1898
Zibaldone
Überblick↑
Das Werk Zibaldone ist das große Gedankenbuch des italienischen Dichters Giacomo Leopardi. Über mehr als fünfzehn Jahre, von Juli oder August 1817 bis zum Dezember 1832, trug er darin Notizen, Überlegungen und kurze Sinnsprüche zusammen – am Ende 4526 Seiten. Es handelt sich nicht um ein abgeschlossenes literarisches Werk, sondern um eine Art persönliches Tagebuch und Werkstattbuch, in dem der Dichter seine Lektüren, Beobachtungen und vor allem seine philosophischen Gedanken festhielt. Aus diesem reichen Fundus schöpfte Leopardi für viele seiner veröffentlichten Dichtungen. Bekannt wurde das Heft erst Jahrzehnte nach seinem Tod: Gedruckt erschien es erstmals zwischen 1898 und 1900.
Der Titel selbst geht auf ein gewöhnliches italienisches Wort zurück. Ein „Zibaldone" ist ursprünglich ein buntes Durcheinander – der Name verweist auf eine emilianische Speise, die aus vielen verschiedenen Zutaten gemengt ist. Im übertragenen Sinn bezeichnete das Wort eine ungeordnete Sammlung von Gedanken und Texten. Nach Leopardis Aufzeichnungen wurde der Begriff überhaupt zum gängigen Ausdruck für ein Heft mit verstreuten Notizen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Versammelt sind hier Aufzeichnungen ganz unterschiedlicher Länge und Stimmung. Manche sind nur wenige Zeilen lang, andere weit ausgreifend und in einzelne Punkte gegliedert. Leopardi notierte, was ihm beim Lesen auffiel, kommentierte Bücher, hielt Eindrücke von Begegnungen und Erlebnissen fest und entwickelte vor allem seine eigenen Gedanken über die Welt und über die Dichtung.
Die Themen reichen weit. Der Dichter schreibt über die Natur der Dinge, über Lust und Schmerz, über die Einbildungskraft und die Erinnerung, über Gesellschaft, über Mythos und Religion, über das Verhältnis zwischen der Antike und der modernen Welt. Immer wieder kreist er um die Frage, woraus echte Dichtung entsteht. Ein großer Teil dieser Seiten arbeitet die Grundgedanken seiner eigenen Dichtungslehre heraus, und der Leser kann gleichsam zusehen, wie sich diese Gedanken Schritt für Schritt entwickeln. Vieles, was hier zunächst nur als Notiz erscheint, wurde später zum Keim seiner Gedichte und seiner Prosa.
Die Handlung im Detail↑
Eine Handlung im eigentlichen Sinn besitzt das Werk nicht – es folgt dem Lauf der Gedanken seines Verfassers über fünfzehn Jahre. Die erste Seite trägt die Datierung „Juli oder August 1817". Leopardi setzte dieses Datum allerdings erst nachträglich an, als er sich entschloss, seine Notizen ab Seite 100 regelmäßig zu datieren – das geschah am 8. Januar 1820. Die letzte Eintragung ist mit „Florenz, 4. Dezember 1832" überschrieben. Den überwiegenden Teil der 4526 Seiten schrieb er zwischen 1817 und 1823 nieder, insgesamt mehr als viertausend einzelne Gedanken. Der Forscher Claudio Colaiacomo brachte die schwankende Schreibhäufigkeit mit Leopardis Reisen und seinem oft zurückgezogenen, eingeschlossenen Leben in Verbindung. Zwischen dem 11. Juli und dem 14. Oktober 1827 legte Leopardi sogar selbst ein Sachregister zu seinen Aufzeichnungen an, das jedoch unvollständig blieb, weil er bis zum Dezember 1832 weiterschrieb.
Inhaltlich umkreist das Buch eine Fülle von Fragen: die christliche Religion, die Natur der Dinge, die Lust, den Schmerz, den Stolz, die Einbildungskraft, die Verzweiflung und den Selbstmord, die Täuschungen der Vernunft, den Naturzustand der Schöpfung, das Gute und das Böse, den Mythos, die Gesellschaft und die Zivilisation, das Gedächtnis, den Zufall, das Talent. Besonders ausführlich denkt Leopardi über die Sprache nach – über ihre Entstehung und ihr Funktionieren, mit zahlreichen Anmerkungen zur Wortherkunft, über eine ursprüngliche, „adamitische" Ursprache und über den Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies.
Ein Grundgedanke zieht sich durch das Werk: Der Schmerz ist für Leopardi das Gesetz der Wirklichkeit und gilt überall. Er betrifft, wie er schreibt, nicht die einzelnen Wesen, sondern Arten und Gattungen, ja ganze Welten und Weltsysteme. Diesem dunklen Befund stellt er die große Bedeutung der Erinnerung gegenüber. Das Erinnern ruft eine Menge von Empfindungen und Gefühlen wach und umgibt sie mit dem Reiz der Ferne, der sie ins Unbestimmte, Vage und Unbegrenzte taucht. Für Leopardi liegt darin der Kern der dichterischen Stimmung: Die Gegenwart, so wie sie ist, kann nie dichterisch sein – das Dichterische findet sich stets im Fernen, im Unbestimmten, im Vagen. Diese Überlegungen bilden den Ausgangspunkt seines Gedichts L'infinito und seiner Sehnsucht nach einer inneren Erfahrung, die über die enge Welt der Sinne hinausreicht.
