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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Ludwig Ganghofer
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Porträt Ludwig Ganghofer
Ludwig Ganghofer
1855 – 1920
– Autorenporträt –

Ludwig Ganghofer

1855 – 1920 · 65 Jahre

Bayerischer Erzähler der Heimatromane und einer der meistgelesenen Autoren seiner Zeit – als „Heile-Welt“-Schreiber verspottet und für seine Kriegspropaganda kritisiert.

Kurzporträt

Ludwig Albert Ganghofer war ein bayerischer Schriftsteller, der vor allem durch seine Heimatromane bekannt wurde. Geboren 1855 in Kaufbeuren, wuchs er als Sohn eines Försters in wechselnden bayerischen Orten auf und fand nach einem abgebrochenen Technikstudium zur Literatur. Um die Jahrhundertwende zählte er zu den meistgelesenen Autoren seiner Zeit; seine Bücher erlebten Dutzende Auflagen und wurden vielfach verfilmt. Zugleich geriet er schon zu Lebzeiten in die Kritik – als „Heile-Welt“-Schreiber und wegen seiner propagandistischen Kriegsberichterstattung im Ersten Weltkrieg. Er starb 1920 am Tegernsee.


Biografie

Am 7. Juli 1855 kam Ludwig Ganghofer in Kaufbeuren zur Welt, wo sein Geburtshaus im Zentrum der Altstadt unmittelbar neben der Martinskirche liegt, in der er auch getauft wurde. Sein Vater August Ritter von Ganghofer (1827–1900) war bayerischer Ministerialrat und leitete die Forstabteilung; er richtete das bayerische Forstwesen ein und wurde 1886 in den bayerischen Personaladel erhoben. Als Sohn eines Försters mit wechselnden Dienststellen wuchs Ludwig in verschiedenen bayerischen Orten auf. Einen Teil seiner Kindheit von 1859 bis 1865 verbrachte er in Welden bei Augsburg.

Von 1869 bis 1871 besuchte er das Augsburger Realgymnasium. Das Abitur legte er 1873 in Regensburg ab. Danach arbeitete er ein Jahr als Schlosser und Monteur in der Augsburger Maschinenfabrik Riedinger, denn er wollte zunächst Techniker werden. 1875 begann er ein Maschinenbaustudium am Polytechnikum in München, wechselte aber bald zu Literaturgeschichte und Philosophie und studierte in München, Berlin und Leipzig. 1879 wurde er in Leipzig promoviert.

Sein erstes Schauspiel Der Herrgottschnitzer von Ammergau schrieb Ganghofer 1880 für das Münchner Gärtnerplatztheater. Das Stück hatte Erfolg und wurde in Berlin mehr als hundertmal gespielt. Ab Oktober 1881 arbeitete er in Wien als Dramaturg am Ringtheater, das jedoch wenige Wochen später abbrannte. Danach war er freier Mitarbeiter des Familienblatts Die Gartenlaube, das auch seine ersten großen Heimatromane brachte, und von 1886 bis 1891 Feuilletonredakteur des Neuen Wiener Tagblatts. In Wien heiratete er 1882 Catharina Engel; aus der Ehe gingen ein Sohn und drei Töchter hervor.

In seiner Wiener Zeit verkehrte Ganghofer im Salon der Baronin Sophie Todesco, wo er unter anderem Hugo von Hofmannsthal und Johann Strauss traf. Strauss widmete ihm die Polka Auf zum Tanze, während Ganghofer Teile des Librettos für die Strauss-Operette Der Zigeunerbaron verfasste. 1890 gab er gemeinsam mit dem Schriftsteller Vinzenz Chiavacci die gesammelten Werke von Johann Nestroy heraus. Seinen Durchbruch als Erzähler hatte er mit Hochlandgeschichten und -romanen, zuerst 1883 mit der Prosafassung des Bühnenstücks Der Jäger von Fall. Ab 1891 legte er den Schwerpunkt auf das Schreiben.

Es entstanden die Romane, die seinen Ruhm begründeten, darunter Der Edelweißkönig (1886), Der Klosterjäger (1892), Die Martinsklause (1894), Schloß Hubertus (1895) und Das Schweigen im Walde (1899). 1894 ließ er sich in München nieder, verbrachte die Sommer regelmäßig im Gebirge und unternahm Reisen, unter anderem nach Italien. Er war ein leidenschaftlicher Jäger; auf seinem Jagdhaus „Hubertus“ bei Leutasch in Tirol hatte er ein großes Jagdrevier gepachtet. Sowohl in München als auch in Tirol empfing er bekannte Persönlichkeiten der Zeit, unter ihnen Ludwig Thoma, Franz von Defregger, Franz von Stuck und Rainer Maria Rilke.

Neuen literarischen Strömungen zeigte er sich aufgeschlossen. 1897 gründete er mit Ernst von Wolzogen, Max Halbe und Richard Strauss die Münchener Literarische Gesellschaft und setzte sich als deren Präsident für Autoren ein, die noch keine Anerkennung gefunden hatten oder unter der Zensur litten, etwa Rainer Maria Rilke und Frank Wedekind. Für Wedekind hielt er 1918 die Grabrede. 1909 unterzeichnete er mit Wedekind und Heinrich Mann den Aufruf Für die preußische Wahlreform. Auch Adele Sandrock und Karl Valentin wurden von ihm gefördert.

