1934
Yerma
Überblick↑
Das Drama Yerma von Federico García Lorca ist ein Stück in drei Akten und sechs Bildern. Der Dichter selbst nannte es eine „Tragische Dichtung". Im Mittelpunkt steht eine junge Bäuerin in Andalusien, die sich vergeblich nach einem Kind sehnt. Das Werk erschien 1934 und wurde noch im selben Jahr in Madrid uraufgeführt. Es zählt zu den bekanntesten Bühnenwerken des spanischen Dichters und behandelt das Leid einer Frau, die an den starren Sitten ihrer ländlichen Welt zerbricht.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im ländlichen Andalusien der frühen 1930er Jahre lebt Yerma seit zwei Jahren mit dem Bauern Juan zusammen. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind, doch ihre Ehe bleibt kinderlos. Während ihr Mann unermüdlich arbeitet, um zu Wohlstand zu kommen, und in Nachwuchs vor allem zusätzliche Kosten sieht, wächst in Yerma eine immer größere Verzweiflung.
Andere Frauen im Dorf werden Mütter, so auch ihre Freundin Maria, die schon kurz nach der Hochzeit schwanger ist. Yerma dagegen bleibt allein mit ihrer Sehnsucht. Eine alte Frau gibt ihr Ratschläge, und auch die Erinnerung an den Schafhirten Victor, in den sie einst verliebt war, lässt sie nicht los. Geheiratet hat sie Juan, weil ihr Vater ihn nach alter Sitte für sie bestimmt hatte.
Je länger die Kinderlosigkeit dauert, desto mehr verschlechtert sich das Verhältnis der Eheleute. Juan sorgt sich um seine Familienehre und lässt seine Frau überwachen, Yerma fühlt sich gedemütigt und unnütz. Das Stück folgt ihrem wachsenden Leid und ihren immer drängenderen Versuchen, ihren Wunsch doch noch zu erfüllen.
Die Handlung im Detail↑
Das Drama spielt Anfang der 1930er Jahre in einer ländlichen Gegend Andalusiens. Yerma ist seit zwei Jahren mit Juan verheiratet und versteht nicht, warum sie noch immer nicht Mutter geworden ist. Ihr Mann sieht in Kindern vor allem einen Kostenfaktor und widersetzt sich ihrem Wunsch. Für seine Frau hat er kaum Zeit, denn er arbeitet wie besessen, um etwas Wohlstand zu erreichen. Yerma bekommt Besuch von ihrer Freundin Maria, die schon nach fünf Monaten Ehe schwanger ist. Die beiden sprechen über die Freuden und Mühen mit Kindern. Nach Marias Aufbruch erscheint der Hirte Victor, der überrascht ist, Yerma allein anzutreffen. Er will Juan nur die zwei bestellten Schafe bringen. Als er sieht, dass Yerma Windeln zuschneidet, glaubt er, sie erwarte ein Kind. Doch sie erklärt, die Windeln seien für Marias Kind. Es wird spürbar, dass Yermas Herz mehr für den Hirten schlägt als für ihren Mann.
Ein Jahr später hat Yerma ihrem Mann das Mittagessen auf das Olivenfeld gebracht. Auf dem Heimweg trifft sie eine alte Frau, die dasselbe getan hat. Im Gespräch geht es um die möglichen Ursachen von Yermas Kinderlosigkeit und um Abhilfe. Die Alte war zweimal verheiratet und hat vierzehn Kindern das Leben geschenkt; in jungen Jahren war sie lebenslustig. Sie rät Yerma, nicht keusch zu leben, und fragt nach dem Verhältnis zu ihrem Mann. Yerma gesteht, ihr Vater habe nach alter Tradition den Mann für sie ausgesucht, obwohl sie eigentlich in Victor verliebt gewesen sei. Sie habe sich gefügt, weil sie geglaubt habe, bald Mutter zu werden. Je länger die Kinderlosigkeit anhält, desto mehr schlägt ihre Gleichgültigkeit gegenüber Juan in Hass um.