Eng damit verbunden ist Leopardis Hochschätzung der Kindheit. Die Empfindung der Gegenwart, so seine Überlegung, stamme nicht unmittelbar von den Dingen, sondern sei ein Nachhall der kindlichen Einbildungskraft, eine Wiederholung früherer Bilder. Wären wir nicht Kinder gewesen, so der Gedanke, fehlten uns die wenigen unbestimmten Empfindungen, die uns geblieben sind. Die Dichtung schließlich verknüpft Leopardi mit dem Gefühl für das Unbestimmte und mit bestimmten Wörtern, die unendliche Vorstellungen und Erinnerungen wecken – Wörter wie fern, alt, Nacht, nächtlich, Dunkelheit oder tief. Das Heft enthält außerdem Beobachtungen zum Hebräischen, das Leopardi sich mit fünfzehn Jahren als Selbstlerner aneignete, zugleich mit dem Altgriechischen, indem er in einer mehrsprachigen Bibel zu blättern begann.
Stil↑
Geprägt ist das Werk vom Charakter der Notiz. Die Aufzeichnungen sind von wechselnder Länge und Eingebung – bald nur wenige Zeilen, bald breit ausgeführt und nach einzelnen Punkten gegliedert. Häufig schrieb Leopardi in schlichter, direkter Prosa, und so haftet den Seiten ein Ton des Vorläufigen an. Der Stil ist überwiegend trocken und knapp; es ist die Sprache eines Menschen, der für sich selbst denkt und festhält, nicht für ein Publikum formuliert.
Gerade darin liegt der eigene Reiz des Buches. Weil Leopardi seine Gedanken im Augenblick ihres Entstehens niederschrieb, lässt sich ihre innere Bewegung verfolgen. Der Leser sieht, wie ein Gedanke sich von Eintrag zu Eintrag weiterentwickelt, wie ein Problem in mehreren Anläufen umkreist wird. Manche Seiten greifen auf, was anderswo schon gesagt wurde, andere notieren Eindrücke von Lektüren oder Begegnungen. Das Heft ist damit weniger ein fertiges Buch als die offene Werkstatt eines Dichters und Denkers.
Rezeption↑
Lange blieb das Werk der Öffentlichkeit verborgen. Nach Leopardis Tod im Jahr 1837 verblieb das Bündel Papiere bei seinem Freund Antonio Ranieri, der es über fünfzig Jahre lang aufbewahrte – zusammen mit anderen Handschriften in einer Truhe, die schließlich an zwei Dienstmädchen vererbt wurde. Erst nach Ranieris Tod und einem Rechtsstreit über das Eigentum erhielten die Gelehrten Zugang zur Originalhandschrift. Sie wird heute in der Nationalbibliothek von Neapel aufbewahrt.
Gedruckt erschien das Werk erstmals zwischen 1898 und 1900, in sieben Bänden. Eine Kommission von Gelehrten unter dem Vorsitz von Giosuè Carducci besorgte die Ausgabe; sie trug den Titel Pensieri di varia filosofia e di bella letteratura und erschien beim Verlag Le Monnier. Auf diese erste Ausgabe folgten weitere bedeutende Editionen, darunter die von Francesco Flora aus den Jahren 1937 bis 1938 und die kritische Ausgabe von Giuseppe Pacella, die 1991 bei Garzanti in drei Bänden herauskam. Eine fotografische Wiedergabe der Handschrift, betreut von Emilio Peruzzi, erschien zwischen 1989 und 1994 in zehn Bänden. Schon 1921 hatte Vincenzo Cardarelli eine Auswahl unter dem Titel Il testamento letterario di Giacomo Leopardi veröffentlicht; weitere Auszüge folgten von verschiedenen Herausgebern.
Mit der Zeit fand das Werk auch über Italien hinaus Beachtung. Im Jahr 2013 erschien unter der Schirmherrschaft des „Leopardi Centre" in Birmingham die erste vollständige englische Übersetzung, besorgt von Franco D'Intino und Michael Caesar: Zibaldone, The Notebooks of Giacomo Leopardi. Sie kam in Großbritannien bei den Penguin Classics und in den Vereinigten Staaten bei Farrar, Straus and Giroux heraus. Über die Editionen hinaus wirkte das Buch auf die Sprache selbst zurück: Seit Leopardis Aufzeichnungen wird das Wort „Zibaldone" allgemein für ein Heft verstreuter Gedanken gebraucht.
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