1949
Das Reich von dieser Welt
Überblick↑
Der Roman Das Reich von dieser Welt stammt vom kubanischen Autor Alejo Carpentier und erschien 1949 auf Spanisch unter dem Titel El reino de este mundo. Eine erste englische Übersetzung folgte 1957. Es handelt sich um historische Erzählliteratur: Das Buch schildert Haiti vor, während und nach der Haitianischen Revolution, die von Toussaint Louverture angeführt wurde. Alles wird aus der Sicht der zentralen Figur Ti Nöl erzählt, die als roter Faden durch das Werk führt.
In diesen Roman ist ein Gedanke eingelassen, den Carpentier selbst als lo real maravilloso bezeichnete. Damit meinte er die scheinbar wunderhaften Ereignisse Lateinamerikas, ein Konzept, das er in die Literatur einführte und das nicht mit dem magischen Realismus verwechselt werden sollte. Carpentier wollte den Wurzeln und der Geschichte der Neuen Welt nachspüren. Sein Werk ist von seiner vielschichtigen kulturellen Erfahrung, seiner Leidenschaft für die Künste und von Autoren wie Miguel de Cervantes geprägt. Das Buch zählt zu den wichtigen Werken für die Entwicklung dieser Erzählweise in der karibischen und lateinamerikanischen Literatur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der Sklave Ti Nöl, der auf der Plantage seines Herrn Lenormand de Mezy lebt. Dort lauscht er den Erzählungen eines Mitsklaven namens Macandal, der von zauberkräftigen Gestalten und sagenhaften Königreichen berichtet, in denen Flüsse zum Himmel aufsteigen. Als Macandal bei einem Unfall einen Arm verliert und für seinen Herrn nutzlos wird, zieht er sich in die Berge zurück und entdeckt geheime Kräuter und Pflanzen mit scheinbar magischen Kräften.
Der Roman folgt Ti Nöl über viele Jahrzehnte hinweg durch die großen Umbrüche Haitis: durch Aufstände der Sklaven, durch die Zeit unter französischer Herrschaft und durch die spätere Herrschaft schwarzer Machthaber. Immer wieder verschieben sich die Verhältnisse, und immer wieder findet sich Ti Nöl in einer neuen Ordnung wieder. Carpentier verwebt dabei geschichtliche Ereignisse mit erfundenen Szenen und lässt Voodoo, Naturmagie und wirkliche Geschichte ineinanderfließen.
Wer den Roman liest, begegnet einer Welt, in der die verschiedenen Figuren die Wirklichkeit ganz unterschiedlich wahrnehmen, je nach ihrer Kultur und ihrem Glauben. Das Buch stellt diese verschiedenen Sichtweisen nebeneinander und macht spürbar, wie Herrschaft, Gewalt und Freiheit einander in immer neuen Formen ablösen.
Die Handlung im Detail↑
Dem eigentlichen Roman ist ein Vorwort vorangestellt, der meistzitierte Text Carpentiers. Darin prägt er den Begriff lo real maravilloso und berichtet von seiner Reise nach Haiti im Jahr 1943 sowie von seinen Nachforschungen. Zugleich wendet er sich gegen das gekünstelte, formelhafte Wunderbare der surrealistischen Romane und stellt ihm die natürliche Magie Lateinamerikas gegenüber.
Im ersten Teil erinnert sich Ti Nöl an die Geschichten Macandals auf der Plantage Lenormand de Mezys. Macandal erzählt von zauberkräftigen Gestalten und mythischen Reichen. Nach einem Unfall, bei dem sein Arm in einer Maschine zerquetscht wird, ist er für seinen Herrn wertlos und flieht in die Berge. Dort entdeckt er geheime Kräuter, Pflanzen und Pilze. Ti Nöl schließt sich ihm an, und beide lernen die Kräfte dieser Naturstoffe kennen. Macandal knüpft Verbindungen zu den umliegenden Plantagen und gibt Anweisungen, mit geheimen Kräutern Gift zu verbreiten. Das Gift tötet das Vieh zu Hunderten und ebenso viele Franzosen, ganze Familien sterben. Auch Madame Lenormand de Mezy kommt um. Unter Waffengewalt verrät schließlich ein Sklave, dass Macandal übermenschliche Kräfte besitze und der Herr des Giftes sei. Macandal, der nun die Gestalt von Tieren annehmen kann, kehrt nach Jahren während eines Festes in menschlicher Form zurück. Der Gesang alarmiert die Weißen, Macandal wird gefangen und soll vor einer großen Menge verbrannt werden. Er entkommt scheinbar fliegend, wird erneut ergriffen und verbrannt. Die Sklaven aber sind überzeugt, dass afrikanische Götter ihn gerettet haben, und kehren lachend zu ihren Plantagen zurück.
