1921 – 2006
Stanisław Lem
Kurzbiografie↑
Zu den meistgelesenen Autoren der Science-Fiction zählt der Pole Stanisław Lem, der am 12. September 1921 in Lemberg geboren wurde und am 27. März 2006 in Krakau starb. Seine Werke wurden in 57 Sprachen übersetzt und mehr als 45 Millionen Mal verkauft, obwohl er sich selbst wegen der Vielschichtigkeit seines Schaffens nur ungern als Science-Fiction-Autor bezeichnen ließ. Neben dem Erzähler war er Philosoph und Essayist. Immer wieder kreisen seine Bücher um die philosophischen und ethischen Fragen der Technik, um künstliche Intelligenz, menschenähnliche Roboter oder Gentechnik. Häufig schilderte er das Scheitern der Verständigung zwischen Menschen und außerirdischen Intelligenzen, so in einem seiner bekanntesten Romane, Solaris. Viele Zeitgenossen sahen in ihm einen Visionär, der Technologien wie Nanotechnik, neuronale Netze oder virtuelle Realität Jahrzehnte vor ihrer Entwicklung beschrieb.
Biografie↑
Geboren wurde Stanisław Herman Lem in eine polnisch-jüdische Arztfamilie in Lemberg, das damals zu Polen gehörte. Sein Vater Samuel Lem war Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der Satiriker Marian Hemar sein Cousin. Nach eigener Schilderung hatte er eine behütete Kindheit. Von 1940 an studierte er Medizin an der Universität Lemberg, bis deutsche Truppen die Stadt 1941 besetzten und der Zweite Weltkrieg sein Studium unterbrach.
Mit gefälschten Papieren auf den Namen Jan Donabidowicz verschleierte Lem während der deutschen Besatzung seine jüdische Herkunft und gab sich als Armenier aus. Der Großteil seiner Familie kam im Holocaust ums Leben. Über die Erfahrung dieser Jahre sagte er einmal: „Ich hab Hitler gebraucht, um draufzukommen, dass ich jüdisch bin.“ Er arbeitete als Hilfsmechaniker und Schweißer für das deutsche Unternehmen Rohstofferfassung, das Altmaterial aufbereitete, und half zugleich dem polnischen Widerstand, indem er heimlich Munition und Sprengstoff aus den Depots entwendete. Nach eigenen Angaben sabotierte er auch Fahrzeuge der SS. 1941 wurde er im Zuge der NKWD-Massaker und der darauffolgenden Pogrome unter Zwang zur Bergung von Leichen im Lemberger Gefängnis Brygidki herangezogen. Diese Gewalterfahrungen hinterließen ein Trauma, das sein späteres Werk und seinen tiefen anthropologischen Pessimismus prägte. In der Folge lehnte er den Glauben an einen gütigen Gott ab und verstand sich als Atheisten aus moralischen Gründen.
Nachdem die Rote Armee Polen von den Nationalsozialisten befreit hatte und das Land in den Einflussbereich der Sowjetunion geriet, setzte Lem sein Studium zunächst in Lemberg fort. 1945 fiel seine Heimatstadt an die Sowjetunion, und er musste nach Krakau ziehen. An der Jagiellonen-Universität nahm er sein Medizinstudium zum dritten Mal auf. Zwischen 1948 und 1950 arbeitete er am Konserwatorium Naukoznawcze als Forschungsassistent bei Mieczysław Choynowski an Fragen der angewandten Psychologie. In dieser Zeit lernte er den Redakteur Jerzy Turowicz kennen, der neben Choynowski zu einer prägenden Figur für ihn wurde; zu seinem Freundeskreis zählte auch Wisława Szymborska.
In jene Jahre fielen seine ersten literarischen Versuche. Er schrieb Geschichten, dazu die Theaterstücke Jacht „Paradise“ gemeinsam mit seinem Freund Roman Husarski sowie die antistalinistische Satire Korzenie, die erst nach seinem Tod wiedergefunden und 2009 herausgegeben wurde. 1948 entstand sein erster Roman Szpital Przemienienia (deutsch Die Irrungen des Dr. Stefan T.), der wegen der Zensur erst acht Jahre später erscheinen konnte. Ebenfalls in dieser Zeit lernte er die Radiologin Barbara Leśniak kennen, die er 1953 heiratete.
