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Das Schloss
1926
– Werkseintrag –

Das Schloss

1926 · Roman

Ein Mann kommt als Landvermesser in ein verschneites Dorf – und ringt von da an mit einem Schloss, das ihn weder einlässt noch fortschickt.

Überblick

Der Roman Das Schloss gehört zu den drei großen unvollendeten Romanen Franz Kafkas. Die beiden anderen sind Der Process und Der Verschollene. Der Roman entstand 1922. Er erschien erst 1926, zwei Jahre nach Kafkas Tod, durch die Herausgeberschaft seines Freundes Max Brod. Im Mittelpunkt steht der Landvermesser K. Er ringt vergeblich um die Anerkennung seiner beruflichen und privaten Existenz durch ein geheimnisvolles Schloss und dessen Beamtenapparat. Das Werk gilt als eine der eindringlichsten Darstellungen menschlicher Ohnmacht gegenüber einer undurchschaubaren Macht. Es wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen.

Inhalt (ohne Spoiler)

An einem Winterabend trifft ein Mann namens K. in einem ärmlichen Dorf ein. Das Dorf gehört zu einem gräflichen Schloss. Er stellt sich als der bestellte Landvermesser vor. Doch schon in der ersten Nacht beginnt der Streit darüber, ob er überhaupt gerufen worden sei. Telefonate mit dem Schloss bringen widersprüchliche Auskünfte. Am nächsten Morgen muss K. erleben, dass er sich dem Schloss auf dem Weg dorthin auf seltsame Weise gar nicht nähern kann.

K. bleibt im Dorf. Von dort aus versucht er, von der Verwaltung des Schlosses anerkannt zu werden. Er bekommt zwei Gehilfen zugewiesen und erhält Botschaften eines hohen Beamten namens Klamm. Im Wirtshaus lernt er das Schankmädchen Frieda kennen, das ihn rasch in eine Beziehung zieht. Statt der erhofften Arbeit als Landvermesser wird ihm eine Stelle als Schuldiener angeboten. Im Gespräch mit dem Dorfvorsteher und mit verschiedenen Frauen des Dorfes wird ihm allmählich klar, in welch unübersichtlichen, quälend umständlichen Apparat er geraten ist. Sein ganzes Streben richtet sich darauf, an Klamm heranzukommen und sich Gewissheit über seine Stellung zu verschaffen. Doch jede neue Begegnung verschiebt das Ziel weiter in die Ferne.

Die Handlung im Detail

K. erreicht an einem Winterabend ein ärmliches Dorf und übernachtet im dörflichen Wirtshaus, dem Brückenhof. Bald wird er von einem Vertreter des Schlosses geweckt, der ihm erklärt, ein Aufenthalt sei nur mit Erlaubnis des Schlosses gestattet. K. gibt sich als Landvermesser aus, den der Graf Westwest habe kommen lassen. Zwei Telefonate mit dem Schloss folgen: das erste bestreitet seine Bestellung, das zweite bestätigt sie anscheinend doch, so dass er bleiben darf. Am nächsten Morgen versucht K., zum Schloss zu gehen, kann sich ihm auf unerklärliche Weise aber nicht nähern und muss umkehren. Die Dorfbevölkerung begegnet ihm mit Distanz und Misstrauen.

In der Folge wird der Versuch, seine Stellung als gräflicher Angestellter beglaubigt zu bekommen, zu K.s einzigem Lebensinhalt. Das Schloss schickt ihm zwei Gehilfen, die ihn angeblich „aufheitern" sollen. Der Bote Barnabas überbringt ihm zweimal Briefe des hohen Beamten Klamm, die wohlwollend klingen, aber den tatsächlichen Verhältnissen nicht entsprechen. Klamm wird zur zentralen Figur in K.s Denken. Im Brückenhof begegnet K. dem Schankmädchen Frieda, der angeblichen Geliebten Klamms, die ihn sofort in eine erotische Beziehung zieht, welche sich aber bald wieder auflöst.