Zwischen 1915 und 1917 berichtete Ganghofer als Kriegsberichterstatter von den Kriegsschauplätzen. Seine propagandistisch gefärbten Eindrücke von der Westfront gab er unter dem Titel Reise zur deutschen Front heraus; das Buch erreichte noch 1915 eine Auflage von mindestens 250.000 Exemplaren. Es folgten Berichte von der Ostfront sowie zahlreiche Kriegsgedichte, die in Sammelbänden wie Eiserne Zither und Neue Kriegslieder erschienen. Diese Werke sind von patriotischer Gesinnung geprägt. Kaiser Wilhelm II. war ein persönlicher Freund Ganghofers, der als dessen Lieblingsschriftsteller galt; eine ähnliche Freundschaft verband ihn mit dem steirischen Heimatdichter Peter Rosegger. Ganghofer erlitt eine schwere Kriegsverletzung und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Wie sein Freund Ludwig Thoma wurde er Mitglied der 1917 gegründeten nationalistischen Deutschen Vaterlandspartei. Nach deren Auflösung Ende 1918 trat er nicht mehr politisch in Erscheinung.

Bis zu seinem Tod blieb Ganghofer als Schriftsteller tätig. Sein letztes Werk, Das Land der Bayern in Farbenphotographie, widmete er König Ludwig III. von Bayern. Er starb am 24. Juli 1920 in der Villa Maria in Tegernsee, die er 1918 gekauft und ab 1919 bewohnt hatte. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof der Kirche St. Laurentius in Rottach-Egern, neben dem von Ludwig Thoma.


Literarische Merkmale

Viele Werke Ganghofers greifen Geschehnisse aus der Geschichte des Berchtesgadener Landes auf, wo er sich regelmäßig aufhielt. Seine Heimatromane handeln meist vom Leben einfacher, tüchtiger und ehrlicher Menschen. Laut der Neuen Deutschen Biographie begann er mit Heimatlustspielen nach dem Vorbild Anzengrubers, den er in Wien kennengelernt hatte, und wandelte seine rund zwanzig Bühnenstücke oft in Romane um. Die Familienchronik und die Jugendjahre in Welden lieferten ihm das Reservoir für seine Gestalten, die er in naiv-herzlichen, mitunter sentimentalen Hochlanderzählungen aus dem Schwäbischen ins Oberbayerische übertrug, angereichert durch Liebes- und Gebirgsromantik.

Angeregt durch Gustav Freytags Die Ahnen, fasste er den Plan, die Geschichte eines deutschen Dorfes an einem bayerischen Beispiel darzustellen. Die Romanserie Die Watzmannskinder erzählt die Geschichte des Volkes im Berchtesgadener Land vom frühen Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. Diese historischen Romane enthalten durchaus Hinweise auf soziale Konfliktsituationen der wilhelminischen Zeit: Sie behandeln Konflikte zwischen den Ständen, den gesellschaftlichen Aufstieg durch treue Dienste und die soziale Lage der Bauern, und sie weisen nicht immer ein glückliches Ende auf. Über allem steht das Idealbild eines monarchisch-patriarchalen, für seine Untertanen sorgenden Staates. Innerhalb des Zyklus lässt sich eine zunehmende Militarisierung beobachten, denn Schilderungen bewaffneter Auseinandersetzungen nehmen zu.

Von völkischer Ideologie sind die Erzählungen weitgehend frei. Dunkelhaarige Romanfiguren mit südländischen Wurzeln sind häufig positiv besetzt, und jüdische Charaktere werden nicht antisemitisch gezeichnet; auch ihnen widerfahrenes Unrecht kommt zur Sprache. Die Neue Deutsche Biographie beschreibt ihn als jemanden, der spannend zu fabulieren verstand und Phantasie besaß, dem aber ein oberflächlicher Fortschrittsglaube eigen war. Wald, Gebirge und Geschichte werden bei ihm, so das Urteil, zu dekorativem Kulissenzauber voller Gefühlsschwärmerei.


Rezeption

Schon zu Lebzeiten brachten Ganghofer seine Heimatromane den Ruf des „Heile-Welt“-Schreibers ein, und nicht selten wurden seine Werke als Kitsch bezeichnet. Er und seine Bücher wurden zur Zielscheibe satirischer Attacken, etwa von Karl Kraus in Die letzten Tage der Menschheit. Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Hašek verwendete das Buch Die Sünden der Väter in seinem Roman Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk als Text zur Verschlüsselung militärischer Nachrichten.

Um die Jahrhundertwende war Ganghofer populär und sehr produktiv und zählte zu den meistgelesenen Heimatschriftstellern. Seine Hauptwerke erlebten Dutzende von Auflagen und wurden später alle, zum Teil mehrfach, verfilmt. Laut der Neuen Deutschen Biographie hatte er als Heimat- und Volksschriftsteller auch Jahrzehnte nach seinem Tod noch ein breites Publikum. Seine Romane werden bis heute verlegt; weltweit wurden nach einer Schätzung mit Stand 2004 insgesamt mehr als 30 Millionen Ausgaben verkauft.

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