1933
The Family
Überblick↑
Der Roman Die Familie von Ba Jin erzählt vom Zerfall einer wohlhabenden Familie in der Stadt Chengdu. Ba Jin ist das Pseudonym des 1904 geborenen und 2005 gestorbenen Schriftstellers Li Feigan. Das Buch trägt stark autobiografische Züge und gilt als sein bekanntester Roman. Es schildert den Streit zwischen den Generationen: auf der einen Seite die alte Ordnung, auf der anderen die Aufbruchswünsche der Jungen. Die Handlung spielt in den frühen 1920er Jahren, kurz nach der Bewegung für Neue Kultur. Zuerst erschien der Text 1931/32 als Fortsetzungsroman, 1933 dann in einem Band. Ursprünglich hieß er Reißender Strom; den Titel änderte Ba Jin für die Buchausgabe. Bei jungen Chinesen fand das Werk begeisterten Zuspruch und machte den Autor zu einer führenden Stimme seiner Generation.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt stehen drei Brüder der Familie Gao: Juexin, Juemin und Juehui. Sie leben im großen Haus ihres Großvaters, des alten Herrn Gao, der die Familie mit strenger Hand nach überkommenen Regeln führt. Jede wichtige Entscheidung fällt er allein, auch über Heiraten.
Juexin, der Älteste, musste sein Studium abbrechen. Er liebt seine Cousine Mei, heiratet aber auf Befehl des Großvaters Li Ruijue und fügt sich in ein Leben, das er nicht führen will. Der mittlere Bruder Juemin liebt die Cousine Qin und hofft darauf, dass seine Schule endlich auch Frauen aufnimmt. Auch für ihn hat der Großvater längst eine andere Ehe im Sinn.
Der jüngste Bruder Juehui ist der Aufsässigste. Er begeistert sich für die Ideen der Bewegung des vierten Mai und fühlt sich zu Mingfeng hingezogen, einem Dienstmädchen des Hauses. Über der Sache, für die er brennt, vergisst er das Mädchen jedoch immer wieder. Während Juexin nachgibt, wo er widersprechen müsste, sucht Juehui den offenen Bruch.
Der Roman zeichnet zugleich ein lebendiges Bild des geistigen Lebens einer Provinzhauptstadt. Er nennt viele Bücher und Autoren, an denen sich die jungen Leute entzünden.
Die Handlung im Detail↑
In der Familie Gao entscheidet allein der Großvater. Juexin, der älteste der drei Brüder, muss auf Geheiß des alten Herrn nach der Mittelschule seine Universitätspläne aufgeben und Li Ruijue heiraten, obwohl er seine Cousine Mei liebt. Seine beiden Brüder missbilligen seinen Gehorsam. Ruijue verliebt sich in ihren Mann und bekommt einen Sohn, Hai Chen, muss aber erkennen, dass Juexin Mei mehr liebt als sie.
Mei ergeht es bitter. Innerhalb eines Jahres heiratet sie und wird Witwe. Weil ihre Schwiegermutter sie schlecht behandelt, kehrt sie zu ihrer Mutter zurück. Die jüngeren Mitglieder der Familie Gao, allen voran Juexin, haben Mitgefühl mit ihr. Mei erkrankt und stirbt. Die Nachricht trifft Juexin schwer und wirkt zugleich wie ein Erwachen: Er beginnt, sich dem Großvater zu widersetzen.
Das Dienstmädchen Mingfeng möchte Juehui heiraten. Der alte Herr Gao aber bestimmt sie zur Nebenfrau des Herrn Feng, eines Mannes im Alter ihres Großvaters. Mingfeng fleht andere Hausbewohner um Hilfe an, doch niemand wagt es, dem Großvater zu widersprechen. In der Nacht, bevor sie fortgegeben werden soll, steht sie in Juehuis Zimmer. Er sitzt so vertieft über seinen Aufsätzen, dass er sie und ihre Bitten nicht wahrnimmt. Mingfeng ertränkt sich. Juemin und andere bedauern das Mädchen, Juehui macht sich Vorwürfe wegen seiner Achtlosigkeit. Ändern hätte ihr Schicksal aber niemand können.
Auch Juemin soll heiraten, und zwar die Großnichte des Herrn Feng. Er verlässt daraufhin das Haus; Juehui hilft ihm bei der Flucht. Der Großvater trägt Juexin auf, den Bruder zu suchen, und Juexin bittet Juehui um Hilfe. Der wirft ihm daraufhin Feigheit vor. Am Ende löst der alte Herr die Verlobung auf und erlaubt Juemin und Qin die Heirat. Dass er seinen Befehl auf dem Sterbebett zurücknimmt, zeigt, dass er bei aller Härte ein gütiger Großvater blieb.
