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Porträt Ba Jin
Ba Jin
1904 – 2005
– Autorenporträt –

Ba Jin

1904 – 2005 · 100 Jahre

Chinesischer Erzähler, der in „Die Familie“ die Herrschaft des alten Familiensystems anklagte – nach Verfolgung in der Kulturrevolution galt er im Alter als Galionsfigur der chinesischen Literatur.

Kurzbiografie↑

Ba Jin zählt zu den meistgelesenen chinesischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er 1904 in Chengdu als Li Yaotang; sein Künstlername setzt sich aus den Namen der russischen Anarchisten Bakunin und Kropotkin zusammen. Berühmt wurde er mit dem Roman Die Familie, der die Zerstörungskraft des alten chinesischen Familiensystems schildert. Sein Werk kreist immer wieder um die Auflehnung: gegen die Herrschaft der Väter, gegen erzwungene Ehen, gegen wirtschaftliche Ausbeutung. Nach Verfolgung und Schreibverbot während der Kulturrevolution galt er im Alter als „Galionsfigur der chinesischen Literatur“; er starb 2005 in Shanghai.


Biografie↑

Geboren wurde der Schriftsteller am 25. November 1904 in Chengdu in der Provinz Sichuan. Sein eigentlicher Name lautete Li Yaotang, sein Höflichkeitsname Li Feigan. Die Familie gehörte zur wohlhabenden Schicht der Gelehrtenbeamten, ihr Reichtum beruhte auf großem Grundbesitz. Im großen Haus der Familie lebten zwischen achtzig und hundert Menschen: Großeltern, Kinder, Enkel, Angeheiratete und Bedienstete. 1907 zog die Familie nach Guangyuan im Norden der Provinz, wo der Vater als Kreisrichter arbeitete.

Früh verlor der Junge seine Eltern. Die Mutter, eine gebildete Frau, die ihre Söhne wie ihre Töchter selbst unterrichtete, auch in chinesischer Dichtung, starb 1914. Der Vater folgte ihr drei Jahre später. Vor allem den Tod der Mutter hat er nie ganz verwunden, wie seine späteren Romane zeigen.

Die Lektüre von Kropotkins Schrift Aux jeunes gens brachte ihn 1919 zum Anarchismus. Im April 1921 veröffentlichte er unter dem Pseudonym „Fu Gan“ seinen ersten Artikel darüber, wie eine wirklich freie und gleichberechtigte Gesellschaft aufzubauen sei. Ab August 1921 besuchte er in Chengdu eine Spezialschule für fremde Sprachen. Er lernte Englisch, Französisch und Japanisch und begann, russische und andere fremdsprachige Dichter zu übersetzen. 1923 kam er gemeinsam mit seinem Bruder zum ersten Mal nach Shanghai. Weitere Studienjahre verbrachte er in Nanjing, wo er 1927 an der Südost-Universität abschloss.

Noch im selben Jahr ging er nach Frankreich, nach Paris und nach Château-Thierry an der Marne. Dort legte er sich den Namen Ba Jin zu, gebildet aus den Namen Bakunin und Kropotkin. Auch die amerikanische Anarchistin Emma Goldman verehrte er; er nannte sie seine „geistige Mutter“ und stand mit ihr in Briefwechsel, ebenso mit Alexander Berkman und dem Anarchismushistoriker Max Nettlau. In den französischen Zeitungen verfolgte er den Prozess gegen Sacco und Vanzetti.

In Frankreich entstand zwischen 1927 und 1929 sein Erstlingsroman Zerstörung, nach eigener Aussage überwiegend aus Langeweile. Als er 1929 in der angesehenen Literaturzeitschrift Xiaoshuo Yuebao erschien, gelang ihm auf einen Schlag der Durchbruch. Die Hauptfigur, ein Anarchist, ruft zur Rebellion gegen die bestehende Ordnung und besonders gegen die überlieferte Familie auf. Gegen die Hinrichtung Saccos und Vanzettis protestierte er 1932 in der Erzählung Der elektrische Stuhl.

