1802 – 1850
Nikolaus Lenau
Kurzporträt↑
Nikolaus Lenau wurde 1802 im damals ungarischen Csatád geboren und starb 1850 in Oberdöbling bei Wien. Neben Franz Grillparzer gilt er als der bedeutendste österreichische Lyriker des 19. Jahrhunderts. Bürgerlich hieß er Nikolaus Franz Niembsch, ab 1820 Edler von Strehlenau. Den Künstlernamen Lenau führte er seit 1830. Er ist der wichtigste deutschsprachige Dichter des sogenannten Weltschmerzes. Das war eine europaweite Stimmung der Restaurationszeit. Sie brachte Skepsis, metaphysische Verzweiflung und das Gefühl der Unbehaustheit zum Ausdruck. Berühmt wurde er vor allem mit seinen Schilfliedern, einigen Sonetten und Liedern. Dazu kamen die großen epischen Werke Faust, Savonarola und Die Albigenser. Sein Leben war geprägt von Rastlosigkeit, abgebrochenen Studien und einer ernüchternden Amerikareise. Am Ende stand eine Krankheit, die in geistiger Umnachtung endete.
Biografie↑
Lenau kam am 13. August 1802 in Csatád im damaligen Königreich Ungarn zur Welt. Der Ort heißt heute Lenauheim. Der Vater, der habsburgische Beamte Franz Niembsch, war der Spielsucht verfallen und starb 1807 in Pest. Er hinterließ die Familie verarmt. Die Mutter heiratete 1811 erneut, einen Arzt namens Karl Vogel. Der Großvater väterlicherseits, Joseph Maria Niembsch, wurde 1820 als „Edler von Strehlenau" in den österreichischen Adel erhoben. Er holte die Enkelkinder schließlich aus Ungarn zu sich und finanzierte Nikolaus das Studium. Laut der Deutschen Biographie übersiedelte Lenau 1818 nach Stockerau bei Wien zu den wohlhabenden Großeltern.
Ab 1822 studierte er an der Universität Wien, später in Pressburg. Er versuchte sich nacheinander in Philosophie, ungarischem Recht, Landwirtschaft, deutschem Recht und Medizin. Für einen Beruf konnte er sich aber nicht entscheiden. Die Deutsche Biographie nennt als prägende Erfahrung dieser Jahre ein 1821 begonnenes Verhältnis mit Bertha Hauer, der unehelichen Tochter einer Haushälterin. Es führte zu Konflikten mit den Großeltern. In Wien knüpfte Lenau Verbindungen zu Eduard von Bauernfeld, Franz Grillparzer, Ferdinand Raimund und Ernst von Feuchtersleben. Mit Anastasius Grün befreundete er sich. Seine ersten Gedichte erschienen 1827 in der Zeitschrift Aurora. Ab 1830 verwendete er das Pseudonym Nikolaus Lenau.
Nach dem Tod seiner Mutter 1829 versank er in Schwermut. Eine Erbschaft seiner Großmutter 1830 erlaubte es ihm, sich ganz der Poesie zu widmen. Ende 1831 ging er nach Heidelberg, um die medizinische Doktorprüfung abzulegen. Dort lernte er Gustav Schwab kennen, der ihm die Veröffentlichung bei Cotta vermittelte. 1832 erschien sein erster, Schwab gewidmeter Gedichtband. In Heidelberg gehörte Lenau der verbotenen Burschenschaft der Fäßlianer an und war Mitbegründer der Burschenschaft Frankonia. Wichtige Kontakte fand er auch zu Ludwig Uhland und Justinus Kerner, die der Schwäbischen Dichterschule angehörten.
Nach einer verlustreichen Börsenspekulation entschloss er sich 1832 zur Reise nach Nordamerika. Er wollte Land kaufen und sich materiell sichern. Er brach am 27. Juli 1832 von Amsterdam aus auf und landete am 8. Oktober in Baltimore. In Crawford County in Ohio kaufte er 400 Morgen Land, um das er sich später kaum kümmerte. Die Niagarafälle beeindruckten ihn tief. Der Aufenthalt insgesamt enttäuschte ihn jedoch zutiefst. In scharfen Briefen verspottete er den vermeintlichen Mangel an Kultur und den nüchternen Materialismus der Amerikaner. Bereits im Frühjahr 1833 kehrte er nach Europa zurück. Der Historiker Dan Diner hält Lenaus pathetisches Auswanderungs-Pathos für nachträglich stilisiert und die Rückkehr für von Anfang an eingeplant.
In den folgenden Jahren lebte Lenau wechselweise in Stuttgart und Wien. Bald galt er als gefeierter Dichter. 1836 erschien sein Faust, 1837 das Versepos Savonarola, 1838 die Neueren Gedichte und 1842 Die Albigenser. 1834 lernte er Sophie Löwenthal kennen, die Ehefrau eines Freundes. Die zehnjährige, leidenschaftliche und nie erfüllte Beziehung zu ihr prägte einen großen Teil seines späteren Werks. Im August 1844 verlobte er sich mit Marie Behrends aus Baden-Baden. Am 16. September 1844 entging er einer Schiffshavarie auf der Donau bei St. Nikola im Strudengau nur knapp. Nicht zwei Wochen später, am 29. September 1844, erlitt er einen Schlaganfall und verfiel zunehmend in geistige Umnachtung. Die Deutsche Biographie nennt als Ursache eine späte Folge einer luetischen Infektion. Der Schweizer Germanist Hans Guggenbühl diagnostizierte eine Progressive Paralyse.