Nach dem Tod des alten Herrn ist Ruijue mit dem zweiten Kind schwanger. Die Verwandten reden Juexin ein, sie müsse aus der Stadt gebracht werden, damit sie dem Sarg des Großvaters nicht schade. Juehui bittet dringend, das rückgängig zu machen, doch Juexin lässt den Umzug geschehen. Ruijue stirbt im Kindbett. Juexin darf während der Trauerzeit für den Großvater nicht zu ihr in den Raum.
Juehui hält das Leben in der Familie schließlich für erstickend. Er verlässt Chengdu und geht nach Shanghai.
Stil↑
Deutlich trägt der Roman autobiografische Züge: Ba Jin verarbeitet darin die Welt, aus der er selbst stammt. Erzählt wird vor allem aus der Sicht Juehuis; Jin Feng nennt ihn das Bewusstseinszentrum des Buches. Die Figuren sind einander bewusst als Gegenstücke zugeordnet. Der nachgiebige Juexin dient als Folie, vor der Juehuis Mut umso stärker hervortritt. Ebenso stehen sich die Studentin Qin und der Student Juehui gegenüber: Qin bleibt eng in die Familienbande eingebunden, sucht keinen Streit mit den Männern der Familie und ist ihrer verwitweten Mutter eine gute Tochter, während Juehui sich den älteren Männern des Hauses entgegenstellt und am Ende fortgeht.
Dabei zeichnet Ba Jin seine Gestalten nicht einfarbig. Juehui, der Rebell, trägt selbst noch Vorstellungen der alten Familienordnung in sich, etwa in seiner Zuneigung zu Mingfeng, der er seine Liebe nie gesteht. Der alte Herr Gao wiederum handelt aus Liebe zu seiner Familie und glaubt nicht, dass seine Anordnungen den Seinen schaden.
Anspielungen auf das geistige Leben der Zeit durchziehen den Text. Genannt werden Bücher und Autoren, an denen sich die jungen Leute begeistern, unter ihnen Wu Yu. In Ton und Thema wirkt der Einfluss von Werken nach, die eine ganze Generation chinesischer Autoren prägten, etwa Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim über eine Frau, die in ihrer Ehe gefangen ist. Häufig wird der Roman auch mit dem chinesischen Klassiker Der Traum der roten Kammer aus dem 18. Jahrhundert verglichen, der ebenfalls den Niedergang einer vornehmen Familie in einem großen Haus schildert. Das ältere Werk ist von Schicksalsergebenheit und philosophischer Allegorie geprägt; die jungen Helden bei Ba Jin dagegen verlassen das Haus und suchen das tätige Leben in der Welt.
Rezeption↑
Bei der chinesischen Jugend fand der Roman begeisterte Aufnahme und begründete den Ruf des Autors als führende Stimme seiner Generation. Mei Han, die den Artikel zum Roman im Nachschlagewerk The Facts on File Companion to the World Novel: 1900 to the Present verfasste, hält die Sterbeszenen von Mingfeng, Mei und Ruijue für die bewegendsten Teile des Buches.
Gemeinsam mit Frühling und Herbst, die Ba Jin 1939/40 schrieb, bildet der Roman die Trilogie Reißender Strom. Diana Lary von der University of British Columbia bedauert, dass es für die Romane dieser Trilogie keine gute englische Übersetzung gebe.
Bewegt war die Textgeschichte selbst. Eine englische Übersetzung von Sidney Shapiro erschien 1958 beim Verlag für fremdsprachige Literatur in Peking, eine dritte Auflage folgte 1978. Grundlage war eine 1953 erschienene Fassung, in der der Autor Korrekturen vorgenommen hatte; für Shapiros Übersetzung änderte er weiteres. Die von Ba Jins Biografin Olga Lang betreute New Yorker Ausgabe von 1972 machte kenntlich, dass in der Pekinger Fassung Stellen mit anarchistischen Gedanken gestrichen worden waren. Diese Ausgabe stellte drei Vorworte des Autors und einen Teil der getilgten Passagen wieder her. Auch der Titel wurde dort verallgemeinert, indem der Artikel entfiel.
Der Stoff wurde mehrfach bearbeitet. Der Dramatiker Cao Yu schuf 1941 eine Bühnenfassung, zwei Verfilmungen folgten. 2007 entstand in der Volksrepublik China eine Fernsehfassung mit Huang Lei, Lu Yi und Huang Yi.
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