1876
The Hunting of the Snark
Überblick↑
The Hunting of the Snark ist eine Nonsensballade von Charles Lutwidge Dodgson (1832–1898), der unter dem Namen Lewis Carroll bekannt wurde – dem Autor von Alice im Wunderland. Das Werk erschien 1876 mit dem mehrdeutigen Untertitel „An Agony in Eight Fits", was sich etwa als „eine Agonie in acht Anfällen" übersetzen lässt. Henry Holiday steuerte neun Illustrationen sowie zwei Bilder für die Buchdeckel bei. Erzählt wird in Versen die abenteuerliche Jagd einer bunt zusammengewürfelten Mannschaft auf ein geheimnisvolles Wesen namens Snark. Im englischen Sprachraum gilt das Gedicht als ein Klassiker des literarischen Unsinns, im deutschsprachigen Raum ist es dagegen kaum bekannt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Eine seltsame Expedition macht sich auf, um ein geheimnisvolles Wesen namens Snark zu fangen. Geleitet wird die Besatzung vom Bellman, dem Ausrufer, der seine Mannschaft mit einer Glocke dirigiert. Womit man sich auf die Suche begibt, ist eine völlig leere Seekarte, auf der nichts verzeichnet ist – und doch zieht die Gesellschaft mit Sorgfalt und Hoffnung los.
Die Jäger sind ein wunderlicher Haufen aus zehn Figuren, deren Berufsbezeichnungen im englischen Original allesamt mit dem Buchstaben B beginnen: ein Metzger, ein Stiefelputzer, ein Haubenmacher, ein Anwalt, ein Billardmarkeur, ein Bankier, ein Börsenhändler und ein Bäcker. Hinzu kommt der Biber, das einzige Tier an Bord, das gleichwohl eine menschliche Rolle spielt, spricht und Spitzen klöppelt.
Was der Snark eigentlich ist, bleibt im Dunkeln. Genannt werden nur einige seiner Eigenschaften: Er hilft beim Anzünden von Lichtern, steht erst am Nachmittag auf, versteht keinen Scherz und liebt Badekarren. Mal erscheint er erschreckend und zerstörerisch, mal als harmloses Wesen, das man getrost mit nach Hause nehmen könnte. Im Verlauf der acht Kapitel werden die Abenteuer einzelner Teilnehmer geschildert, während sich die Jagd ihrem Ziel nähert.
Die Handlung im Detail↑
Der Text gliedert sich in ein Vorwort und acht Kapitel, die im englischen Original „Fit" heißen und von „Fit the First" bis „Fit the Eighth" durchnummeriert sind. Im Vorwort wendet sich der Autor gegen den Vorwurf, er habe Unsinn geschrieben, und verweist scheinbar ernst auf den „moralischen Zweck" des Gedichts, seine „arithmetischen Prinzipien" und „ehrenhaften Unterweisungen in Naturgeschichte". Außerdem erklärt er das Prinzip des „Portmanteau-Wortes", des Kofferworts, in dem zwei Bedeutungen stecken.
Das erste Kapitel schildert die Landung der Expedition an einem fremden, unbenannten Strand und stellt die Mitglieder der Jagdgesellschaft vor. Am ausführlichsten, mit 32 Zeilen, fällt die Beschreibung des Bäckers aus. Im zweiten Kapitel hält der Bellman eine Rede mit einer reichlich kryptischen Beschreibung des Snark.
Das dritte Kapitel erzählt die erschreckende Vorgeschichte des Bäckers. Am Tag, als das Schiff in See stach, hatte er die Warnung empfangen, dass manche Snarks zugleich Boojums seien – und wer das Pech hat, einem Boojum zu begegnen, der verschwindet sofort „sachte und plötzlich".
Im vierten Kapitel wird nach einer Motivationsrede des Bellman die eigentliche Jagd vorbereitet. Das fünfte Kapitel erzählt, wie der Metzger – der eine Biberfellmütze trägt und eigentlich nur Biber schlachten kann – und der Biber zu Freunden werden. Im sechsten Kapitel träumt der Anwalt von einem skurrilen Gerichtsprozess, in dem der Snark sowohl als Verteidiger als auch als Richter auftritt. Das siebte Kapitel handelt vom Unglück des Bankiers.