Im zweiten Teil sind zwanzig Jahre vergangen. Ti Nöl hat mit einer der Köchinnen zwölf Kinder, denen er von Macandal erzählt. Bei einer geheimen Versammlung spricht Bouckman, der Jamaikaner, von möglicher Freiheit und vom Widerstand der Plantagenbesitzer. Ein Aufstand wird geplant. Auf das Signal von Muschelhörnern hin umzingeln die Sklaven die Häuser ihrer Herren, töten die weißen Männer und trinken viel Alkohol. Ti Nöl vergeht sich an Mademoiselle Floridor, der Geliebten seines Herrn. Der Aufstand wird niedergeschlagen, Bouckman getötet. Der Gouverneur Blanchelande fordert die vollständige Vernichtung der schwarzen Bevölkerung. Lenormand de Mezy jedoch erwirkt die Freilassung seiner Sklaven, darunter Ti Nöl, um sie auf den Sklavenmärkten Kubas zu verkaufen. In Kuba verkommt er, spielt seine Sklaven im Glücksspiel weg. Zugleich kommt Pauline Bonaparte mit ihrem Mann, dem General Leclerc, nach Haiti. Der schwarze Sklave Solimán pflegt und umsorgt sie. Als Leclerc am Gelbfieber erkrankt, vertraut Pauline auf Solimáns Voodoo. Leclerc stirbt dennoch, und Pauline kehrt nach Paris zurück.
Im dritten Teil ist Ti Nöl in einem Kartenspiel an einen Plantagenbesitzer in Santiago verloren worden, und Lenormand de Mezy stirbt bald darauf in bitterer Armut. Ti Nöl spart genug für seine Überfahrt und entdeckt als freier Mann ein freies Haiti. Er kehrt zur einstigen Plantage zurück. Doch bald wird er ins Gefängnis geworfen und erneut zur Sklavenarbeit gezwungen. Henri Christophe, früher Koch, ist durch den Aufstand König geworden und lässt von Sklaven prunkvolle Standbilder und eine gewaltige Festung errichten. Ti Nöl empfindet die Sklaverei unter einem schwarzen Herrn als schlimmer als jene unter Lenormand de Mezy. Er flieht abermals. In der Stadt findet er alles von Angst vor König Christophes Herrschaft erfüllt. Der König wird von Donner und den Geistern seiner gequälten Untertanen gepeinigt. Schließlich wird er samt seinem Palast Sans-Souci von den Schwarzen und vom Voodoo überrannt. Allein gelassen, nimmt er sich das Leben. Seine verbliebenen Pagen bringen den Leichnam zur Festung und begraben ihn in einem Haufen Mörtel. Der ganze Berg wird zum Grabmal des ersten Königs von Haiti.
Im vierten Teil werden die Witwe und die Kinder Henri Christophes von englischen Kaufleuten nach Europa gebracht. Solimán begleitet sie und genießt die Sommer in Rom, wo er ausgeschmückte Geschichten seiner Vergangenheit erzählt. Als er einer Statue Paulines begegnet, überkommen ihn die Erinnerungen; er bricht in ein Heulen aus, erinnert sich an die Nacht von Christophes Untergang und flieht, ehe er dem Fieber erliegt. Ti Nöl besinnt sich auf das, was Macandal ihm einst erzählt hat. Die einstige Plantage ist zu einem glücklichen Ort geworden, an dem er Festen vorsteht. Doch Landvermesser stören den Frieden, und die Mulatten sind zur Macht gelangt. Sie zwingen Hunderte schwarze Gefangene mit der Peitsche zur Arbeit; der Kreislauf der Sklaverei setzt sich fort. In Gedanken an Macandal beschließt Ti Nöl, sich in verschiedene Tiere zu verwandeln, um das Geschehen zu beobachten: in einen Vogel, einen Hengst, eine Wespe, eine Ameise. Schließlich wird er eine Gans, doch die Schar der Gänse weist ihn zurück. Er begreift, dass er kein wahrer Teil von ihnen werden kann, und kehrt in menschliche Gestalt zurück. Das Buch schließt mit dem Ende von Ti Noels Leben und seinem eigenen Nachdenken über Größe und über das Reich von dieser Welt.
