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Werkseintrag · Zigeunerromanzen
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Cover Zigeunerromanzen
Zigeunerromanzen
1928
– Werkseintrag –

Zigeunerromanzen

1928 · Lyrik

Achtzehn Gedichte verwandeln Andalusien in ein Land zwischen Wirklichkeit und Mythos, in dem Freiheit, Liebe und Tod der Gitanos zu einem leuchtenden Bilderbogen werden.

Überblick

Bei dem Gedichtband Romancero gitano handelt es sich um eine Sammlung von achtzehn Gedichten des spanischen Dichters Federico García Lorca, die 1928 erschien. Auf Deutsch trägt sie den Titel Zigeunerromanzen. Der Band entwirft ein idealisiertes Bild Andalusiens und seiner Bewohner, der Gitanos. Er machte den bis dahin wenig bekannten Lyriker mit einem Schlag berühmt und gilt als einer der erfolgreichsten Gedichtbände der Weltliteratur.

Inhalt (ohne Spoiler)

Achtzehn Gedichte fügen sich in diesem Band zu einem, wie García Lorca selbst es nannte, „Altarbild Andalusiens" zusammen. Schauplatz sind die großen Städte des spanischen Südens: Córdoba, Sevilla und Granada, dazu die Olivenhaine, Berglandschaften und Flussufer der Region. Im Mittelpunkt stehen die Gitanos, die der Dichter als Träger einer ursprünglichen, naturverbundenen Kultur zeichnet.

Die Gedichte erzählen von der Landschaft, ihrer Pflanzen- und Tierwelt, von den Menschen und ihren Lebensweisen. Lorca verbindet die Gegenwart mit Mythos und Geschichte und lässt römische, jüdische, christliche und in Andeutungen auch islamische Überlieferungen anklingen. Aus dem Spannungsfeld zwischen der Freiheitsliebe der Gitanos und einer Zivilisation, deren ausführender Arm die Guardia Civil ist, ergeben sich die großen Themen des Bandes: das Streben nach Freiheit, das Leiden, die Gewalt, die Liebe und der Tod. Auch das Schmiedehandwerk, die Hingabe an Gesang und Tanz und die enge Beziehung der Gitanos zu ihren Pferden finden ihren Platz.

Die Handlung im Detail

Achtzehn Gedichte bilden den Band, jedes mit eigenem Schauplatz und eigener Geschichte. Über allen liegt das Bild eines Landes, das Lorca zwischen Wirklichkeit und Mythos ansiedelt und dessen Bewohner er das tiefsinnigste und vornehmste Volk seiner Heimat nennt.

Mehrere Gedichte erzählen von Gewalt und gewaltsamem Tod. In Reyerta kommt es im Bergland von Cabra bei Córdoba zu einer Messerstecherei. Antoñito el Camborio erleidet, ähnlich wie Jesus, Festnahme und Tod; er stirbt an den Ufern des Guadalquivir. In Romance de la pena negra, das in den Olivenhainen von Jaén spielt, und in Romance sonámbulo, aus dem der verwundete Reisende kommt, verbinden sich Sehnsucht, Schmerz und die Nähe zum Tod. Für den Gitano, so legen es die Gedichte nahe, erscheint unter dem Druck von aufgezwungener Sesshaftigkeit und fremden Regeln der gewaltsame Tod beinahe als der einzig natürliche.

Die religiöse Überlieferung durchzieht den ganzen Band. Der Bezug zu Rom zeigt sich in San Rafael, das die von Kaiser Augustus erbaute Brücke in Córdoba beschwört und in dem Neptun ausdrücklich genannt wird; im selben Gedicht leitet der Erzengel Raphael den Tobias auf seiner Reise. In Martirio de Santa Olalla treten römische Soldaten, ein Konsul, Zenturionen und die Göttin Minerva auf; das Gedicht beruht auf der Erzählung des Prudentius von der Folter der heiligen Eulalia. Die gelassene Annahme des Todes in Romance del emplazado erinnert an den Philosophen Seneca. Ein jüdisches Thema behandelt Thamar y Amnón, das Gedicht von der inzestuösen Liebe zweier Kinder König Davids. Am stärksten aber tritt das christliche Element hervor: Das Motiv der Passion kehrt mehrfach wieder, die Erzengel stehen den Todgeweihten bei, und die Heilige Jungfrau und der heilige Josef heilen Gitanos, die von der Guardia Civil verwundet wurden.

