1856
Zwischen Himmel und Erde
Überblick↑
Die Erzählung Zwischen Himmel und Erde von Otto Ludwig erschien 1856. Im Mittelpunkt steht der Konflikt zweier Brüder in einer Schieferdachdecker-Familie: der gewissenhafte Apollonius und der skrupellose Fritz. Das Werk gilt als eine der herausragenden erzählerischen Leistungen Ludwigs. Es verbindet einen genau beobachteten Familienstreit mit einer tiefgreifenden Darstellung der Seele seiner Figuren.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Zwei Brüder stehen sich in dieser Geschichte gegenüber. Apollonius Nettenmair und das Mädchen Christiane lieben sich heimlich, doch beide sind zu schüchtern, es dem anderen zu zeigen. Der ältere Bruder Fritz, lebenslustig und ohne Gewissen, bemerkt diese Zuneigung. Er bietet sich an, für Apollonius bei Christiane zu werben, spielt aber ein doppeltes Spiel: Mit falschen Behauptungen redet er jedem der beiden ein, der andere habe kein Interesse. Zugleich nutzt er den strengen, autoritären Vater aus, um den jüngeren Bruder zur weiteren Ausbildung nach Köln zu schicken. So verheiratet Fritz sich am Ende selbst mit Christiane.
Jahre später ruft der fast erblindete Vater den jüngsten Sohn zurück, damit er im Schieferdachdecker-Betrieb hilft. Fritz hält sein Lügengebäude zunächst aufrecht, gerät aber mehr und mehr unter Druck, als Christiane durch zufällig gefundene Briefe die Wahrheit ahnt. Zwischen den Brüdern wächst ein stiller Kampf, bei dem die gefährliche Arbeit hoch oben auf den Dächern und Türmen zur Bühne wird. Die Erzählung lebt von einer beinahe quälenden Spannung und von der genauen Beobachtung dessen, was in den Figuren vorgeht.
Die Handlung im Detail↑
Am Anfang steht die heimliche Liebe zwischen Apollonius Nettenmair und Christiane. Beide trauen sich nicht, ihre Gefühle zu zeigen. Der ältere Bruder Fritz erkennt die Lage und verspricht Apollonius, als Werber für ihn aufzutreten. Doch er hintergeht ihn: Durch Falschinformationen redet er beiden ein, der andere empfinde Abneigung oder Gleichgültigkeit. Zugleich bringt er den autoritären Vater dazu, den Rivalen zur weiteren Ausbildung nach Köln zu schicken. So erreicht Fritz sein Ziel und heiratet Christiane selbst.
Als das Paar bereits drei Kinder hat, ruft der alte, fast erblindete Vater den jüngsten Sohn zur Unterstützung des Betriebs zurück. Fritz gelingt es weiterhin, seine Lügen aufrechtzuerhalten. Doch er gerät zunehmend unter Druck, als Christiane durch zufällig gefundene Briefe des Apollonius an den Bruder aus Köln die Wahrheit erfährt. Aus Rücksicht auf ihre Familie wagt sie zunächst nicht, den Schwager einzuweihen.
Die Wahrheit kommt in mehreren Etappen ans Licht. Fritz verliert immer mehr den Bezug zur Wirklichkeit. Er sieht sich nicht als Täter, sondern als Opfer angeblicher Verschwörungen seiner Frau und seines Bruders. Er vernachlässigt die Arbeit, trägt Mitschuld am Tod seiner kleinen Tochter, wird alkoholabhängig und stürzt sich und den Betrieb in Schulden. Schließlich manipuliert er die Seile des Apollonius, um ihn auf dem Turm zu Tode zu bringen. Doch nicht der Bruder verunglückt: Ein anderer Dachdecker, der die Ausrüstung gestohlen und dadurch Apollonius’ Aufstieg zum Turm verhindert hatte, stürzt ab.
Vater Nettenmair erfährt die Wahrheit, will sie aber vor der Öffentlichkeit verbergen. Er stellt den Sohn zur Rede und fordert ihn auf, sich zur Ehrenrettung der Familie selbst vom Turm zu stürzen, getarnt als Arbeitsunfall. Weil aber die Nachricht von Apollonius’ heiler Rückkehr eintrifft, kommt es nicht zur Ausführung dieses Urteils. Stattdessen verbannt der Vater den Sohn und zwingt ihn, nach Amerika auszuwandern. Fritz willigt zum Schein ein und reist ab. Doch er kehrt zurück, um sich zusammen mit dem Bruder, dem er Christiane nicht gönnt, vom Kirchturm zu stürzen. Apollonius kann dem Ansturm ausweichen und rettet sich. Die Öffentlichkeit deutet Fritz’ Tod als Selbstmord eines gescheiterten Mannes.