Im April 1931 begann der Siebenundzwanzigjährige seinen bekanntesten Roman, Die Familie. Er erschien zunächst in Fortsetzungen in der Tageszeitung Shibao, 1933 dann als Buch und als erster Teil der Trilogie Reißende Strömung. Der Roman entstand auch unter dem Eindruck eines Schicksalsschlags: 1931 nahm sich sein ältester Bruder mit Gift das Leben und bezeichnete sich in einem Abschiedsbrief als Opfer des konfuzianischen Familiensystems. „Mein Leben lang liebte ich ihn am meisten“, sagte Ba Jin über ihn, „Er war ein guter und gütiger, zugleich auch ein schwacher Mensch.“

Im November 1934 ging er zum Studium nach Japan, im August 1935 kehrte er nach China zurück. Von 1935 bis 1949 leitete er in Shanghai den Pingming-Verlag. Während des Krieges gegen Japan beteiligte er sich gemeinsam mit Mao Dun und Liu Baiyu an antijapanischer Propaganda. Aufmerksam verfolgte er auch den Spanischen Bürgerkrieg und veröffentlichte darüber eigene Artikel sowie Übersetzungen von Texten des deutschen Anarchisten Augustin Souchy und des Schweizer Spanienkämpfers Albert Minnig. In diesen Jahren wechselte er häufig den Wohnort: neben Shanghai lebte er in Chengdu, Guilin, Chongqing und Kunming. Aus Shanghai floh er während des japanischen Angriffs, seine dortige Wohnung brannte im Krieg aus. Die Romantrilogie Feuer entstand zwischen 1940 und 1945 und handelt vom Widerstand gegen die Japaner.

Am 8. Mai 1944 heiratete er in Guiyang die dreizehn Jahre jüngere Xiao Shan, eine Übersetzerin aus dem Russischen, die er 1936 kennengelernt hatte. Im Dezember 1945 kam die Tochter Li Xiaolin zur Welt, 1950 der Sohn Li Xiao, der ebenfalls Schriftsteller wurde. Die junge Familie wich nach Chongqing aus, der damaligen provisorischen Hauptstadt. Dort entstanden die Romane Garten der Ruhe (1944) und Kalte Nächte (1947).

Das Jahr 1949 bedeutete einen tiefen Einschnitt. Die anarchistischen Kontakte und Interessen musste er abbrechen, sein erzählendes Werk kam weitgehend zum Erliegen. Er gehörte nun dem Volkskongress an, gab literarische Zeitschriften heraus, schrieb Reportagen, bekleidete zahlreiche Ämter als Kulturfunktionär und übertrug ausländische Literatur ins Chinesische, unter anderem über den Umweg von Esperanto-Fassungen. Zum Koreakrieg reiste er zweimal an die Front, von März bis Oktober 1952 und von September 1953 bis Januar 1954. Die daraus entstandenen Reportagen waren oft plumpe Propaganda; er distanzierte sich später davon.

Auch politisch geriet er in Zwänge. 1955 beteiligte er sich gezwungenermaßen an der Kampagne gegen den Schriftsteller Hu Feng, der verhaftet wurde und bis 1979 in Haft blieb. Im Jahr darauf wirkte er an Denunziationen gegen die Schriftstellerin Ding Ling, den Lyriker und Maler Ai Qing und den Kritiker Feng Xuefeng mit. Ab Juli 1957 war er Chefredakteur der Literaturzeitschrift Shouho („Ernte“), im August 1960 wurde er stellvertretender Vorsitzender der Allchinesischen Föderation für Literatur und Kunst.

Von 1958 an geriet er selbst zunehmend unter Beschuss. Auf dem Schriftstellerkongress in Shanghai 1962 spottete er noch über die verordnete Einheitlichkeit des Denkens: „Natürlich können wir stolz darauf sein, daß die Gedanken des Volkes in unserem Land ein so hohes Maß an Einheit erreicht haben, die Gleichheit des Vokabulars sollte man aber nicht übermäßig loben!“ Bald darauf musste er dem Anarchismus gänzlich abschwören. Seine in Peking zwischen 1958 und 1962 erschienenen Gesammelten Werke wurden so gründlich von allen anarchistischen Spuren gesäubert, dass seine Biographin Olga Lang ausdrücklich vor ihnen warnte: sie erkannte seine Gedanken darin kaum wieder. In einem Band von 1961 sagte er sich in einer Anmerkung ausdrücklich von seiner anarchistischen Vergangenheit los.