Stil↑
Prägend für das Werk ist das „Wunderbare“, das Carpentier immer wieder aufscheinen lässt: die Verwandlungen Macandals und Ti Noels oder König Christophes Begegnung mit einem Gespenst. Carpentier mischt Geschichte und Erfindung, ohne eine klare Grenze zwischen beidem zu ziehen, was dem Roman Lebendigkeit verleiht. Die geschichtlichen Ereignisse und Figuren wählte er nicht danach aus, was für eine getreue Darstellung Haitis am wichtigsten wäre, sondern danach, was am ungewöhnlichsten und reizvollsten ist. Roberto González Echevarría zweifelt an der historischen Genauigkeit und wirft Carpentier vor, Daten verschoben zu haben, um bedeutungsvolle Zusammenhänge im Roman zu schaffen.
Die meisten wunderhaften Augenblicke fallen mit einem Wechsel der Erzählperspektive zusammen, vom allwissenden Erzähler hin zu einer einzelnen Figur mit ihrem eigenen Glauben. Wenn ein magisches Ereignis aus der Sicht der Sklaven geschildert wird, tritt ihre Andersartigkeit hervor: Während sie etwa glauben, Macandal habe seine Hinrichtung überlebt, wissen die Weißen und vor allem die Leser, dass dem nicht so ist. Das Wunderbare entsteht also aus dem Glauben der Figuren, und eben deshalb verschiebt sich die Perspektive.
Ein weiteres Kennzeichen ist die Wiederholung. Carpentier schwächt die Eigenständigkeit der einzelnen Figuren ab und rückt stattdessen das Menschliche im Ganzen in den Vordergrund. Sein Grundgedanke lautet: Geschichte wiederholt dieselben Muster, gleich wer gerade an der Macht ist. Durch häufigen Gebrauch der Metonymie, bei der ein Teil für das Ganze steht, etwa wenn Soldaten schlicht „Uniformen“ genannt werden, lenkt er den Blick vom Einzelnen auf die Gemeinschaft. So entsteht eine Reihe von Figuren, die einander ähnliche Handlungen vollziehen und sich ablösen, ohne sich je voll zu entfalten. Dieses kreisende Muster erinnert an barocke Schreibweise und spiegelt Carpentiers Sicht auf eine Gesellschaft, in der bestimmte Kräfte die Entfaltung des Einzelnen verhindern.
Carpentier verbrachte als junger Autor viel Zeit in Europa und war mit dem Französischen und der surrealistischen Tradition bestens vertraut. Obwohl er ein erfolgreicher französischer Schriftsteller hätte werden können, entschied er sich fürs Spanische. Barocke Elemente durchziehen dennoch all seine Werke. Er schrieb in einer gehobenen, „aufgeladenen“ Sprache, einer Mischung aus seinem europäischen und seinem lateinamerikanischen Erbe. Nicht selten übertrug er französische Wendungen auf spanische Wörter. Als Bewunderer der eleganten und geistreichen französischen Satiriker des achtzehnten Jahrhunderts verwendete er groteske Bilder, um die Prunksucht der kolonialen Oberschicht lächerlich zu machen. Ein Beispiel ist Ti Noels Vergleich der Wachsköpfe in einem Barbierladen mit den Köpfen weißer Männer, die bei einem Bankett aufgetischt werden.
Rezeption↑
Als Carpentiers erster großer Roman gilt Das Reich von dieser Welt in der Kritik. Gelobt wird der Autor für die geschickte Verflechtung von haitianischem Voodoo, Mythos und Geschichte sowie für seinen Beitrag zur Bestimmung einer lateinamerikanischen Identität. Insgesamt wurde das Werk gut aufgenommen, wobei die Aufmerksamkeit vor allem Carpentiers Verwendung des wunderbaren Wirklichen galt. Das Buch wird als bedeutendes Werk für die Entwicklung dieser Erzählweise in der karibischen und lateinamerikanischen Literatur beschrieben.
Diesem großen Interesse am Fantastischen steht jedoch ein geringes Interesse an den handwerklichen Seiten des Romans gegenüber. Besonders Carpentiers Umgang mit der Zeit wurde weithin übersehen. Kritik erntete zudem der Aufbau der Erzählung: Das Buch reiht die Geschichte nicht als Folge von Ereignissen und deren Wirkungen aneinander, sondern stellt die Dinge eher nebeneinander. Die Lücken im zeitlichen Ablauf, die plötzlichen Perspektivwechsel und die knappen Übergänge haben manche dazu gebracht, dem Buch einen anfangs verwirrenden, ungeordneten Eindruck vorzuwerfen.
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