In einem Gespräch mit dem Dorfvorsteher erfährt K., dass die Verwaltung des Schlosses ein riesiger, chaotischer Apparat ist: gründlich und quälend umständlich, im Ergebnis aber oft zufällig. Möglicherweise geht K.s Berufung auf einen vor vielen Jahren fehlgeleiteten Brief zurück. Als Landvermesser hat man im Dorf keine Verwendung für ihn; gegen den Willen des Lehrers bietet ihm der Dorfvorsteher eine Stelle als Schuldiener an, die K. annimmt. Mit Frieda und den beiden Gehilfen, die ihn unablässig verfolgen, zieht er in eines der beiden Schulzimmer. Hier kommt es zu grotesken und für K. entwürdigenden Auftritten: Die Lehrerin stellt ihn vor den Schülern bloß und schlägt ihn sogar; nach einem Streit mit dem Lehrer jagt K. in einem Wutanfall seine Gehilfen fort.

K. lauert Klamm vergeblich auf. Er führt lange Gespräche mit Frauen, die ihm ihre eigene Lage und seine Ahnungslosigkeit vor Augen führen. Die Brückenhofwirtin gesteht ihm, auch sie sei Klamms Geliebte gewesen und sei ihm immer noch verfallen. Die Schwestern des Boten, Olga und Amalia, erklären ihm den Mechanismus des Dorflebens: Amalia hatte sich geweigert, auf ein obszönes Angebot des hohen Beamten Sortini einzugehen, und dessen Brief vor den Augen des Boten zerrissen. Seitdem wird die ganze Familie von den Dorfbewohnern verachtet und gemieden – vom Schloss selbst aber kam keinerlei Reaktion.

Im Herrenhof, dem Gasthaus der Schlossherren, in dem K. einst Frieda kennengelernt hatte, greift die Behörde zum ersten Mal direkt nach ihm: Klamms Dorfsekretär Momus möchte ein Protokoll über K.s Auftritt im Brückenhof aufsetzen. Als K. erfährt, dass Klamm dieses Protokoll ohnehin nicht lesen wird, verweigert er seine Mitwirkung. Eines Nachts wird er in den Herrenhof zum Sekretär Erlanger gerufen, wählt aber die falsche Tür und trifft zufällig auf den Beamten Bürgel. Dieser scheint für K.s Anliegen zugänglich, da es ihm an Arbeit mangelt und er auf eine Aufgabe geradezu lauert. K. kann diese Chance jedoch nicht nutzen: Eine bleierne Müdigkeit überfällt ihn, er schläft ein. Später zeigt sich ohnehin, dass Bürgel ohne Einfluss ist; sein Vorgesetzter ist kaltgestellt. Es bleibt der bittere Befund: „Es gibt Dinge, die an nichts anderem als an sich selbst scheitern." Erlanger fordert K. noch auf, dafür zu sorgen, dass Frieda wieder im Ausschank des Herrenhofes arbeitet, damit Klamm sich nicht an ein anderes Mädchen gewöhnen müsse. K. erlebt anschließend die morgendliche Aktenverteilung der Beamten – eine skurrile Szene, in der die Akten ständig verwechselt werden und heftige Streitereien zwischen Beamten und Dienern entstehen.

Frieda hat sich inzwischen entschlossen, K. zu verlassen und in den Herrenhof zurückzukehren. K. versucht vergeblich, sie zurückzuhalten; sie scheint nun Jeremias, einen der Gehilfen, den sie aus ihrer Kindheit kennt, vorzuziehen. In einem letzten längeren Gespräch erklärt Pepi, Friedas vorübergehende Nachfolgerin im Ausschank, dass Frieda K. nur benutzt habe. Nach einer rätselhaften Unterhaltung K.s mit der Herrenhofwirtin über deren Kleidung bricht das Fragment ab. Auch eine Passage über den Fuhrmann Gerstäcker und dessen Mutter, die in einem Buch liest, bricht mitten im Satz ab: „Sie reichte K. die zitternde Hand und ließ ihn neben sich niedersetzen, mühselig sprach sie, man hatte Mühe sie zu verstehn, aber was sie sagte".

