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Porträt Federico García Lorca
Federico García Lorca
1898 – 1936
– Autorenporträt –

Federico García Lorca

1898 – 1936 · 38 Jahre

Großer Erneuerer der spanischen Lyrik und Bühne, führende Stimme der Generación del 27 – zu Beginn des Bürgerkriegs 1936 von Franco-Anhängern bei Granada erschossen.

Kurzporträt

Federico García Lorca (1898–1936) gilt als einer der bedeutendsten spanischen Dichter und Dramatiker des zwanzigsten Jahrhunderts. Er gehörte zu den führenden Gestalten der Generación del 27. Das war jene Gruppe junger Lyriker um Vicente Aleixandre, Rafael Alberti, Pedro Salinas und Jorge Guillén, die der spanischen Dichtung der Moderne ihr Gesicht gab. Zusammen mit Ramón del Valle-Inclán erneuerte er das spanische Theater. Dieses war in spätromantischen Formeln und in flachem Naturalismus erstarrt. Sein gewaltsamer Tod zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs machte ihn früh zum Sinnbild des von der Diktatur verfolgten Künstlers. Anhänger des Putschisten Franco erschossen ihn bei Víznar nahe Granada.


Biografie

Federico García Lorca wurde am 5. Juni 1898 in Fünte Vaqueros in der fruchtbaren Vega de Granada geboren und wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Sein Vater, Federico García Rodríguez, war ein wohlhabender, patriarchalisch, aber liberal gesinnter Landwirt. Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte er ein großes Vermögen geerbt und vermehrt. Seine Mutter, eine Dorfschullehrerin aus der Familie Lorca, interessierte sich für Musik und Literatur. Mit dem jüngeren Bruder Francisco und den Schwestern Concha und Isabel verlebte Federico eine Kindheit unter den zahlreichen Verwandten des Dorfes. 1909 zog die Familie in die Provinzhauptstadt Granada, wo der Vater ein ansehnliches Haus mit Garten mietete. Federico erhielt Musikunterricht und begeisterte sich für die spanische und andalusische Folklore sowie den Flamenco. Nach dem Schulabschluss erwog er deshalb zunächst ein Musikstudium. Auf Wunsch des Vaters schrieb er sich jedoch an der Universität Granada in der juristischen und zugleich in der philosophischen Fakultät ein. Schon bald verkehrte er in den künstlerischen und literarischen Kreisen der Stadt. 1918 erschien sein vom Vater finanzierter Erstling Impresiones y paisajes, geprägt von Vorbildern wie Rubén Darío, Antonio Machado und Juan Ramón Jiménez.

1919 ging Lorca nach Madrid und zog in die Residencia de Estudiantes ein. Diese Einrichtung war 1910 nach dem Vorbild der Kollegien von Oxford und Cambridge gegründet worden und hatte einen liberalen und weltoffenen Geist. Dort wurde er zum Mittelpunkt eines Freundeskreises, zu dem der junge Salvador Dalí und der angehende Filmemacher Luis Buñuel zählten. Mit Dalí verband ihn eine enge Freundschaft, die durch Besuche im Elternhaus des Malers in Cadaqués gefestigt wurde. 1921 erschien der Gedichtband Libro de poemas. Sein modernistisches Stück El maleficio de la mariposa erlebte 1920 nur vier Vorstellungen und war ein Misserfolg. 1922 entstand die Tragicomedia de don Cristóbal y la señá Rosita als Vorarbeit zu La zapatera prodigiosa (1930). 1927 wurden die Canciones gedruckt und das Drama Mariana Pineda aufgeführt. 1928 erschien im Verlag der Revista de Occidente der Romancero gitano, in dem die traditionelle Romanze mit neuen Inhalten gefüllt wird. Das Buch machte Lorca schlagartig berühmt. Im Frühjahr 1929 endete die Freundschaft mit Dalí, der nach Paris ging, um mit Buñuel den Film Un chien andalou zu drehen.

