1899
Das Schweigen im Walde
Überblick↑
Der Roman Das Schweigen im Walde von Ludwig Ganghofer erschien 1899. Er erzählt eine Geschichte von Liebe und Eifersucht, die in den Tiroler Bergen zwischen Ehrwald und Leutasch spielt. Das Werk gehört zu den bekannten Heimat- und Bergromanen des Autors und verbindet die genaue Schilderung der Jagd- und Almwelt mit einer romantischen Liebeshandlung. Der Titel spielt auf ein gleichnamiges Gemälde von Arnold Böcklin an, das im Roman eine wiederkehrende Rolle spielt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Auf der Flucht vor einer Liebesaffäre in Wien zieht sich Fürst Heinrich von Ettingen-Bernegg zur Erholung auf eine einsame Jagdhütte in den Tiroler Bergen zurück. Ein Freund hat ihm das Revier gepachtet, sein Kammerdiener Martin begleitet ihn. Am Jagdhaus empfangen ihn der Förster und die Revierjäger, unter ihnen der lebenslustige Pepperl Praxmaler und der verschlossene Anton Mazegger.
Bei einem Gang durch den Wald sieht Ettingen eine junge Frau, die auf einem Esel talwärts reitet. Ihr Anblick erinnert ihn an Böcklins Gemälde und lässt ihn nicht mehr los. Es ist Lo Petri, die Tochter eines verstorbenen Kunstmalers, die in einer Hütte über dem See malt und den Bergarten ihres Vaters pflegt. Zwischen dem Fürsten und dem Mädchen entsteht rasch eine tiefe Vertrautheit.
Doch auch der Jäger Mazegger wirbt um Lo, und aus dem Wiener Leben, dem Ettingen entflohen ist, drohen ungebetene Gäste nachzureisen. Während die Jäger, Sennerinnen und Diener ihre eigenen Liebeshändel austragen, wächst zwischen den Bergen ein Geflecht aus Zuneigung, Eifersucht und Missverständnissen heran.
Die Handlung im Detail↑
Fürst Heinrich „Heinz“ von Ettingen-Bernegg flieht vor einer Liebesaffäre in Wien auf eine Jagdhütte zwischen Ehrwald und Leutasch, die sein Freund Graf Egon Sternfeldt für ihn gepachtet hat. Begleitet wird er von seinem Kammerdiener Martin. Am Jagdhaus empfangen ihn der Förster Kluibenschädl und die Revierjäger, darunter Josef „Pepperl“ Praxmaler und Anton Mazegger. Mazegger stammt aus dem Trient; sein deutschsprachiger Vater war dort Lehrer. Nach dem frühen Tod der Eltern musste er die Schule in Innsbruck abbrechen und in den Jagddienst treten.
Bei einem Spaziergang erblickt Ettingen eine hübsche junge Frau, die auf einem Esel talwärts reitet. Ihr Anblick beeindruckt ihn tief und erinnert ihn an Arnold Böcklins Gemälde. Kammerdiener Martin schreibt heimlich eine Einladung nach Wien an die Baronin Prankha, vor der Ettingen geflohen war. Während der Förster sich still an einem Kolportageroman ergötzt, feiern die Jäger in der Sennhütte mit der Sennerin Burgi; nur Mazegger hält sich fern. Als Martin seine Briefe abgeben will, kommt es zum Wortgefecht mit dem angetrunkenen Praxmaler, der in dem vornehmen Diener einen Rivalen um die Gunst der Sennerin sieht.
Der Förster erwischt abends Mazegger, der ihn über seine Pirsch belogen hatte und stattdessen beim malenden „Fräulein vom Sebensee“ gewesen war. Es kommt zum Streit, und der Förster gibt Mazegger vier Wochen, sich eine neue Stelle zu suchen.
