1751 – 1792
Jakob Michael Reinhold Lenz
Kurzporträt↑
Als einer der eigenwilligsten Autoren des Sturm und Drang gilt Jakob Michael Reinhold Lenz. Er wurde 1751 in Seßwegen im damaligen Gouvernement Livland geboren und starb 1792 mittellos in Moskau. In Straßburg schrieb er in wenigen Jahren die Dramen und Schriften, die ihn bekannt machten – darunter das Schauspiel Der Hofmeister und die theoretischen Anmerkungen übers Theater. Ein zerrüttetes Verhältnis zum Vater, eine seelische Erkrankung und eine jahrelang vergebliche Stellungssuche prägten sein Leben. Georg Büchner setzte ihm später mit seiner Erzählung Lenz ein literarisches Denkmal.
Biografie↑
Geboren wurde Lenz am 12. Januar 1751 in Seßwegen, rund 150 Kilometer östlich von Riga. Sein Vater war der pietistische Pfarrer Christian David Lenz, der 1779 zum Generalsuperintendenten von Livland aufstieg. Seine Mutter Dorothea, geborene Neoknapp, lebte von 1721 bis 1778. Als der Junge neun Jahre alt war, zog die Familie nach Dorpat, wo der Vater eine Pfarrstelle erhalten hatte. Bereits mit fünfzehn Jahren veröffentlichte Lenz ein erstes Gedicht. Seine erste eigenständige Buchveröffentlichung, das Langgedicht Die Landplagen, erschien 1769.
Von 1768 bis 1771 studierte Lenz an der Albertus-Universität Königsberg Theologie. Dort hörte er auch Vorlesungen von Immanuel Kant und las auf dessen Anregung Jean-Jacques Rousseau. Seinen literarischen Interessen ging er nach und vernachlässigte darüber die Theologie – ein Bruch, den ihm der strenggläubige Vater nie verzieh. 1771 trat Lenz in den Dienst der beiden kurländischen Barone Friedrich Georg und Ernst Nikolaus von Kleist, die in den französischen Militärdienst eintreten wollten, und ging mit ihnen als Hofmeister nach Straßburg.
In Straßburg kam Lenz in Kontakt mit dem Aktuar Johann Daniel Salzmann, um den sich ein intellektueller Zirkel gebildet hatte. Dort verkehrte auch der junge Johann Wolfgang von Goethe. Lenz lernte ihn kennen und machte ihn zu seinem künstlerischen Vorbild. Über Goethe entstand der Kontakt zu Johann Gottfried Herder und Johann Caspar Lavater, mit denen Lenz korrespondierte. 1772 zog er im Gefolge seiner Dienstherren in die Garnisonen von Landau, Fort-Louis und Weißenburg. Er verliebte sich in Friederike Brion, die vormalige Geliebte Goethes, doch seine Gefühle blieben unerwidert.
1774 gab Lenz seinen Dienst bei den Brüdern Kleist auf. Er lebte fortan als freier Schriftsteller und verdiente seinen Lebensunterhalt mit privater Lehrtätigkeit. Goethe vermittelte in diesem Jahr den Druck seiner Arbeiten, die zunächst Goethe selbst zugeschrieben wurden und Lenz bald neben ihm berühmt machten: die Lustspiele nach dem Plautus, Der Hofmeister, Der neue Menoza und die Anmerkungen übers Theater. Zwischen den beiden entwickelte sich eine Freundschaft. Bei einem gemeinsamen Besuch in Emmendingen stellte Goethe ihn seiner Schwester Cornelia und deren Mann Johann Georg Schlosser vor.
Ende März 1776 folgte Lenz Goethe an den Hof nach Weimar. Die Hofgesellschaft nahm ihn zunächst freundlich auf, doch schon Anfang Dezember wurde er auf Betreiben Goethes wieder ausgewiesen. Der genaue Hintergrund ist nicht überliefert. Goethe erwähnt in seinem Tagebuch nur vage eine „Eseley“ und brach den Kontakt danach für immer ab. Die Deutsche Biographie sieht in dieser Ausweisung den auch für Lenz’ Nachruhm verhängnisvollen Wendepunkt seines Lebens.
Lenz ging darauf nach Emmendingen, wo Cornelia und Johann Georg Schlosser ihn aufnahmen. Von dort unternahm er Reisen ins Elsass und in die Schweiz. Im November 1777 kam es bei einem Aufenthalt in Winterthur bei Christoph Kaufmann zu einem Ausbruch seiner seelischen Erkrankung, wahrscheinlich einer katatonen Schizophrenie. Mitte Januar 1778 wurde er zu dem Pfarrer und Sozialreformer Johann Friedrich Oberlin ins elsässische Waldersbach gebracht, wo er sich vom 20. Januar bis 8. Februar aufhielt. Trotz aller Fürsorge verschlimmerte sich sein Zustand. Oberlin verfasste über den Aufenthalt einen Bericht, der später Georg Büchner als Vorlage für seine Erzählung Lenz diente.