Einen von Kafka selbst geschriebenen Schluss gibt es nicht. Max Brod hat aber aus mündlichen Erzählungen des Autors einen rekonstruiert: K. sollte am siebten Tag an körperlicher und seelischer Erschöpfung sterben, während ihm gleichzeitig vom Schloss aus Gnade ein Wohnrecht erteilt würde – ein später, halber Sieg in einem Kampf, der eigentlich nicht zu gewinnen war.

Stil

Kafka erzählt aus einer eng an K. gebundenen Perspektive. Was der Leser erfährt, weiß auch der Protagonist – und ebenso wenig. So überträgt sich dessen Verunsicherung unmittelbar auf den Leser. Die Sprache ist nüchtern, präzise und ruhig, gerade dort, wo das Geschehen ins Absurde kippt. Behörden, Briefe, Telefonate und Protokolle werden mit der Sachlichkeit eines Aktenvermerks geschildert. Das verstärkt den unheimlichen Sog des Romans.

Charakteristisch sind die langen, kunstvoll verschachtelten Sätze. In ihnen verzweigen sich Gedanken, nehmen sich zurück und setzen neu an, ohne je zu einem festen Schluss zu kommen. Diese Form bildet das undurchschaubare Hin und Her der Bürokratie selbst nach. Die winterliche Dorflandschaft mit ihrem Schnee, ihren Gassen und ihrem unscharfen Schloss am Hügel wirkt weniger als realer Ort denn als Sinnbild eines Zustands: ein Raum ohne klare Linien, in dem der Held taumelt und sich verirrt. Gespräche nehmen breiten Raum ein. Sie kreisen, ohne weiterzukommen, und stellen die Frage nach Wahrheit und Recht hinter die Frage zurück, wer hier eigentlich mit wem in welcher Sprache redet. Dass der Roman mitten im Satz abbricht, fügt sich folgerichtig in diese Form. Ein Ende, das Klarheit verschaffte, wäre dem Werk fremd.

Rezeption

Der Roman gilt als eines der Schlüsselwerke der literarischen Moderne. Er wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Die Forschung hat immer wieder darauf hingewiesen, dass die Faszination des Schlosses gerade in seiner Leere liegt: es ist weniger ein Ort als ein Spiegel, in dem der Betrachter sich selbst und seine Sehnsüchte wiederfindet. So beschreibt Wiebrecht Ries die Wirklichkeit des Schlosses als bloß „spiegelhaft". Peter-André Alt deutet die winterliche Landschaft als Sinnbild einer „amorphen Ordnung", in der K. taumelnd umherirrt.

Andere Stimmen heben die soziale und moralische Dimension hervor. Kindlers Lexikon liest die Geschichte der Familie des Barnabas als Bild einer verkehrten Welt. In ihr bitten die Unschuldigen die Schuldigen um Verzeihung, während die Urheber des Bösen sich entziehen und gerade dadurch zum Gegenstand „knechtischer Sehnsucht" werden. Karlheinz Fingerhut wiederum betont, dass in Das Schloss und Der Process die Frage nach Wahrheit und Recht hinter die nach Sprachregelungen und Kommunikationsdefiziten zurücktritt. Der Roman handelt von der Unmöglichkeit, sich verständlich zu machen.

Bis heute reizt das Werk zur Auseinandersetzung in anderen Künsten. Es wurde fürs Theater eingerichtet, unter anderem von Leopold Lindtberg. Es wurde vielfach verfilmt, etwa 1986 von Jaakko Pakkasvirta und 1997 als Fernsehfilm von Michael Haneke. Im Jahr 2000 wurde es zu einem musikalisch-dramatischen Werk verarbeitet.

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