Es half ihm nichts. Ab 1966 erhielt er Berufsverbot und wurde als Konterrevolutionär verfolgt. Man misshandelte ihn, am 20. Juni 1968 wurde er in Shanghai öffentlich angeklagt. Im Januar 1970 schickte man ihn nach Fengxian in eine „Schule für Führungskräfte zum 7. Mai“, die er erst im September 1972 verlassen durfte. Er arbeitete unter anderem in einer Kanalräumbrigade, wurde in einen Kuhstall gesperrt und musste auf Glasscherben knien, während er seinen früheren Überzeugungen abschwor. Seine Frau starb am 13. August 1972 im Alter von 55 Jahren an Mastdarmkrebs; ärztliche Hilfe war ihr während der Kulturrevolution verweigert worden. Ihre Urne stand von da an neben seinem Bett in seinem Shanghaier Haus. In den achtziger Jahren, als es wieder möglich war, widmete er ihr mehrere bewegende Nachrufe. Er starb am 17. Oktober 2005 in Shanghai.


Literarische Merkmale↑

Vor allem Romane und Erzählungen hat Ba Jin geschrieben, und sie sind stark von seinem eigenen Leben geprägt. In klarer Sprache drückt er starke Gefühle aus. Um die handwerkliche Seite des Schreibens oder um literaturtheoretische Fragen hat er sich nach eigenem Bekunden nie gekümmert. Die frühen Werke sind von Subjektivität und Romantik bestimmt, in den späteren tritt ein kritisch-realistischer Zug hervor.

Sein Thema ist die moralische Selbstbehauptung in einer ungerechten Gesellschaft, oft auch deren Scheitern. „Ich schleudere meine Anklage gegen dieses absterbende System!“ lautete das Motto seines Schaffens. Über das eigene Schreiben sagte er: „Mein Schreiben ist ein Ausgraben, ein Freilegen des Bewußtseins. Ich muß tiefer graben, um noch mehr zu verstehen, noch klarer zu sehen. Aber je tiefer ich grabe, desto schmerzhafter und schwieriger wird es."

Geprägt wurde er vom französischen und vom russischen Roman, namentlich von Tschechow, Turgenew und Émile Zola. Auch der blinde russische Esperantist Wassili Jeroschenko und der ungarische Esperanto-Lehrer Julio Baghy beeinflussten ihn.


Rezeption↑

Schon zu Lebzeiten galt Ba Jin als Klassiker, im Alter als „Galionsfigur der chinesischen Literatur“. Sein Roman Die Familie blieb sein mit Abstand bekanntestes Buch: 1956 verfilmte ihn Chen Xihe, und er wurde in rund dreißig Sprachen übersetzt.

Ins Deutsche fand er vergleichsweise früh. Unter dem Namen „Pa Chin“ erschien 1953 Garten der Ruhe in der Übersetzung des österreichisch-britischen Autors Josef Kalmer, der bei Arthur von Rosthorn in Wien Chinesisch studiert hatte; es war die erste Veröffentlichung Ba Jins in einer europäischen Sprache überhaupt. Die Familie wurde zweimal ins Deutsche übertragen, 1959 und 1980. Weitere Übersetzungen folgten, darunter die Erzählung Shading 1981 bei Suhrkamp, der Roman Nacht über der Stadt 1985 und die Auswahl Gedanken unter der Zeit im selben Jahr. Sein Text Ein Museum der „Kulturrevolution“ erschien 1988 auf Deutsch.

Auch die Forschung hat sich seiner angenommen. Olga Lang legte 1967 bei Harvard University Press die Studie Pa Chin And His Writings vor, Nathan K. Mao 1978 eine weitere Darstellung. Kristin Stapleton untersuchte 2016 in Fact in Fiction das Verhältnis zwischen dem China der zwanziger Jahre und dem Roman Die Familie.

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