1923
Zeno Cosini
Überblick↑
Der Roman Zeno Cosini erschien 1923; im italienischen Original trägt er den Titel La coscienza di Zeno. Dieser Titel ist doppeldeutig und lässt sich als „Zenos Bewusstsein“ oder „Zenos Gewissen“ übersetzen. Verfasser ist Italo Svevo, der aus Triest stammte – einer Stadt, die damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Dort spielt auch die Handlung, in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und, im letzten Teil, 1915/16. Im Mittelpunkt steht Zeno Cosini, ein tragikomischer Antiheld, der sich an seiner Umwelt krank fühlt und seine Lebensgeschichte für einen Psychoanalytiker aufschreibt. Mit diesem Buch erzielte Svevo im Alter von 62 Jahren seinen literarischen Durchbruch.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Auf Anraten seines Psychoanalytikers, den er nur „Doktor S.“ nennt, setzt sich der 57-jährige Zeno Cosini hin und schreibt seine Lebensgeschichte auf. Was dabei herauskommt, ist ein selbstironischer Bericht, in dem der Erzähler jedem glücklosen Ereignis eine komische Seite abgewinnt.
Zeno ist ein ewiger Student. Er probiert verschiedene Fächer und Tätigkeiten aus, bringt nichts zu Ende und lebt vom Geld seines Vaters, eines erfolgreichen Unternehmers. Immer nur mit sich selbst beschäftigt, ist er lebensuntüchtig geworden. Er glaubt nicht daran, sein Leben aktiv beeinflussen zu können, sondern ist überzeugt, das Leben gestalte ihn. Dieses Grundgefühl führt er an einer Reihe von Episoden vor: an den ewig gescheiterten Versuchen, sich das Rauchen abzugewöhnen und die vermeintlich „letzte Zigarette“ zu genießen; an seinem schwierigen Verhältnis zum Vater; an der Art, wie er im Haus eines befreundeten Unternehmers zu einer Ehefrau kommt; an einem Verhältnis zu einer Geliebten; und an einem Geschäft, das er mit einem Schwager aufbaut.
Der Leser weiß dabei nie ganz, ob er dem Erzähler trauen kann, ob dieser lügt oder sich selbst täuscht. Gerade diese Ungewissheit macht für viele den Reiz des Buches aus.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman ist als Rückblick angelegt. Ein Vorwort stammt von „Doktor S.“, dem Psychoanalytiker: Er hat seinem Patienten Zeno geraten, zur Vorbereitung der Behandlung seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. Am Ende bricht Zeno die Therapie jedoch ab, und aus Rache veröffentlicht der Arzt die Aufzeichnungen. So wird ein privates Heilungsschreiben zur öffentlichen Geschichte.
Zeno erzählt sein Leben nicht streng nach der Zeit, sondern nach Themen geordnet, weshalb sich die Zeiträume überschneiden. Die erste Episode handelt vom Rauchen: Immer wieder ist Zeno überzeugt, seine allerletzte Zigarette zu rauchen, und immer wieder findet er eine Entschuldigung, um rückfällig zu werden. Die zweite Episode gilt dem Vater. Eine groteske Szene rankt sich um dessen Tod – die Ohrfeige, die der Sterbende dem Sohn im Streit gibt, beruht auf einem Missverständnis.
Bei der Partnerwahl sieht sich Zeno ganz als Spielball der Umstände. Im Haus des mit der Familie befreundeten Unternehmers Malfenti lernt er drei heiratsfähige Töchter kennen. Am Ende bekommt er ausgerechnet die unattraktivste, Augusta, die er gar nicht wollte. Doch die selbstbewusste, praktische Augusta ist genau die Frau, die zu dem wankelmütigen Zeno passt, und so wird die Ehe ohne sein aktives Zutun dennoch glücklich. Das hält ihn nicht davon ab, sich eine Geliebte zu nehmen: Clara, ein Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, ist die reizvolle Abwechslung zur großbürgerlichen Langeweile und zugleich Anlass, über sein schlechtes Gewissen nachzudenken. Am Ende verlässt Clara ihn zugunsten eines Musiklehrers, den Zeno ihr selbst vorgestellt hatte.