Im Oktober 1844 wurde Lenau in die Nervenheilanstalt Winnental bei Stuttgart eingeliefert. Im Mai 1847 verlegte man ihn in das Sanatorium Görgen nach Oberdöbling bei Wien. Dort starb er am 22. August 1850. In der Schreibweise des Sterbeorts gibt es eine kleine Unstimmigkeit zwischen den Quellen. Wikidata führt ihn als Oberdöbling, die Deutsche Nationalbibliothek als Ober-Döbling. Beigesetzt wurde Lenau seinem Wunsch entsprechend am 24. August 1850 auf dem Weidlinger Friedhof bei Klosterneuburg in Niederösterreich. Er blieb zeitlebens unverheiratet.
Literarische Merkmale↑
Sein Werk gilt als heterogen und schwer auf eine einzige Formel zu bringen. Die Deutsche Biographie warnt davor, ihn nur einseitig zu lesen: entweder als privaten Melancholiker und „Weltschmerz"-Dichter oder nur als engagierten Autor von Freiheit und Fortschritt. Beide Einseitigkeiten verdeckten die Vielschichtigkeit seiner Dichtung. Charakteristisch sind die Schwermut und Melancholie, die auch über positive Lebensphasen hinwegreichen. Dazu kommt eine sprunghafte Unrast. Sie zeigt sich im abrupten Wechsel zwischen Nihilismus und Christentum, zwischen Pantheismus und religiöser Sehnsucht.
Lenau griff bewusst auf ältere Traditionen zurück: auf die barocke und anakreontische Poesie, auf die empfindsame Lyrik des Göttinger Hains und auf die Lyrik der Romantik und Spätromantik. Diese Muster formte er eigenständig um. Zugleich teilt seine Dichtung viele Züge mit der gesamteuropäischen Dichtung des Weltschmerzes, besonders mit Lord Byron. Den besonderen Reiz seiner Lyrik machen laut der Deutschen Biographie gerade die Spannungen zwischen Bild und Bedeutung aus. Hinzu kommt, bei aller Musikalität, eine spröde, oft kantige Reflexion. Diesen Lyriker hat das deutsche Publikum bis heute im Ohr, anders als den Epiker und Dramatiker.
Inhaltlich verband Lenau die metaphysische Verzweiflung der Moderne mit politischer Anteilnahme. In Savonarola erscheint die Freiheit von politischer und geistiger Tyrannei als wesentliches Merkmal des Christentums. In den Albigensern wandte er sich der Geschichte einer verfolgten Glaubensbewegung zu. Die Naturlyrik bildet einen eigenen Schwerpunkt, vor allem in den berühmten Schilfliedern und in den Waldliedern. Sie tragen einen einzigartigen, melancholischen Ton in die deutsche Literatur.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten war Lenau ein gefeierter Dichter. Als er 1833 aus Amerika nach Bremen zurückkehrte, stellte er fest, dass ihm in Wolfgang Menzels Literatur-Blatt bereits Lorbeerkränze geflochten worden waren. Sein erster Gedichtband bei Cotta erlebte mehrere Auflagen. Wikipedia nennt ihn den größten Lyriker Österreichs im 19. Jahrhundert und den typischen deutschsprachigen Vertreter des Weltschmerzes. Diesen Begriff prägte Jean Paul, und seinen europäischen Höhepunkt sollte er mit Giacomo Leopardi erreichen. Daneben gilt Lenau als wichtiger Repräsentant des Biedermeier und als Naturlyriker von hohem Rang.
Eine besonders nachhaltige Wirkung entfaltete Lenau in der Musik. Zahlreiche seiner Dichtungen wurden vertont, unter anderem von Robert Schumann, Fanny Hensel, Felix Mendelssohn Bartholdy, Franz Liszt, Hugo Wolf, Richard Strauss, Othmar Schoeck und Richard Sahla. Liszt ließ sich von Lenaus Faust zu mehreren symphonischen Dichtungen anregen. Dazu gehören Der nächtliche Zug, Der Tanz in der Dorfschenke und der Mephisto-Walzer. Richard Strauss folgte Lenaus Don-Juan-Fragment in seiner berühmten symphonischen Dichtung Don Juan.
Auch in der Literaturgeschichte hat Lenau Spuren hinterlassen. Ferdinand Kürnbergers Roman Der Amerika-Müde (1855) spielt auf Lenaus Enttäuschung über die Vereinigten Staaten an. Die erste Gesamtausgabe seiner Werke besorgte 1855 sein Freund Anastasius Grün. Von 1989 bis 2004 erschien eine siebenbändige historisch-kritische Edition seiner Werke und Briefe. Sie dokumentiert das gewachsene wissenschaftliche Interesse an seinem Werk. Die Deutsche Biographie hebt hervor, dass gerade die Lyrik eine bis heute andauernde Aufmerksamkeit erfährt – anders als seine epischen und dramatischen Dichtungen.
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