1948 erlangte Lem zwar das Absolutorium, den Nachweis aller belegten Kurse, verweigerte aber bewusst die abschließenden ärztlichen Staatsexamina. Er wollte in den Prüfungen keine Antworten im Sinne des stalinistisch geprägten Lyssenkoismus geben und durch das Fehlen des Doktortitels zugleich einer lebenslangen Zwangsverpflichtung als Militärarzt entgehen. Da er ohne Examen nicht als Arzt praktizieren konnte, blieb er in der Forschung und verlegte sich immer stärker auf das Schreiben. Lem war polyglott: Er beherrschte Polnisch, Latein, Deutsch, Französisch, Englisch, Russisch und Ukrainisch.
Die Ehe mit Barbara Lem hielt von 1953 bis zu seinem Tod. Ihr einziger Sohn Tomasz kam 1968 zur Welt, studierte Physik und Mathematik und schrieb später eine Biografie über seinen Vater, Zoff wegen der Gravitation. 1982 zog Lem wegen der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen nach West-Berlin, wo er ein Fellowship am Wissenschaftskolleg zu Berlin antrat und brieflich mit Siegfried Unseld verkehrte. Ab 1983 lebte er in Wien. Von 1984 an stand er kurz vor fünf Uhr morgens auf und schrieb fünf oder sechs Stunden am Stück. 1988 kehrte er nach Polen zurück. Stanisław Lem starb am 27. März 2006 im Alter von 84 Jahren an einer Herzerkrankung im Krankenhaus der Jagiellonen-Universität in Krakau und wurde auf dem Salvator-Friedhof beigesetzt. Auf seiner Grabplatte steht der Satz: „Ich habe getan, was ich konnte. Mögen die, die es können, etwas Besseres machen.“
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Lems Schreiben ist die Verbindung von erzählender Fantasie mit philosophischem und wissenschaftlichem Ernst. Immer wieder stellte er die ethischen und philosophischen Fragen der technischen Entwicklung in den Mittelpunkt, etwa der künstlichen Intelligenz, menschenähnlicher Roboter oder der Gentechnik. Ein wiederkehrendes Motiv ist der Kommunikationsversuch zwischen Menschen und außerirdischen Intelligenzen, den er häufig als großes Scheitern gestaltete.
In vielen Werken setzte Lem Satire und Humor ein und entlarvte hintergründig das menschliche Überlegenheitsdenken, das sich auf Technikgläubigkeit und Wissenschaft stützt, als Hybris. Zugleich tragen einige seiner Bücher düstere und pessimistische Züge, wenn er die langfristige Überlebensfähigkeit der Menschheit in Zweifel zog. Seine Sprache ist reich an Wortspielen und Wortschöpfungen, weshalb seine Werke als schwierig zu übersetzen gelten.
Rezeption↑
Zu den meistgelesenen Autoren der Science-Fiction gehört Lem bis heute. Seine Werke wurden in 57 Sprachen übersetzt und mehr als 45 Millionen Mal verkauft. Vielfach gilt er als visionärer Denker, der komplexe Technologien lange vor ihrer tatsächlichen Entwicklung beschrieb, so bereits in den 1960er und 1970er Jahren die Nanotechnologie, neuronale Netze und die virtuelle Realität.
In den 2000er Jahren wurde der vielseitig gebildete Lem zum Kritiker des Internets und der Informationsgesellschaft, deren Kommen er teilweise selbst vorhergesagt hatte. Er warf ihr vor, die Nutzer zu „Informationsnomaden“ zu machen, die nur „zusammenhangslos von Stimulus zu Stimulus hüpfen“ würden. Es erweise sich, so Lem, „als immer schwieriger, unterschiedliche Quellen und Sichtweisen zusammenzubringen, um ein rundes, vollständiges Wissensbild einer Sache zu erhalten.“
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