Der Bruch mit Dalí und der überwältigende Publikumserfolg führten Lorca in eine schwere Krise. Im Juni 1929 reiste er in Begleitung von Fernando de los Ríos über Paris und London nach New York. Dort nahm er in einem Studentenheim der Columbia University Quartier. Die Stadt durchstreifte er mehr, als er Sprachkurse besuchte. Den Sommer verbrachte er bei amerikanischen Freunden in Eden Mills (Vermont) und arbeitete an Poeta en Nueva York. Am 29. Oktober 1929 erlebte er den Börsenkrach an der Wall Street, den er in diesem Zyklus thematisierte. Im Frühjahr 1930 reiste er nach Kuba, wo er auf Einladung der Institución Hispano-Cubana de Cultura drei Monate blieb. Im Teatro Principal de la Comedia in Havanna hielt er Vorträge über spanische Kinderlieder, Luis de Góngora und den cante jondo. Zugleich arbeitete er an den Dramen Así que pasen cinco años und El Público sowie an der Oda a Walt Whitman. Lorca war homosexuell, hatte damit gehadert und seine Orientierung vor der Familie verborgen. In Kuba begann er, sie offener auszuleben.

Am 1. Juli 1930 kehrte er nach Spanien zurück und erlebte eine veränderte politische Lage. Im April 1931 dankte König Alfons XIII. ab, die Republik wurde ausgerufen. Liberal gesinnt, begrüßte Lorca die Republik. Er übernahm die Leitung der Wanderbühne La Barraca, die Ende 1931 von Madrider Studenten gegründet worden war. Als Regisseur, Schauspieler und Bühnenarbeiter brachte er mit ihr Stücke von Cervantes, Lope de Vega, Tirso de Molina und Calderón in die Dörfer. Im Sommer 1932 schloss er Bodas de sangre ab. Die Premiere am 8. März 1933 im Madrider Teatro Beatriz wurde ein großer Erfolg. Im September 1933 reiste er nach Argentinien und Uruguay; in Buenos Aires traf er Victoria Ocampo und Pablo Neruda. Am 25. Oktober 1933 fand dort die amerikanische Premiere von Bodas de sangre statt, gespielt vom Ensemble der Lola Membrives. Dieses zeigte anschließend La zapatera prodigiosa und Mariana Pineda. Ende 1934 hatte Yerma im Madrider Teatro Español mit Margarita Xirgu in der Hauptrolle großen Erfolg, trotz rechtsextremer Störungsversuche. 1935 brachte den endgültigen Durchbruch: Yerma, Bodas de sangre und La zapatera prodigiosa liefen parallel in Madrid. Der Romancero gitano erlebte sechs Auflagen und galt als meistverkaufter Gedichtband des Jahrhunderts. Am 12. Dezember 1935 wurde im Barceloner Teatre Principal Doña Rosita la soltera uraufgeführt.

Im Sommer 1936 hatte Lorca La casa de Bernarda Alba beendet und seinen Freunden vorgelesen. Am 13. Juli reiste er zu den Eltern nach Granada und ging in die Huerta de San Vicente, das Landhaus der Familie. Am 18. Juli begann mit dem Militärputsch unter Franco der Spanische Bürgerkrieg; Granada fiel an die Aufständischen. Lorca suchte Zuflucht bei der befreundeten Familie Rosales, deren Söhne in der lokalen Falange führend waren. Am 16. August wurde er dort dennoch verhaftet. Unter dem Kommando des ehemaligen CEDA-Abgeordneten Ramón Ruiz Alonso brachte man ihn ins Gobierno Civil und verschleppte ihn in der Nacht nach Víznar. Bei Morgengrauen, vermutlich am 18. oder 19. August, wurde er auf der Landstraße nach Alfacar zusammen mit drei weiteren Republikanern vom Großgrundbesitzer und Franquisten Juan Luis Trescastro erschossen und am Straßenrand verscharrt. Den Befehl hatte General Gonzalo Queipo de Llano telefonisch erteilt. Das genaue Sterbedatum bleibt unsicher. Wikipedia und Wikidata nennen den 19. August 1936, die Deutsche Biographie sowie die Darstellung Ian Gibsons lassen den 18. oder 19. August offen. Bis 1975 war der Mord an Lorca in Spanien ein gesellschaftliches Tabu. Suchen nach seinem Grab in den Jahren 2009 und 2014 blieben ergebnislos. 2015 tauchte ein bisher unbekanntes Polizeigutachten von 1965 auf, in dem die franquistischen Behörden die Ermordung einräumten. Darin bezeichneten sie Lorca pauschal als „Sozialist", „Freimaurer" und „praktizierenden Homosexuellen", obwohl „konkret nichts vorgelegen" habe.