Im achten und letzten Kapitel findet der Bäcker schließlich einen Snark. Doch es trifft genau das angekündigte Pech ein: Der gefundene Snark war ein Boojum. Der Bäcker verschwindet auf der Stelle, sachte und plötzlich, und die Jagd endet ohne Beute.
Stil↑
Verfasst ist das Werk durchgehend in Versen, in der Form einer Ballade – und zugleich als Musterstück der Unsinnspoesie. Carroll spielt mit der Mehrdeutigkeit der Sprache schon im Untertitel: „Fit" bedeutet im Englischen „passend" ebenso wie „krampfartiger Anfall" und im altertümlichen Gebrauch „Canto", also der Abschnitt eines Gedichts. Seine deutschen Übersetzer wählten dafür das Wort „Krampf".
Kennzeichnend ist, dass sämtliche Berufe der Besatzung im Original mit dem Buchstaben B beginnen, vom Bellman über den Bäcker bis zum Biber. Das Herzstück von Carrolls Methode ist das Kofferwort. Nach eigener Auskunft setzt sich „Snark" aus „Snail" (Schnecke) und „Shark" (Hai) zusammen; auch „Snake" (Schlange) könnte mitklingen. Zum Verständnis der „schwierigen Worte" verweist Carroll im Vorwort auf Humpty Dumptys Theorie, wonach zwei Bedeutungen in ein einziges Wort gepackt werden. So entsteht eine Sprache, die ernst und gelehrt klingt und doch ins Leere greift – ein Spiel mit der Erwartung von Sinn.
Rezeption↑
Bis heute scheiden sich an der Ballade die Geister, was ihre Deutung angeht. Carroll selbst gab sich gegenüber Erklärungsversuchen zurückhaltend. Ein Jahr vor seinem Tod schrieb er 1897 in einem Brief, der Snark habe für ihn lediglich die Bedeutung Boojum gehabt; zugleich gefalle ihm die Deutung, das Gedicht lasse sich als Allegorie auf das Streben nach Glück lesen. Klaus Reichert bezweifelte in seinen Studien zum literarischen Unsinn die Ernsthaftigkeit solcher Aussagen und vermutete, Carroll stelle sich mit derlei „Finten" nur dumm. Der Illustrator Henry Holiday wiederum verstand die Ballade gar nicht als Unsinn, sondern als „Tragödie".
Seit 1962 gibt es eine kommentierte Ausgabe von Martin Gardner, der auch die Alice-Bücher erschlossen hat. Im englischen Sprachraum ist das Gedicht legendär und wird vielfach zitiert, etwa Teile der Rede des Bellman, derzufolge wahr sei, was er dreimal sage. Sogar ein amerikanisches Bundesgericht griff diese Stelle 2008 auf. Spuren hinterließ der Snark auch in der Graphentheorie, der Physik und der Popkultur – vom Computerspiel Half-Life bis zur Romanfassung von Star Trek II: Der Zorn des Khan. Douglas Adams übernahm in der Rundfunkfassung von Per Anhalter durch die Galaxis die Nummerierung der „Fits", und auch die für Carroll bedeutungsvolle Zahl 42 kehrt dort wieder. Zahlreiche Künstler schufen eigene Illustrationen, darunter Max Ernst und Tove Jansson, und mehrere Komponisten vertonten den Stoff für Bühne und Musical.
Im deutschsprachigen Raum blieb das Werk dagegen wenig bekannt. Es liegen aber mehrere Übersetzungen vor, darunter Die Jagd nach dem Schnark von Klaus Reichert, Die Jagd nach dem Schnatz von Oliver Sturm und Die Jagd nach dem Schlarg von Michael Ende, der auch das Libretto zu einem gleichnamigen Singspiel von Wilfried Hiller schrieb.
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