Im Juni 1779 holte sein jüngerer Bruder Karl ihn ab und brachte ihn über Lübeck nach Riga, wo der Vater inzwischen aufgestiegen war. Die Mutter war kurz zuvor gestorben. In Riga konnte Lenz beruflich nicht Fuß fassen, auch weil ihn die eigene Familie ablehnte. Der Versuch, Leiter der dortigen Domschule zu werden, scheiterte; laut der Deutschen Biographie wurde auf Empfehlung Herders Johann Heinrich Voß statt seiner Rektor. Auch in Sankt Petersburg, wo er sich 1780 aufhielt, blieb er erfolglos. Er arbeitete als Hofmeister auf einem Gut bei Dorpat. Im September 1781 reiste er nach Moskau, fand beim Historiker Friedrich Müller Unterkunft und lernte Russisch. Dort unterrichtete er als Hauslehrer, verkehrte in Kreisen russischer Freimaurer und Schriftsteller und übersetzte Bücher zur russischen Geschichte ins Deutsche. Sein psychischer Zustand verschlechterte sich weiter. Zuletzt überlebte er nur durch die Unterstützung russischer Gönner. Am frühen Morgen des 24. Mai 1792 wurde Lenz tot in einer Moskauer Straße aufgefunden. Der Ort seines Grabes ist unbekannt.
Literarische Merkmale↑
Zum literarischen Programm des Sturm und Drang trug Lenz mit den Anmerkungen übers Theater bei, die er in Straßburg vor der Société de Philosophie et Belles Lettres vortrug. Darin und in seinen Dramen wandte er sich von den Regeln des klassischen Theaters ab und berief sich auf Shakespeare. In seinen Stücken schilderte er ungeschönt die gesellschaftliche Wirklichkeit seiner Zeit. Das Drama Die Soldaten und die Erzählung Zerbino oder die neuere Philosophie stellen das sittenlose Treiben der Offiziere dar.
Ein wiederkehrender Zug seines Werks ist die Verarbeitung eigener Erfahrungen und Gefühle. Die unerwiderte Liebe zu Friederike Brion schlug sich in Gedichten nieder. Seine platonische Zuneigung zu Goethes Schwester Cornelia Schlosser bildet den Hintergrund der Moralischen Bekehrung eines Poeten. Die Schwärmerei für Henriette Waldner inspirierte den Briefroman Der Waldbruder, der sich in seiner Form an Goethes Werther anlehnte.
Neben dem Drama pflegte Lenz weitere Formen. Er schrieb Gedichte, den Ich-Roman Das Tagebuch und die Erzählung Der Landprediger, in deren Sozialreformer man ein Abbild Oberlins gesehen hat. In der Literatursatire trat er mit dem revueartigen Pandämonium Germanicum hervor. Auch als Streiter für die deutsche Sprache betätigte er sich: In Straßburg leitete er die „Deutsche Gesellschaft“ und warb in zahlreichen Vorträgen für die Pflege und Reinerhaltung der Sprache im Grenzgebiet, wobei er Shakespeare, Goethes Götz und den Werther feierte.
Rezeption↑
Früh fand Lenz Beifall, zunächst mit zwei Theaterstücken und mit religiösen Gedichten nach dem Muster Klopstocks. In Straßburg schloss er sich der Tischgesellschaft Salzmanns an und befreundete sich mit Goethe. Als dieser 1774 den Druck seiner Arbeiten vermittelte, wurden sie zunächst Goethe selbst zugeschrieben und machten Lenz bald neben ihm berühmt. Im Kampf der Stürmer und Dränger gegen Christoph Martin Wieland übernahm er die Führung, indem er Goethes Farce Götter, Helden und Wieland drucken ließ.
Ein tiefer Einschnitt war die von Goethe betriebene Ausweisung aus Weimar. Die Deutsche Biographie bezeichnet sie als den auch für seine Geltung in der Nachwelt verhängnisvollen Wendepunkt seines Lebens. Nach dem Bruch mit Goethe geriet Lenz zu Lebzeiten zunehmend an den Rand; viele seiner Schriften erschienen erst nach seinem Tod, so der Briefroman Der Waldbruder 1797 in Schillers Zeitschrift „Die Horen“.
Weiterwirkung erlangte vor allem seine Krankheitsgeschichte. Der Bericht, den Pfarrer Oberlin über Lenz’ Aufenthalt in Waldersbach verfasste, diente Georg Büchner 1836/37 als Vorlage für die Erzählung Lenz. Auf diesem Weg blieb der Autor im literarischen Gedächtnis lebendig.
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