1904 – 1980
Alejo Carpentier
Kurzporträt↑
Kuba und Frankreich prägten gleichermaßen das Werk von Alejo Carpentier (1904–1980). Er war einer der wichtigsten Wegbereiter der modernen lateinamerikanischen Erzählliteratur. In seinem Vorwort zum Roman Das Reich von dieser Welt formulierte er das Konzept des „Wunderbar Wirklichen". Dieses wurde zum Grundgedanken des magischen Realismus und beeinflusste die eigenständige Entwicklung der Literatur des Kontinents stark. Neben dem Schreiben war Carpentier als Journalist und Musikwissenschaftler tätig und stand zeitlebens im Dienst öffentlicher und staatlicher Aufgaben. 1977 wurde er mit dem Cervantespreis ausgezeichnet.
Biografie↑
Geboren wurde Alejo Carpentier Valmont am 26. Dezember 1904. Sein Vater war der französische Architekt Georges Julien Carpentier, seine Mutter die russische Sprachlehrerin Lina Valmont. Über seinen Geburtsort gehen die Quellen auseinander: Wikidata und die zugrunde liegende biografische Überlieferung nennen das schweizerische Lausanne, während die Deutsche Biographie Havanna verzeichnet. Sicher ist, dass die Familie kurz nach Alejos Geburt von Europa nach Kuba auswanderte. Dort wuchs er in der Hauptstadt Havanna auf. Er studierte Architektur, Literatur und Musikwissenschaft und arbeitete früh als Mitarbeiter und Herausgeber verschiedener Zeitungen und Zeitschriften.
Wegen oppositioneller Aktivitäten und seiner Beteiligung an einem Aufstand gegen den Diktator Gerardo Machado saß Carpentier kurz im Gefängnis. 1927/28 ging er für elf Jahre ins Exil nach Paris. Dort bewegte er sich im Kreis der Surrealisten André Breton, Tristan Tzara, Louis Aragon und Pablo Picasso. Mit dem Sieg des Faschismus in Europa kehrte er 1939 nach Havanna zurück. Er lehrte dort als Professor für Musikwissenschaft, schrieb Zeitungsbeiträge und arbeitete für eine staatliche Rundfunkanstalt. Von 1945 bis 1959 lebte er im venezolanischen Exil in Caracas.
In dieser Zeit formulierte Carpentier sein Konzept des „Wunderbar Wirklichen" (spanisch „lo real maravilloso"). Es steht im Vorwort zu seinem 1949 erschienenen Roman El reino de este mundo (deutsch Das Reich von dieser Welt, 1964). In einer Zeit, in der Europa von totalitären Systemen beherrscht war, wurde ihm Lateinamerika zu einer positiven Utopie. Das Wunderbare lasse sich hier nicht nur in den Entwürfen von Künstlern finden, sondern in der Wirklichkeit selbst. Diese Perspektive wurde als eurozentrisch kritisiert. Carpentier wies die Kritik zurück: Das „Wunderbar Wirkliche" ergebe sich nicht aus den Eigenschaften der betrachteten Dinge, sondern aus der Beziehung zwischen Objekt und Betrachter. Dieser müsse das Besondere und Unerwartete erst wahrnehmen.
1959 kehrte Carpentier nach Kuba zurück und arbeitete als Professor für Literatur an der Universität Havanna. Fidel Castro ernannte ihn zum Staatssekretär und übertrug ihm die Leitung des kubanischen Staatsverlages. Sein Roman El siglo de las luces (1962) behandelt den Einfluss der Französischen Revolution auf die Karibik. Er lässt sich aber auch als Mahnung vor Fehlentwicklungen der kubanischen Revolution lesen. Carpentier war Mitglied der Kommunistischen Partei Kubas. Ab 1966 lebte er als Kulturattaché der kubanischen Regierung in Paris. Dort starb er am 24. April 1980 im Alter von 75 Jahren. Beigesetzt wurde er auf dem Cementerio Cristóbal Colón in Havanna.
Literarische Merkmale↑
Bestimmend für Carpentiers Schreiben ist das Konzept des „Wunderbar Wirklichen", das er als Grundgedanken des magischen Realismus verstand. Es zielt nicht auf reine Fantastik, sondern auf den Blick, der das Besondere und Unerwartete in der lateinamerikanischen Wirklichkeit selbst entdeckt. Seine Themen kreisen um kulturelle Mischungen sowie um die afro-kubanische Musik und Kultur. Der weiße Mensch tritt in seinen Werken selten auf. Und wenn, dann als Vertreter von vier repressiven Institutionen: Gefängnis, Kirche, Sklaverei und Imperialismus. Auffällig ist zudem das Motiv des Reisens. In allen seinen Werken sind Reisende die handelnden Figuren. Dies wurde auf Carpentiers eigenes reiseintensives Leben zurückgeführt.
Rezeption↑
Carpentier wird zu den Wegbereitern und bedeutendsten Vertretern der modernen lateinamerikanischen Erzählliteratur gezählt. Sein Konzept des „Wunderbar Wirklichen" hatte großen Einfluss auf die eigenständige Entwicklung der Literatur des Kontinents und gilt als ein Grundgedanke des magischen Realismus. Nicht ohne Widerspruch blieb diese Position. Kritiker warfen ihr eine eurozentrische Sichtweise vor. Carpentier begegnete diesem Einwand mit dem Hinweis auf das Verhältnis zwischen Betrachter und Gegenstand. 1977 wurde sein Werk mit dem Cervantespreis ausgezeichnet, einer der bedeutenden Ehrungen der spanischsprachigen Literatur.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (13 weitere Titel)