1832 – 1898
Lewis Carroll
Kurzporträt↑
Charles Lutwidge Dodgson (1832–1898) wurde unter dem Namen Lewis Carroll berühmt. Er war ein britischer Schriftsteller des viktorianischen Zeitalters und zugleich Mathematiker, Diakon und Fotograf. Mit den Kinderbüchern Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln sowie der Ballade The Hunting of the Snark schuf er Werke der sogenannten Nonsens-Literatur. Sie sind bis heute populär geblieben. Sein Gespür für Wortspiel, Logik und Fantasie fesselte weite Leserkreise. Über die Kinderliteratur hinaus wirkte er auf Schriftsteller wie James Joyce, auf die Surrealisten um André Breton, auf den Maler Max Ernst und auf den Kognitionswissenschaftler Douglas R. Hofstadter. Auch als Fotograf machte er sich einen Namen und betrieb die Fotografie bereits ab der Mitte des 19. Jahrhunderts als Kunst.
Biografie↑
Charles Lutwidge Dodgson wurde 1832 im kleinen Pfarrhaus von Daresbury in der Grafschaft Cheshire geboren. Er war der älteste Sohn und das dritte Kind einer konservativen, anglikanischen Familie der oberen Mittelklasse. Die Verwandten wählten die für ihre Schicht typischen Berufe in Armee und Kirche. Sein Großvater fiel als Hauptmann der britischen Armee in Irland. Sein Vater war der 1800 geborene Charles Dodgson. Er schlug die geistliche Laufbahn ein und war hervorragend in Mathematik und den klassischen Sprachen. Er wurde Dozent und Fellow in Oxford und empfing die Diakonweihe. Mit der Heirat seiner Cousine Frances Jane Lutwidge im Jahr 1827 zog er sich jedoch auf eine Landpfarrstelle zurück. Insgesamt wuchsen elf Kinder heran, die ungewöhnlicherweise alle das Erwachsenenalter erreichten.
Als Charles elf Jahre alt war, erhielt sein Vater die Pfarrstelle in Croft-on-Tees in North Yorkshire. Dort wurde das geräumige Pfarrhaus für 25 Jahre zum Zuhause der Familie. Bis zu seinem elften Lebensjahr wurde der Junge daheim unterrichtet. Früh fiel er durch seinen Verstand auf und las mit sieben Jahren bereits The Pilgrim’s Progress von John Bunyan. Er erfand ein „Eisenbahnspiel“ mit genau festgelegten Regeln und verfasste Stücke für ein Marionettentheater. Schon hier zeigte sich die doppelte Welt, die sein Leben prägen sollte: die genau geregelte Inszenierung und die unbeherrschbare Welt draußen. 1844 kam er auf eine Privatschule in Richmond, danach an die berühmte Rugby School. Dort war er weniger glücklich. Ein Stottern belastete ihn seit der Kindheit. Dazu kam nach einer Keuchhusten-Infektion eine Schwerhörigkeit des rechten Ohrs.
Im Dezember 1849 verließ Dodgson Rugby. 1850 immatrikulierte er sich am Christ Church College in Oxford, dem College seines Vaters. Dort belegte er Mathematik, Theologie und klassische Literatur. Kurz nach seiner Ankunft starb seine Mutter mit 47 Jahren. Er schloss das Grundstudium mit Bestnote ab. 1855, ein Jahr nach Abschluss des Studiums, wurde er als Tutor für Mathematik eingestellt. Diese Stellung füllte er die folgenden 26 Jahre aus. Die Arbeit brachte ihm ein gutes Einkommen, langweilte ihn aber. Sein Dichtername Lewis Carroll erschien 1856 erstmals in der Zeitung The Train. Er ist von der lateinischen Form seiner Vornamen abgeleitet. Im selben Jahr erwarb er eine Kamera und begann zu fotografieren. 1857 erlangte er den Magister-Grad. Er lernte unter anderem Alfred Tennyson, John Ruskin und William Makepeace Thackeray sowie Maler aus dem Kreis der Präraffaeliten kennen. 1861 wurde er zum Diakon geweiht. Das Priesteramt musste er nicht antreten. Das kam ihm entgegen, denn er fürchtete, beim Predigen ins Stottern zu geraten.
Am 4. Juli 1862 unternahm Carroll einen Bootsausflug auf der Themse. Begleitet wurde er von seinem Freund Robinson Duckworth und den drei Schwestern Liddell, den Töchtern des Dekans von Christ Church. Dabei erzählte er eine Geschichte. Auf Alice Liddells Wunsch hin schrieb er sie nieder. Im November 1864 übergab er ihr die handschriftliche Fassung Alice’s Adventures Under Ground. Der Verlag Macmillan nahm das erweiterte Manuskript an. 1865 erschien Alice’s Adventures in Wonderland mit den Illustrationen von John Tenniel. Das Buch fand rasch begeisterte Leser. Im Juni 1863 zerbrach die Freundschaft zur Familie Liddell. Die Ursachen sind nicht geklärt, da Tagebücher fehlen und Briefe vernichtet wurden. Die Forschung kennt dazu nur Spekulationen.
