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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Isaak Emmanuilowitsch Babel
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Porträt Isaak Emmanuilowitsch Babel
Isaak Emmanuilowitsch Babel
1894 – 1940
– Autorenporträt –

Isaak Emmanuilowitsch Babel

1894 – 1940 · 45 Jahre

Erzähler der Roten Reiterarmee und der jüdischen Welt Odessas, dessen schonungslose Prosa ihn dem stalinistischen Terror auslieferte.

Kurzbiografie↑

Zu den bekanntesten sowjetischen Erzählern der 1920er Jahre gehört Isaak Emmanuilowitsch Babel, geboren am 12. Juli 1894 in Odessa. Sein Ruhm gründet vor allem auf dem 1926 veröffentlichten Erzählband Die Reiterarmee. Darin schilderte er die Brutalität des Krieges ohne Beschönigung. Bekannt ist er auch für seine Geschichten aus Odessa über die jüdische Welt seiner Heimatstadt. Nach anfänglichen Erfolgen in der jungen Sowjetunion geriet Babel zunehmend in Bedrängnis. Während der stalinistischen Säuberungen wurde er verhaftet und hingerichtet. Erst 1954 wurde er offiziell rehabilitiert. Das ermöglichte die erneute Veröffentlichung seiner erhaltenen Werke.


Biografie↑

Babel kam 1894 als Sohn von Emmanuel Isaakowitsch und seiner Frau Fejga zur Welt. Seine Familie war eine Familie jüdischer Händler im Moldawanka-Viertel von Odessa, das er später in seinen Erzählungen schilderte. Kurz nach seiner Geburt zog die Familie nach Nikolajew, wo der Vater zu Wohlstand kam. Im Winter 1905 kehrte Babel nach Odessa zurück. Er besuchte die angesehene, nach Zar Nikolaus I. benannte Wirtschaftsschule und schloss sie 1911 ab. Angeregt von seinem Lehrer für Französisch und Literatur, las er Gustave Flaubert und Guy de Maupassant. Er begann, auf Französisch erste Geschichten zu schreiben.

Ein Studium an der Universität Odessa war wegen der Quote für Juden nicht möglich. Deshalb ging Babel nach Kiew an das Institut für Ökonomie und Finanzen. Dort lernte er Jewgenija Gronfein kennen, seine spätere Frau. 1916 schloss er sein Studium ab und zog nach Petrograd. Diese Stadt gehörte nicht zum Ansiedlungsrayon, in dem sich Juden in Russland niederlassen durften. In der Stadt traf er den Schriftsteller Maxim Gorki. Dieser veröffentlichte einige seiner Kurzgeschichten in seinem Magazin Letopis und riet ihm, sich mehr Lebenserfahrung zu verschaffen. Eine seiner bekanntesten autobiografischen Erzählungen, Die Geschichte meines Taubenschlags, widmete er Gorki. Die Geschichte Das Badezimmerfenster erschien den Zensoren obszön, und Babel wurde dafür bestraft.

Der Erste Weltkrieg und die russische Revolution veränderten Babels Leben grundlegend. In den folgenden Jahren kämpfte er an der rumänischen Front. Er arbeitete für die Tscheka als Übersetzer in der Spionageabwehr. Außerdem war er Mitglied im regionalen Komitee der Bolschewiki in Odessa sowie Reporter für Zeitungen in Tiflis und Petrograd. Am 9. August 1919 heiratete er Jewgenija Gronfein in Odessa. 1920 wurde er, dem Rat Gorkis folgend, als Reporter der Reiterarmee des Generals Budjonny zugeteilt. Er erlebte deren erfolglosen Vorstoß gegen Polen mit. In dieser Zeit freundete er sich mit Kommandeuren der Roten Armee an. Diese wurden später wie er Opfer der stalinistischen Säuberungen.

Verschiedene Geschichten erschienen 1924 in Wladimir Majakowskis Magazin LEF. Sie wurden später in dem Band Die Reiterarmee zusammengefasst. In Deutschland kam das Buch 1926 unter dem abweichenden Titel Budjonnys Reiterarmee heraus. Nach seiner Rückkehr nach Odessa begann Babel eine Reihe von Kurzgeschichten über das Leben im Viertel Moldawanka. Diese erschienen 1931 gesammelt als Geschichten aus Odessa. In diesen Jahren lernte er Ilja Ehrenburg kennen. 1925 emigrierte seine erste Frau nach Paris. Später heiratete Babel Antonina Piroschkowa.