Eine weitere Episode erzählt vom gemeinsamen Unternehmen mit seinem Schwager Guido, dem Ehemann jener Malfenti-Tochter Ada, die Zeno ursprünglich interessiert hatte. Nach einer misslungenen Börsenspekulation will Guido einen Selbstmord nur vortäuschen, nimmt dabei aber versehentlich eine zu hohe Dosis Beruhigungsmittel und stirbt tatsächlich. Zeno übernimmt daraufhin die Leitung des väterlichen Unternehmens, die bis dahin ein Verwalter besorgt hatte. Die neue Beschäftigung mit Geschäftsstrategien und Finanzplanung lenkt ihn von seiner gewohnten Selbstbeobachtung ab. So hat der scheinbar Unfähige am Ende seinen Nebenbuhler Guido überlebt, das Geschäft übernommen und in der Ehe sein Glück gefunden.
Das letzte Kapitel bricht mit allem Bisherigen, in Form und Inhalt. Es besteht aus Tagebucheinträgen – einige vom Mai 1915, ein letzter vom 24. März 1916 – und kann daher keine sinnstiftende Rückschau mehr bieten, sondern nur festhalten, was bis zum jeweiligen Eintrag geschehen ist. Zeno hat die Psychotherapie abgebrochen und will nach einem Jahr Pause wieder schreiben, allerdings nicht mehr für Doktor S. Er macht sich darüber lustig, wider Willen „als geheilt entlassen“ worden zu sein; das Ergebnis des Arztes überzeugt ihn nicht. Seine eigene Erklärung lautet, die ganze Gesellschaft sei krank. Der letzte Eintrag gipfelt in der Vision einer endgültigen Katastrophe, die die Erde von Menschen und Krankheiten befreit.
Stil↑
Ungewöhnlich ist vor allem die Erzählform. Der autobiographische Bericht folgt keiner strengen Chronologie, sondern ganz der inneren Ordnung des Ich-Erzählers. Damit setzte Svevo für die italienische Literatur eine neue Form gegen die auktoriale oder personale Erzählweise des Verismus im 19. Jahrhundert. Das Thema der „Krankheit an der Gesellschaft“ klingt zwar noch nach, doch Zeno leidet nicht an den sozialen Verhältnissen, sondern an seiner eigenen, passiven und schicksalsgläubigen Einstellung zu ihnen.
Der Erzähler bemüht sich nicht um Objektivität; alles, was der Leser erfährt, stammt aus dieser Innenschau. Zeno ist ein unzuverlässiger Erzähler – man weiß nie sicher, ob er lügt oder sich selbst belügt. In manchen Passagen nähert sich die Darstellung dem inneren Monolog an, ohne dass eine Technik des Bewusstseinsstroms im engeren Sinne vorläge. In der Forschung sind Einflüsse von James Joyce herausgearbeitet worden.
Die Grundhaltung ist durchgehend selbstironisch. Zeno stellt sich stets als den „Kranken“ und die anderen als die „Gesunden“ dar, und gerade diese Verkehrung stellt in Frage, wer hier eigentlich krank und wer gesund ist. Zugleich ist das Buch ein Seitenhieb auf die Psychoanalyse: Svevo, im k.u.k.-Triest deutscher Muttersprache, hatte die Schriften Sigmund Freuds gelesen, und die Figur des Doktor S. ist eine Persiflage des Psychoanalytikers. Auch der Ödipus-Komplex wird verulkt. Die einzelnen Lebensabschnitte sind thematisch statt zeitlich geordnet, sodass sich die Episoden überlappen; das abschließende Tagebuch bricht diese Ordnung bewusst auf.
Rezeption↑
Lange blieb Svevo als Schriftsteller unbeachtet. Erst dieser dritte Roman brachte ihm im Alter von 62 Jahren den Durchbruch – ermutigt hatte ihn dazu James Joyce, nachdem zwei frühere Romane erfolglos geblieben waren. Für die italienische Literatur gilt das Buch als Beginn einer neuen, ganz auf das Innenleben gerichteten Erzählweise.
Auch im deutschsprachigen Raum wurde der Roman verlegt. Eine erste deutsche Ausgabe erschien 1928; 1959 legte der Rowohlt Verlag in Hamburg die von Piero Rismondo übersetzte Fassung unter dem Titel Zeno Cosini vor. Später folgten weitere Übersetzungen, etwa unter dem Titel Zenos Gewissen, sowie Ausgaben im Diogenes Verlag und im Manesse Verlag. 1988 entstand unter der Regie von Sandro Bolchi eine Verfilmung als Fernseh-Mehrteiler.
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