Der fleißige Apollonius wird gegen Ende zum Helden verklärt. Er saniert den Betrieb und tilgt die Schulden. In einer Gewitternacht, nach einem Blitzeinschlag, löscht er in einer tollkühnen Aktion den Brand des Kirchturms und verhindert, dass das Feuer auf die Fachwerkhäuser übergreift. Die Stadt feiert ihn als ihren Retter.
Nach Fritz’ Tod könnten Apollonius und Christiane heiraten. Die Öffentlichkeit erwartet es, und auch der Vater möchte die Verhältnisse ordnen, ehe Gerüchte über eine unmoralische Beziehung aufkommen. Doch Apollonius kann diesen Befehl wegen seines übersteigerten Gewissens nicht ausführen. Zum ersten Mal in seinem Leben widersetzt er sich einem väterlichen Gebot und übernimmt endgültig die Führung des Familienunternehmens. Zugleich bleibt er Gefangener seines Gewissens: Obwohl ihm sein Verstand das Gegenteil sagt, gibt er sich eine Mitschuld am Tod des Bruders und hat damit teilweise dessen kranke Sicht übernommen. So lebt er mit Christiane friedlich und geschwisterlich zusammen. Er erweitert den Betrieb um eine Schiefergrube und sorgt für die beiden Söhne. Der Ältere wird sein Nachfolger, für den Jüngeren arrangiert er eine Ehe mit der Erbin der Kölner Firma.
Stil↑
Prägend für das Werk ist die genaue Darstellung des Seelenlebens seiner Figuren. Ludwig zeichnet nach, wie sich in Fritz der Verlust der Wirklichkeit ausbreitet und wie das übersteigerte Gewissen des Apollonius ihn immer stärker in die Enge treibt. Aus dieser tiefgrabenden Seelenzeichnung entsteht eine dichte, beinahe quälende Spannung. Zu den auffälligen Mitteln zählt der Innere Monolog. Die Arbeit der Schieferdachdecker hoch über der Stadt liefert dabei den Schauplatz, an dem sich der innere Konflikt der Brüder zuspitzt.
Rezeption↑
Schon früh wurde das Werk als bedeutende Leistung der deutschen Erzählkunst gewürdigt. Der Sprachkritiker Eduard Engel nannte es ein Meisterwerk und hob die außerordentliche Spannung, die künstlerische Spiegelung der Wirklichkeit und die tiefgrabende Seelenzeichnung hervor. Franz Mehring, der Otto Ludwig das Ideal eines modernen Dichters absprach, gestand der Erzählung dennoch zu, dass ihm „ein Werk gelungen“ sei, „das zum dauernden Besitz der deutschen Literatur gehört“. Alfred Döblin, ein Bewunderer Ludwigs, bezeichnete Zwischen Himmel und Erde als die hervorragendste Erzählerleistung, die er aus der deutschen Literatur kenne, und wies dabei besonders auf Ludwigs Anwendung des Inneren Monologs hin. Nach Armin Gebhardt ragt die Erzählung neben den Novellen Die Heiteretei und Aus dem Regen in die Traufe aus dem erzählerischen Werk Ludwigs heraus.
Umstritten war schon bei Zeitgenossen der Schluss. Leser wie Paul Heyse und Julian Schmidt empfanden das asketische, geschwisterliche Verhältnis zwischen Apollonius und Christiane als unstimmig, da die beiden nach ihrer langen Leidenszeit ihre einst hintergangene Liebe eigentlich hätten leben können. Ludwig verteidigte dieses Ende in einer ausführlichen Deutung seines Werks. Er wollte, wie er darlegte, das typische Schicksal eines Menschen zeigen, der „zuviel Gewissen hat“, im Gegensatz zum Bruder, der zu wenig davon besitzt. Der zu Gewissenhafte mache den anderen immer schlimmer, dieser jenen immer ängstlicher. So bleibe der „geborene sittliche Hypochondrist“ Gefangener seiner eigenen Anlage.
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