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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Faust. Ein Gedicht
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Faust. Ein Gedicht
1836
– Werkseintrag –

Faust. Ein Gedicht

1836 · Epik

Ein Faust, der nicht nach Erkenntnis, sondern nach Allmacht greift – und einem Teufel begegnet, der diesmal kein Diener Gottes ist.

Überblick

Das Versepos Faust von Nikolaus Lenau gehört zu den eigenwilligsten Bearbeitungen des Fauststoffs in deutscher Sprache. Der Dichter vollendete das Werk 1836; eine veränderte Fassung erschien 1840 im Druck. Lenau greift dieselbe Sage auf wie Goethe, deutet sie aber bewusst anders. Sein Faust strebt nicht allein nach Erkenntnis, sondern nach Allmacht, und er findet keine Rettung. Das Werk gibt dem tiefen Weltschmerz Ausdruck, der den Dichter selbst umtrieb.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht der Gelehrte Faust, ein Mann von tiefem Gemüt und reinem Willen. Er sucht die Wahrheit und die Geheimnisse der Schöpfung und glaubt, sie in der Natur und im Wissen finden zu können. Da tritt ihm der Teufel Mephistopheles entgegen und verspricht, ihn zur Erkenntnis zu führen, wenn er sich ihm anvertraue.

Anders als bei Goethe ist dieser Mephistopheles kein Diener Gottes, sondern eine kühle, allmächtige Macht. Er ist die personifizierte Intelligenz, ohne Gefühl, und verfolgt von Anfang an einen festen Plan. Faust dagegen ist ein schwacher Mensch, der sich leicht beeinflussen lässt.

Das Epos begleitet Faust durch die Stationen seines Lebens, durch Versuchung, Leidenschaft und innere Zerrissenheit. Immer wieder schwankt er zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen der Sehnsucht nach Gott und dem Verlangen, selbst gottgleich und völlig unabhängig zu sein. Aus diesem Widerspruch erwächst die treibende Spannung der Dichtung.

Die Handlung im Detail

Faust, ein Mann von tiefem Gemüt und reinem Willen, ringt um die Wahrheit. Der Teufel verspricht ihm, ihn zur Erkenntnis zu führen, wenn er sich ihm anvertraue. In Gestalt eines Jägers rettet Mephisto den Gelehrten zunächst vor einem Bergsturz. Später unterbricht er ein Gespräch zwischen Faust und dessen Schüler Wagner bei einer Leichensektion und bringt Faust dazu, einen Vertrag zu unterschreiben, mit dem er sich von Gott löst. Faust ist sogar bereit, eine Bibel ins Feuer zu werfen. Schwerer als die Abwendung von Gott fällt ihm jedoch die Lösung von der Natur, in der er zuvor die Geheimnisse der Schöpfung zu finden glaubte.

Von nun an stürzt Mephisto sein Opfer in Lust, in wahre Liebe, in Mord und schließlich in den Gedanken an den Selbstmord. Nach einem von Anfang an feststehenden Plan zieht der Teufel die Schlingen immer enger. Faust muss erkennen, dass ihm auch die „Freundin" Natur fremd geworden ist. Darum trennt er sich von seiner Heimat und vom Grab seiner Mutter und will fort in die „Einsamkeit des Meeres".

Mephisto zeigt sich auch als „politisches Genie". Einem Minister erläutert er die Kunst der Staatsführung mit dem Grundsatz, dem Volk stets, doch nie zu scharf, den sinnlichen Bedarf zu verkümmern. Faust hält er die völlige Selbstbestimmung des eigenen Ichs als höchste Freiheit vor Augen. Faust besiegt sein schlechtes Gewissen, triumphiert über einen Sturm auf dem Meer und ist niemandes Untertan – doch er ist nun völlig vereinsamt.

Am Ende sieht sich Faust als einen Traum Gottes, niemals von diesem getrennt. In diesem Wahn träumt er sich „das Messer in das Herz" und ersticht sich. Damit hat Mephisto endgültig gesiegt. Der Teufel, Philosoph und Aufklärer, gewinnt den Kampf – anders als bei Goethe wird dieser Faust nicht erlöst. Mit den Worten, nun halte er ihn umschlungen, zieht Mephisto ihn an sich. So spiegelt der Untergang Fausts den Weltschmerz des Dichters.

Stil

Bildhaft und gefühlsstark ist die Sprache, die Lenau in diesem Werk führt. Seine Worte tragen die Empfindungen und unterstreichen sie. Der Text vereint zwei Formen: Dialoge, die dem Drama nahestehen, und erzählende Passagen, die der Epik angehören. Dabei wechseln die Versmaße und nehmen unterschiedliche Längen an.

Das Werk entstand bewusst als Gegenentwurf zu Goethes Faust. In Stoff und Sprache ähnelt es dem Vorbild, doch Lenau deutet die Sage eigenständig. Sein Faust weicht in Wesen und Schicksal wesentlich von Goethes Gestalt ab: Er strebt nach Allmacht und will an Gottes Stelle treten, und sein Mephistopheles ist keine Gott untergeordnete Macht, sondern eine kalte, gefühllose Intelligenz, die den Kampf gewinnt.

Rezeption

Bekannt geblieben ist vor allem eine Episode des Werks: Der Tanz in der Dorfschenke regte Franz Liszt zu einem seiner bekanntesten Klavierwerke an, dem Mephisto-Walzer Nr. 1. So wirkte Lenaus Dichtung über die Literatur hinaus in die Musik.

Auch später griffen Komponisten den Stoff auf. Friedemann Holst-Solbach vertonte Teile des Epos in seiner Oper „Der Vertrag" (2014) nach einem Libretto von Erich Schwarz. Bis heute liegt das Werk in Ausgaben vor, unter anderem bei Reclam.

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