Literarische Merkmale

Lorcas dichterische Wurzeln liegen im spanischen Modernismo Rubén Daríos und in der Lyrik der Andalusier Antonio Machado und Juan Ramón Jiménez. Aus dieser Linie heraus entwickelte er eine eigene Stimme. Sie nimmt das Erbe der Volksdichtung Andalusiens auf und verbindet es mit den Mitteln der Moderne. Im Romancero gitano von 1928 greift er die traditionelle Romanze auf – die alte spanische Volksversform. Er füllt sie mit neuen Inhalten und erweitert sie auch formal. Die Welt der spanischen und andalusischen Folklore, der Flamenco und der cante jondo, über den er in Havanna einen eigenen Vortrag hielt, sind ihm nicht Dekor, sondern Material und Tonfall zugleich.

In seiner New Yorker Phase öffnet sich Lorcas Schreiben einer surrealistischen Bildsprache. Die Erfahrung der amerikanischen Metropole, der Eindruck des Börsenkrachs vom Oktober 1929 und die in Kuba weitergeführte Arbeit verdichten sich in den Gedichten des Zyklus Poeta en Nueva York und in der Oda a Walt Whitman. Parallel sucht er einen radikal neuen Theaterton. In einem Brief an die Eltern schrieb er, das Theater in Spanien sei tot und müsse entweder radikal verändert werden oder aussterben. Gemeint war sein surrealistisches Drama Así que pasen cinco años, an dem er damals arbeitete und zu dem auch El Público gehört.

Auf der Bühne wandte sich Lorca zugleich der großen tragischen Form zu. Mit Bodas de sangre, Yerma und La casa de Bernarda Alba schuf er Stücke, die im ländlichen Andalusien spielen. In ihnen münden Volkston, Lied und chorische Elemente in eine streng gebaute Tragödie. Gemeinsam mit Ramón del Valle-Inclán wird ihm die Erneuerung des spanischen Theaters zugeschrieben, das zuvor in spätromantischen Formeln und flachem Naturalismus erstarrt war. Er war nicht nur Autor, sondern mit der Wanderbühne La Barraca auch Regisseur, Schauspieler, Bühnenbildner und Musiker. Das prägte sein Verständnis von Theater als gemeinschaftlichem, körperlichem Vorgang.


Rezeption

Schon zu Lebzeiten war Lorcas Wirkung außergewöhnlich. Der Romancero gitano machte ihn 1928 schlagartig berühmt und erlebte bis 1935 sechs Auflagen. Er galt damit als meistverkaufter Gedichtband des Jahrhunderts. Auf den Bühnen der dreißiger Jahre liefen Bodas de sangre, Yerma und La zapatera prodigiosa parallel in Madrid. Sie sicherten ihm einen Durchbruch, den die Wikipedia als beispiellos bezeichnet. In Lateinamerika wurde er ähnlich gefeiert. In Havanna empfing man ihn 1930 stürmisch als Autor des Romancero, in Buenos Aires nahm man ihn 1933 überschwänglich auf. Mit Pablo Neruda entstand eine Freundschaft, die ihm in der spanischsprachigen Welt zusätzliches Gewicht gab. Am 4. November 1934 las er den Llanto a Ignacio Sánchez Mejías vor. Der chilenische Botschafter Carlos Morla Lynch schilderte in seinen Erinnerungen den tiefen Eindruck davon; diese Lesung gehört bis heute zu den vielzitierten Augenblicken seines Wirkens.

Der gewaltsame Tod im August 1936 hat die Wahrnehmung des Werks für Jahrzehnte überformt. Bis 1975 blieb der Mord an García Lorca in Spanien ein gesellschaftliches Tabu. Eine offene Auseinandersetzung mit seiner Person war dort deshalb lange nicht möglich. Die historische Aufarbeitung begann der Hispanist Ian Gibson mit La represión nacionalista en Granada en 1936 y la muerte de García Lorca. Er führte sie fort in Granada 1936. El asesinato de García Lorca und der dreibändigen Lorca-Biografie von 1987. Im Rahmen des 2007 verabschiedeten Gesetzes über das historische Gedenken wurde 2009 und 2014 zweimal erfolglos nach dem Grab gesucht. Die Familie hat sich wiederholt gegen Exhumierungsversuche ausgesprochen. 2015 tauchte ein Polizeigutachten von 1965 auf, in dem die franquistischen Behörden die Ermordung einräumten. So wirkt Lorca bis heute zugleich als großer Erneuerer der spanischen Lyrik und Bühne und als Erinnerungsfigur des spanischen Bürgerkriegs.

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