Am folgenden Tag bricht der Fürst vor Sonnenaufgang zur Pirsch mit Praxmaler auf. Beim Ebensee erlegen sie einen Hirsch. Während der Jäger ihn ausweidet, entdeckt Ettingen eine kleine Hütte über dem See, umgeben von einem gepflegten Garten aus Bergblumen. Hausherrin ist die junge Eselsreiterin, Lolo Petri. Er fühlt sich ihr sogleich verbunden und errät vieles aus der Geschichte ihres Vaters, der den Ort entdeckt und die Hütte erbaut hat. Nach dem Tod ihres Vaters, eines zu Lebzeiten unverstandenen Kunstmalers, kommt sie zum Malen und zur Pflege des Gartens herauf und wird von den Almhütten mit Proviant versorgt. Auf dem Heimweg erfährt der Fürst, dass der Maler Emmerich Petri aus München sich ein Haus in Leutasch gekauft und seinen Unterhalt mit Lüftlmalerei und dem Anfertigen von Marterln verdient hatte, aber auch allegorische Gemälde schuf.
Mazegger versucht, Lolos Gunst zu gewinnen, indem er ihr ein Edelweiß für den Garten bringt. Sie lehnt es ab, weil es schon zu weit in der Blüte steht. Mazegger entbrennt in Eifersucht. Von ihm erfährt Lo, dass ihr einfühlsamer Besucher der Fürst und neue Jagdherr war.
Bei der Rückkehr erlauscht Praxmaler, wie Martin der Sennerin Burgi Avancen macht: Er werde Jagdverwalter mit üppigem Einkommen und suche eine Frau. Praxmaler stellt Burgi zur Rede, und die beiden gehen im Streit auseinander. Ettingen erkundigt sich telegrafisch bei Sternfeldt nach Emmerich Petri. Bei einem Ausflug ins Tal nach Leutasch erfährt er vom Förster mehr über die Zeit des Malers im Dorf und über dessen Tod beim heldenhaften Einsatz gegen eine Überschwemmung. Im Hause Petris zeigt ihm die Haushälterin die Gemälde des Verstorbenen, die ihn tief beeindrucken. Lo holt ihren Bruder Gustl, einen Innsbrucker Gymnasiasten, von der Kutsche ab; er verbringt seine Ferien bei Schwester und Mutter.
Martin lässt heimlich das Haus für die Ankunft der Baronin Prankha herrichten und sorgt dafür, dass Ettingen zwei Tage auf Pirsch und Treibjagd abwesend ist. Am Abend des ersten Tages zwingt ein Unwetter Ettingen und Praxmaler zur Umkehr; sie übernachten bei Lo und Gustl in der Hütte am See. Lo und Ettingen unterhalten sich die ganze Nacht. Am Morgen steigen sie zum Jagdhaus ab. Mazegger, der eigentlich die Ehrwalder Jäger zur Treibjagd rufen soll, geht stattdessen zum Sebensee und erklärt sich Lo. Er berichtet von seiner Herkunft, der schwierigen Kindheit, der abgebrochenen Schule und seinen hochfliegenden Plänen und sieht in ihr die Frau, für die er alles wagen würde. Lo weist ihn ab, und er muss unverrichteter Dinge nach Ehrwald gehen.
Auf einem Pirschgang treffen Ettingen und Praxmaler Lo und ihren Bruder, der vom durchgehenden Esel schwer verletzt wird. Ettingen trägt ihn ins Jagdhaus, wo er gut versorgt wird. Lo und Heinz sprechen über Böcklins Gemälde, dessen Kopie inzwischen eingetroffen ist. Eine Depesche aus Wien bestätigt, dass Emmerich Petri in Kunstkreisen höchste Anerkennung findet und eine Ausstellung in Berlin gerade zum Zeitpunkt seines Todes ein großer Erfolg war. Lo bringt den Buben ins Tal zur Mutter.
Ins Jagdhaus kommen nun, angelockt durch den Kammerdiener, die frisch geschiedene Baronin Prankha mit ihrer französischen Zofe und dem Wiener Hallodri „Mucki“ von Sensburg. Mazegger schöpft neue Hoffnung, das Interesse des Fürsten könne sich von Lo abwenden. Bald erscheint auch Graf Sternfeldt zu Pferde, der mit dem Förster loszieht, um Ettingen zu warnen. Der Fürst ist zu höflich, um die ungebetenen Gäste hinauszuwerfen, entlässt aber den treulosen Diener Martin.
