von 1950 bis 1951 Feuilleton-Redakteur war. Dort lernte er auch seine Frau Liselotte kennen, die seine Manuskripte las, abtippte und später einige seiner Bücher illustrierte. Die Ehe wurde 1949 geschlossen. Der Vorabdruck seines ersten Romans im Literaturteil der Zeitung, über den Willy Haas entschied, ermutigte ihn zu einem Leben als freier Schriftsteller.
Im Jahr 1951 veröffentlichte Lenz bei Hoffmann und Campe seinen ersten Roman Es waren Habichte in der Luft. Mit dem Honorar finanzierte er eine Reise nach Kenia, aus der 1958 die Erzählung Lukas, sanftmütiger Knecht entstand, die unter anderem den Mau-Mau-Aufstand verarbeitet. Seinen zweiten Roman Der Überläufer schrieb er ebenfalls 1951, doch konnte er erst 2016 posthum erscheinen. Von da an lebte Lenz als freier Schriftsteller in Hamburg, von 1958 bis 1986 während der Sommermonate zusätzlich auf der dänischen Insel Alsen. Später besaß er einen Bungalow in Tetenhusen, den er 2010 verkaufte; die letzten Sommer verbrachte er auf der dänischen Insel Fünen.
Lenz war regelmäßiger Gast des Literatentreffens Gruppe 47. Gemeinsam mit Günter Grass engagierte er sich für die SPD und unterstützte die neue Ostpolitik Willy Brandts. Zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages wurde er 1970 nach Warschau eingeladen. Ab 1967 war er Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland, ab 2003 Gastprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Im Oktober 2011 wurde er Ehrenbürger seiner ostpreußischen Geburtsstadt.
Nach dem Tod seiner Frau Liselotte 2006 heiratete der Vierundachtzigjährige im Juni 2010 seine langjährige Hamburger Nachbarin Ulla Reimer. Im Frühjahr 2014 gab er bekannt, sein persönliches Archiv dem Deutschen Literaturarchiv Marbach zu überlassen. Im Juni 2014 gründete er eine gemeinnützige Stiftung, die sein Werk wissenschaftlich aufarbeiten soll und seit 2014 den Siegfried Lenz Preis vergibt. Am 7. Oktober 2014 starb er im Alter von 88 Jahren in Hamburg und wurde neben seiner ersten Frau auf dem Friedhof Groß Flottbek beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Ausgangspunkt seines Schreibens war die kurze Form. In seinen frühen Jahren gehörte Lenz zu den Wegbereitern der Kurzgeschichte in der deutschsprachigen Literatur und blieb lange deren herausragender Vertreter. Modellgeschichten wie Das Feuerschiff von 1960 fanden über Jahrzehnte einen festen Platz in der Schullektüre. Erst spät setzte er sich mit Romanen wie Deutschstunde, Heimatmuseum von 1978 und Arnes Nachlaß von 1999 auch als Meister der langen Prosa durch. Noch 1963 urteilte Marcel Reich-Ranicki: „Dieser Erzähler ist ein geborener Sprinter, der sich in den Kopf gesetzt hat, er müsse sich auch als Langstreckenläufer bewähren.“
Zunächst war Lenz vor allem von Ernest Hemingway beeinflusst, der ihm nach eigener Aussage „die Möglichkeit eines Selbstverständnisses“ eröffnete. In den 1960er Jahren distanzierte er sich von Hemingway und wandte sich seinem „bewunderten Vorbild“ William Faulkner zu. Seine konventionelle Erzählweise erinnert an die Erzähler des 19. Jahrhunderts und trug ihm den Vorwurf ein, er sei ein Traditionalist und seine Werke „altmodisch“. Reich-Ranicki belegte ihn mit dem Prädikat „der gütige Zweifler“.
Hanjo Kesting beschreibt Gelassenheit und Humor als zentrale Eigenschaften seines Werks, dazu „die Haltung des Epikers, die Welt und die Menschen lieber zu verstehen als zu verurteilen“. Dabei blieb Lenz stets auch Pädagoge, der nach eigener Aussage zeigen wollte, „daß es richtiges und falsches Handeln gibt“. In einer vielzitierten Rede betonte er: „Ich schätze nun einmal die Kunst, herauszufordern, nicht so hoch ein wie die Kunst, einen wirkungsvollen Pakt mit dem Leser herzustellen, um die bestehenden Übel zu verringern.“ Kurz vor seinem Tod wurden rund achtzig bisher unbekannte Gedichte gefunden, die zwischen 1947 und 1949 entstanden sein sollen und seine Kriegserlebnisse sowie die Nöte im Nachkriegsdeutschland behandeln.
Rezeption↑
Zu den bestimmenden und herausragenden Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur zählte Hanjo Kesting den Schriftsteller neben Heinrich Böll und Günter Grass. Diese Einschätzung fasst die Stellung zusammen, die sich Lenz über Jahrzehnte erwarb. Seine Bücher erreichten ein breites Publikum: So zärtlich war Suleyken wurde wegen der neuartigen Erzählweise sehr erfolgreich, und Deutschstunde gilt als sein wichtigstes Werk, das vielfach übersetzt und verfilmt wurde.
Die kritischen Urteile über ihn fielen nicht einhellig aus. Seine an das 19. Jahrhundert erinnernde Erzählweise brachte ihm den Vorwurf ein, ein Traditionalist zu sein. Marcel Reich-Ranicki begleitete sein Schaffen mit zugespitzten Formeln, vom „geborenen Sprinter“ bis zum „gütigen Zweifler“.
Sein Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach; das Manuskript zu Deutschstunde ist dort im Literaturmuseum der Moderne dauerhaft zu sehen. Die 2014 gegründete Stiftung arbeitet sein Werk wissenschaftlich auf und vergibt den Siegfried Lenz Preis. Sein zweiter Roman Der Überläufer, aus politischen Gründen lange zurückgehalten, erschien erst 2016 und lenkte die Aufmerksamkeit noch einmal auf sein frühes Schaffen. Zu seinem 100. Geburtstag im März 2026 erschien der Band Am Widerhaken hängt das Glück. Ein Fisch-Lesebuch.
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