1930 reiste Babel durch die Ukraine und sah die Brutalität der Zwangskollektivierung. Stalin festigte seinen Griff um die sowjetische Kultur, und der „Sozialistische Realismus“ wurde zur Vorgabe. Babel zog sich zunehmend zurück; das Schreiben fiel ihm schwerer als früher. Nach mehreren Anfragen durfte er nach Paris reisen, um seine Familie zu besuchen. 1935 hielt er eine Ansprache auf dem Kongress antifaschistischer Schriftsteller. Danach arbeitete er mit Sergei Eisenstein an dem Film Die Beshin-Wiese und schrieb an weiteren Drehbüchern mit. 1935 erschien sein Theaterstück Marija im Druck. Es wurde jedoch an keiner sowjetischen Bühne aufgeführt.

Nach dem Tod Gorkis 1936 lebte Babel in ständiger Angst vor Verhaftung. Vom Großen Terror unter Nikolai Jeschow blieb er zunächst verschont, auch wegen seiner Kontakte zu Jeschows Umfeld. Erst nach dessen Absetzung im Dezember 1938 geriet er in akute Gefahr. Am 15. Mai 1939 wurde er aufgrund einer Denunziation in seiner Datscha in Peredelkino verhaftet. Man brachte ihn in das Moskauer Gefängnis Lubjanka und beschuldigte ihn der Spionage. Unter Folter gab er erzwungene Geständnisse ab. Am Tag der Gerichtsverhandlung widerrief er sie. Dennoch wurde er für schuldig befunden. Über sein Ende gehen die Angaben auseinander. Nach der von Wikidata und Wikipedia gestützten Darstellung wurde Babel am 27. Januar 1940 im Gefängnis Butyrka erschossen. Eine andere Quelle nennt den 17. März 1941 als Sterbedatum. Diese Differenz hängt mit einer offiziellen sowjetischen Version zusammen, wonach Babel erst 1941 in einem Lager in Sibirien gestorben sein sollte. Seine Witwe erfuhr erst Jahre später vom Tod ihres Mannes, die volle Wahrheit erst 1988. Am 23. Dezember 1954 wurde Babel öffentlich freigesprochen.


Literarische Merkmale↑

Babels Schreiben wurde früh von der französischen Erzählkunst geprägt. Angeregt von seinem Lehrer las er Gustave Flaubert und Guy de Maupassant und verfasste seine ersten Geschichten sogar auf Französisch. Über seinen eigenen Weg zur Form notierte er: „Erst im Verlauf des Jahres 1923 habe ich gelernt, meine Gedanken in einer klaren und knappen Weise auszudrücken. Danach begann ich wieder zu schreiben.“ Diese knappe, klare Sprache wurde zu seinem Markenzeichen.

Kennzeichnend für Die Reiterarmee ist die ehrliche Beschreibung der Brutalität des Krieges und der Verzicht auf jede Beschönigung. Gerade dieser ungeschönte Umgang mit der Wirklichkeit des russischen Bürgerkrieges machte seine Texte für manche Zeitgenossen unbequem und gefährlich. Denn noch lebten Augenzeugen und Verantwortliche der geschilderten Ereignisse. In seinen Geschichten aus Odessa wandte sich Babel der jüdischen Welt seiner Heimatstadt zu, dem Viertel Moldawanka vor und nach der Oktoberrevolution.


Rezeption↑

Aufsehen erregte vor allem Die Reiterarmee. General Budjonny warf Babel vor, die „Gestalten der Kämpfer“ verzerrt dargestellt zu haben. Eine Vernichtung des Buches verhinderte die Intervention Maxim Gorkis. Dieser entgegnete Budjonny, er habe das Buch „von der Höhe des Pferderückens“ beurteilt und nicht „von der Höhe der Kunst“. Das Werk wurde bald in verschiedene Sprachen übersetzt. In Deutschland lobte Kurt Tucholsky Babel in der Weltbühne. Zu Hause wuchsen unterdessen die Schwierigkeiten, die sich aus seiner ungeschönten Darstellung ergaben.

Sein Theaterstück Marija löste so scharfe Reaktionen aus, dass die Proben an verschiedenen Theatern abgebrochen wurden. An keiner sowjetischen Bühne kam es zur Aufführung. Seine Welturaufführung erlebte das Drama erst 1964 in italienischer Sprache am Piccolo-Theater in Florenz. Babels Manuskripte wurden bei seiner Verhaftung beschlagnahmt und später verbrannt. Nach seinem Freispruch von 1954 konnte seine Witwe die erhalten gebliebenen Werke ab 1957 erneut veröffentlichen.

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