Mazegger geht ins Tal, um Lo zu berichten, Ettingen habe nun eine andere. Er erreicht damit nicht die gewünschte Wirkung und verzweifelt endgültig. Lo aber beschließt, das Erbe ihres Vaters in München zu vertreten und abzureisen, sobald sie die Berghütte winterfest gemacht hat. Auf der Tillfußer Alm geht es unterdessen hoch her: Die französische Zofe flirtet heftig mit Praxmaler, der es genießt, die widerspenstige Burgi eifersüchtig zu machen. Als die Gäste gegangen sind, kommt es zwischen Burgi und Praxmaler zum Wortgefecht, in dem beide erkennen, dass sie zueinander gehören.
Auch Mazegger ist wieder zum Jagdhaus gestiegen und belauscht, wie Ettingen die Baronin in einer nächtlichen Aussprache kalt und eindeutig zurückweist. Im Morgengrauen entflieht der Fürst seinen Gästen durch einen Ausflug mit Praxmaler zum Steinernen Hüttl. Dort erbittet Praxmaler die Heiratserlaubnis. Als Ettingen erfährt, dass die Braut mittellos ist, sagt er fünfhundert Gulden für die Aussteuer zu und befördert Praxmaler zum Oberjäger. Die Wiener Gäste reisen ab, Praxmaler überbringt seiner Braut die frohe Nachricht, und Lo geht zur Hütte am Sebensee.
Während sich alle schlafen legen, zieht Mazegger los, holt sich bei einer Alm eine Fackel und entzündet den Reisigzaun, um das Glück von Ettingen und Lo zu verhindern. Das Feuer breitet sich rasch aus, erfasst den Wald und versperrt Lo den Weg ins Tal. Mazegger steigt zum Sebensee auf, wo auch Lo das Feuer bemerkt hat. Sie entscheidet sich zur Flucht über den hochgefährlichen Weg nach oben über den Felsen ins Nachbartal, während Mazegger den fliehenden Tieren nach unten folgt und dort umkommt.
Ettingen, der zu einem frühen Ausflug aufgebrochen war, entdeckt das Feuer, weiß Lo in Gefahr und steigt mit Praxmaler die steile Felswand hinauf. Sie finden die völlig erschöpfte Frau im Fels, die zusammenbricht, sobald sie gerettet ist. Als sie erwacht, gestehen die beiden einander ihre Liebe und gehen ins Tal. Im Herbst heiraten Lo Petri und Heinz Fürst Ettingen sowie Pepperl Praxmaler und Burgi.
Stil↑
Ganghofers Erzählsprache ist Hochdeutsch, das von einigen bairischen Ausdrücken durchzogen ist – etwa gach statt steil oder Schneckerl statt Locken. Die unterschiedlichen sozialen Ebenen der Figuren spiegeln sich in der Sprache der Dialoge. Lo spricht wie der Fürst und sein Gefolge Schriftdeutsch, während die Jäger untereinander im bairischen Dialekt reden. Aus diesem Nebeneinander entstehen im Roman auch Missverständnisse.
Für einzelne Nebenfiguren wählt Ganghofer eigene Sprechweisen: Der Edle Mucki bedient sich einer Art Wiener Fiaker-Jargons, und Fifi, die Zofe der Baronin, spricht nur Französisch, das in Fußnoten übersetzt wird. Immer wieder verwoben ist die Handlung mit dem Motiv der Malerei, verkörpert durch Böcklins Gemälde und die Bilder des verstorbenen Künstlers Emmerich Petri.
Rezeption↑
Zu den langlebigsten Zeugnissen der Wirkung dieses Bergromans gehören seine zahlreichen Verfilmungen. Der Stoff wurde mehrfach für das Kino bearbeitet: 1929 in einer Fassung unter der Regie von William Dieterle, 1955 durch Helmut Weiß und 1976 durch Alfred Vohrer; eine weitere Verfilmung entstand 1937. Dass die Geschichte über mehrere Jahrzehnte hinweg immer wieder neu verfilmt wurde, zeigt die anhaltende Beliebtheit des Werks beim Publikum.
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