Am Bergbach waschen Dorffrauen ihre Wäsche und tuscheln über das Paar. Man erfährt, dass es zwischen Yerma und Victor immer mehr knistert und dass auch Juan davon gehört hat. Deshalb hat er seine zwei ledigen Schwestern ins Haus geholt, damit sie Yerma überwachen, weil er selbst vor lauter Arbeit kaum Zeit für sie hat. Im Haus macht Juan seinen Schwestern Vorwürfe, weil sie Yerma allein hinausgehen ließen; eine von ihnen müsse sie stets begleiten. Als Yerma mit zwei gefüllten Wasserkrügen zurückkehrt, kommt es zum Streit. Juan will nicht, dass sie so oft fortgeht und mit anderen spricht. Sie hält ihm vor, wie sehr er sie demütige und wie sehr sie sich nach einem Kind sehne. Er pocht auf die gesellschaftlichen Konventionen und seine Familienehre. Yerma aber bleibt dabei: Eine Bäuerin, die keine Kinder gebäre, sei unnütz wie eine Handvoll Dornzweige. Allein im Zimmer, erhält sie Besuch von Victor, der sich verabschiedet, weil er das Dorf verlassen will. Das stimmt sie traurig; sie erinnert sich an ihre Jugend, als beide glaubten, füreinander bestimmt zu sein. Doch Victors Entschluss steht fest: Er hat seine Herden an Juan verkauft und zieht fort.
Im dritten Akt beginnt es zu tagen. Yerma kommt mit der Geisterbeschwörerin Dolores und zwei alten Frauen. Zu viert waren sie nachts auf dem Friedhof und beteten inbrünstig, Gott möge Yerma einen Sohn schenken. Dolores versichert, der Wunsch werde sich erfüllen. Plötzlich hört man draußen lautes Rufen: Juan ist froh, seine Frau gefunden zu haben, doch sogleich geraten sie wieder aneinander und wiederholen die alten Vorwürfe. Später nimmt Yerma an einer Wallfahrt zu einer Einsiedelei in den Bergen teil; barfuß gehen die Frauen mit Opfergaben zur Kirche, um sich von dem aufgebahrten Heiligen ein Kind zu erbitten. Dort begegnet Yerma erneut der alten Frau aus dem ersten Akt, die das Ganze für Humbug hält und nur gekommen ist, um sich am Schauspiel zu ergötzen. Sie rät Yerma, ihren Mann zu verlassen und zu ihr zu ziehen, denn ihr Sohn brauche dringend eine Frau, dann werde sich der Kinderwunsch bald erfüllen. Doch so sehr Yerma sich ein Kind wünscht: Das Versprechen der ehelichen Treue ist ihr heilig, und sie lehnt ab.
Juan ist seiner Frau gefolgt und hat das Gespräch belauscht. Erneut wird deutlich, dass er sie nur genommen hat, um seine Lust zu befriedigen. Von Yerma verlangt er, endgültig auf den Wunsch nach einem Kind zu verzichten. Darüber gerät sie so in Rage, dass ihr die Wut ungeahnte Kräfte verleiht. Sie stößt einen Schrei aus und drückt ihrem Mann die Kehle zu. Er fällt hintenüber, und sie presst so lange, bis er stirbt.
Stil↑
Sein Stück bezeichnete García Lorca selbst als „Tragische Dichtung" – eine Form, die die strenge Bauart der Tragödie mit dichterischer Sprache verbindet. Das Werk ist in drei Akte und sechs Bilder gegliedert; jeder Akt umfasst zwei Szenenbilder, die zwischen dem Haus, dem Feld, dem Bergbach und der Bergeinsiedelei wechseln. Zwischen den Bildern vergehen mitunter lange Zeiträume, etwa ein ganzes Jahr, sodass die wachsende Verzweiflung der Heldin über die Zeit hinweg sichtbar wird.
Der Schauplatz im ländlichen Andalusien prägt das Stück durchgehend: Hirten, Olivenfelder, Waschplätze und Wallfahrten bestimmen die Welt der Figuren. Neben den Hauptpersonen treten Gruppen auf – die tuschelnden Dorffrauen am Bach, die betenden Frauen der Wallfahrt –, die das Geschehen begleiten und kommentieren. So spiegelt das Stück die starren Sitten und den Druck einer dörflichen Gemeinschaft, in der die Familienehre über dem persönlichen Glück steht.
Rezeption↑
Seine Uraufführung erlebte das Drama am 29. Dezember 1934 im Teatro Español in Madrid. Das Stück gehört zu den vielgespielten Bühnenwerken García Lorcas und wurde später auch verfilmt.
Im deutschen Sprachraum kam Yerma erstmals am 15. April 1944 im Schauspielhaus Zürich auf die Bühne. Der Stoff hat über die Jahrzehnte immer wieder Theater und Film angeregt; so entstand 1999 eine Filmfassung unter der Regie von Pilar Távora.
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