Eine Russlandreise 1867 fiel mit der Arbeit an Through the Looking-Glass zusammen. 1868 starb Carrolls Vater. Die Familie musste das Pfarrhaus in Croft verlassen. Carroll fand für seine unverheirateten Schwestern das Haus „The Chestnuts“ in Guildford. Der Tod des Vaters stürzte ihn für mehrere Jahre in Depressionen. 1871 erschien Alice hinter den Spiegeln, wieder mit Tenniel als Illustrator. 1876 folgte die Nonsens-Ballade The Hunting of the Snark. 1880 beendete Carroll abrupt seine fotografische Arbeit. Die Hintergründe sind nie ganz geklärt worden. Seine Tätigkeit als Tutor führte er bis 1881 fort. Anschließend wirkte er bis 1892 als Kurator. Sein einziger Roman Sylvie und Bruno, an dem er zehn Jahre gearbeitet hatte, erschien in zwei Bänden 1889 und 1893. Er blieb aber ohne den Erfolg der Alice-Bücher. Am frühen Nachmittag des 14. Januar 1898 starb Lewis Carroll an einer Lungenentzündung im Haus seiner Schwestern in Guildford. Sein Grabsockel trägt neben „Rev. Charles Lutwidge Dodgson“ in Klammern den Zusatz „(Lewis Carroll)“ – ein Zeugnis seines Doppellebens.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Carrolls Schreiben ist die Verbindung von Wortspiel, Logik und Fantasie. Sie trug ihm den Ruf eines Meisters der Nonsens-Literatur ein. Als geschulter Mathematiker und Logiker spielte er mit Bedeutungen, Regeln und Paradoxien. Er schuf Figuren, deren Sätze zugleich komisch und sinnverkehrt wirken: Humpty Dumpty, die Zwillinge Tweedledee und Tweedledum oder die Rote Königin. Diese erklärt, man müsse hierzulande so schnell rennen, wie man könne, um am selben Fleck zu bleiben. In Alice hinter den Spiegeln nahm er aus seiner Familienzeitung das Gedicht Jabberwocky auf. Es lebt von erfundenen Wörtern, und sein erster Vers beginnt in Spiegelschrift. In der deutschen Übertragung von Christian Enzensberger trägt es den Titel Der Zipferlake.
Während Alice im Wunderland aus einer fortlaufenden Erzählung besteht, reihte Carroll in der Fortsetzung einzelne Geschichten, Fabeln und Gedichte aneinander. Auch sein Sinn für scheinbar wasserdichte, in Wahrheit absurde Logik durchzieht das Werk: In The Hunting of the Snark gilt etwas als wahr, sobald es dreimal gesagt wird. Dem stehen seine späteren Arbeiten gegenüber. Der Roman Sylvie und Bruno ist von strengen moralischen Regeln bestimmt. Die Ebenen von Realität und Fantasie sind hier klar getrennt. Erstmals tritt eine männliche Hauptfigur auf. Wiederkehrend bleibt das Thema der Identität. Interpreten haben es mit dem Doppelleben des Autors zwischen dem Geistlichen Dodgson und dem Dichter Carroll in Verbindung gebracht.
Rezeption↑
Bereits zu Lebzeiten war Carroll bekannt und wohlhabend. Schon früh sammelten sich Anekdoten um seine Person. Mark Twain berichtet in seiner Autobiografie von einer Begegnung mit „dem Autor der unsterblichen Alice“. Er beschreibt ihn als einen der stillsten und schüchternsten Männer, die er getroffen habe. Die Schauspielerin Isa Bowman schilderte 1899 sein silbergraues, ungewöhnlich lang getragenes Haar, seine tiefblauen Augen und seine etwas exzentrische Kleidung.
Besondere Wirkung entfaltete sein Werk auf die Surrealisten, die das Traumhafte und das assoziative Schreiben für sich entdeckten. Max Ernst schuf ab 1950 Illustrationen zu Carrolls Büchern. André Breton nahm Carrolls Hummer-Quadrille in seine Anthologie des Schwarzen Humors auf. Alice im Wunderland gilt heute als kulturelle Ikone und Klassiker der Kinderliteratur. Zugleich wird es mit Mathematik, Erotik und Kanonliteratur in Verbindung gebracht. Modernisten wie T. S. Eliot, Virginia Woolf und James Joyce ließen sich von den Alice-Büchern inspirieren, Joyce in Finnegans Wake. Ebenso spätere Autoren wie Julian Barnes und Stephen King. Auch der Komponist Paul McCartney wurde laut dem Material durch Carroll beeinflusst. In Gödel, Escher, Bach machte Douglas R. Hofstadter Carrolls Dialog von Schildkröte und Achilles zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen.
Seit den 1970er Jahren wurde Carroll auch als Mathematiker und Logiker positiver eingeschätzt. Anlass gaben etwa seine diagrammartige Behandlung logischer Sätze und seine Arbeiten zu Wahlsystemen, in denen er Ideen der Spieltheorie vorwegnahm. In der Untergrundkultur der 1960er Jahre wurde er zur Kultfigur, weil man die irrealen Szenen der Alice-Bücher als Drogenerlebnisse deutete. Belegt ist ein solcher Konsum jedoch nie worden. Bis heute geben die fehlenden Bände seiner Tagebücher Anlass zu Spekulationen. Ihr Verlust bleibt ungeklärt, und die Forschung kennt über die Ursachen nur Vermutungen.
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