Die Liebe erscheint fast immer einseitig: Im Vordergrund steht das männliche Begehren, während die Frau passiv bleibt. In La monja gitana unterdrückt eine junge Nonne in den Gässchen des Albaicín ihre erotischen Bedürfnisse und ihre Sehnsucht nach Freiheit. In Romance sonámbulo und Muerte de amor ist die Liebe eng an den Tod gebunden und trägt die Züge der Frustration. Daneben finden sich zahlreiche homoerotische Anspielungen, etwa in San Gabriel und San Miguel. So führen Freiheitsdrang, Begehren und der Widerstand gegen die aufgezwungene Ordnung in vielen Gedichten zwangsläufig in ein tragisches Ende.

Stil

Radikal symbolistisch ist die Sprache dieser Gedichte. Lorca arbeitet mit einem dichten Netz wiederkehrender Bilder, deren Bedeutung sich erst beim genauen Lesen erschließt und über die seither viel geschrieben wurde. Der Mond steht für Tod und Erstarrung, der Wind für das männliche erotische Begehren, der Brunnen für eine unterdrückte Leidenschaft, die keine Erfüllung findet. Das Pferd verkörpert die zügellose Leidenschaft, die den Gitano zu Tode bringt, und die Farbe Grün das verbotene Begehren, die Frustration und die Unfruchtbarkeit. Mehrere Interpreten sehen in dieser Bildwelt eine Nähe zur analytischen Psychologie von Carl Gustav Jung.

Den Rahmen bildet die Romance, eine traditionelle spanische Gedichtform mit jahrhundertealter Geschichte. Lorca greift diese alte Form genüsslich auf und füllt sie mit modernen, oft surreal anmutenden Bildern. Aus der Verbindung von überlieferter Form und kühner Metaphorik gewinnt der Band seinen besonderen Klang. Die Nähe zum Flamenco ist dabei kein Zufall: Lorca war mit der Lyrik des tiefen Flamencogesangs vertraut und hatte sich schon zuvor mit ihr beschäftigt.

Rezeption

Zu einem Massenerfolg wurde der Band nach seinem Erscheinen 1928 und machte den zuvor wenig bekannten Lorca auf einen Schlag berühmt. Sein Einfluss auf die Dichtung Spaniens und Lateinamerikas war kaum zu überschätzen, und er zählt zu den erfolgreichsten Gedichtbänden der Weltliteratur. Viele Leser liebten den Rhythmus und den lyrischen Ton; manche konnten ganze Romanzen auswendig vortragen, ohne sie erklären zu können.

Martin von Koppenfels führt diesen Erfolg einerseits auf das hohe Ansehen der spanischen Romance zurück, andererseits auf Lorcas lustvolles Spiel mit der überlieferten Form und mit bekannten Klischees wie dem Zigeunermythos. Gerade dieses Spiel rief jedoch auch Kritiker auf den Plan. Die Avantgardisten forderten den entschiedenen Bruch mit dem Althergebrachten; Luis Buñuel äußerte sich kritisch, und der junge Salvador Dalí verband einen anzüglichen Brief an Lorca mit einem Verriss von dessen Dichtung. Auf der anderen Seite nahmen auch Traditionalisten Anstoß: Juan Ramón Jiménez warf dem Band noch Jahre nach Lorcas Tod vor, alles darin sei metaphorische Pose und rhythmische Bildhauerei mit vielen Anleihen beim Schlager. Bis heute werden umgekehrt im Flamenco immer wieder Motive aus dem Band aufgegriffen.

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