1926
Die Reiterarmee
Überblick↑
Das Werk Die Reiterarmee ist eine Sammlung von Erzählungen des russischen Schriftstellers Isaak Babel. Sie erschien 1926 und versammelt Geschichten aus dem Polnisch-Sowjetischen Krieg des Jahres 1920. An diesem Feldzug nahm Babel selbst teil, und zwar als Kriegsberichterstatter der Russischen Telegrafen-Agentur. Im Mittelpunkt steht die 1. Rote Reiterarmee unter General Semjon Michailowitsch Budjonny. Die erste deutsche Übersetzung erschien noch im selben Jahr unter dem Titel Budjonnys Reiterarmee. Das Magazin Der Spiegel zählt das Buch zu den hundert besten Büchern, die zwischen 1925 und 2025 erschienen sind.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der Kriegsberichterstatter Kirill Ljutov, der der 1. Roten Reiterarmee durch das polnisch-ukrainische Kriegsgebiet in Galizien und Wolhynien folgt. Ljutov trägt viele Züge des Autors selbst. Auch Babel begleitete den Feldzug und veröffentlichte seine Berichte unter einem ähnlichen Namen. Ljutov ist ein Akademiker und Brillenträger, der in Sankt Petersburg Jura studiert hat. Damit ist er ein Fremder unter den derben, oft brutalen Kosaken.
In einer Reihe kurzer, lose verbundener Erzählungen schildert er das Leben in der zerstörten Kriegsregion. Er zeigt die zum Teil jüdische Bevölkerung der kleinen Städte, die zwischen den Fronten zerrieben wird. Er zeigt die Gefechte der Reiter und die Schicksale einzelner Soldaten. Immer wieder steht die Schönheit der Landschaft unmittelbar neben roher Gewalt.
Das durchgehende Thema ist der Zwiespalt des empfindsamen Beobachters. Ljutov bewundert die Kraft und Wildheit der Reiter und erschrickt zugleich vor ihrer Grausamkeit. Er sucht nach seinem Platz in einer Welt, in der Mitleid als Schwäche gilt und das Töten zum Alltag gehört.
Die Handlung im Detail↑
Für die Buchausgabe hat Babel seine zunächst einzeln in Zeitungen erschienenen Erzählungen überarbeitet und neu geordnet. Die Reihenfolge folgt nicht der Chronologie der Ereignisse, sondern literarischen Gesichtspunkten. So fügt sich das Ganze aus vielen einzelnen Szenen zu einem Gesamtbild.
Der Zyklus beginnt mit der Erzählung Die Überschreitung des Zbruč. Im Juli überquert Ljutovs Tross mit Pferden und Wagen den Fluss Zbruč über eine Furt, weil die Brücken gesprengt sind. In Novograd wird der Erzähler im Haus einer jüdischen Familie einquartiert, das polnische Soldaten geplündert haben. In der Nacht entdeckt er, dass unter den Decken der tote Vater der schwangeren Wirtin liegt. Der Alte hatte sich töten lassen, um seiner Tochter den Anblick seiner Ermordung zu ersparen.
Die Erzählung Ein Brief gibt das Schreiben eines jungen Rotarmisten an seine Mutter wieder. Er und sein Bruder kämpfen für die Rote Armee, ihr Vater dagegen für die Weiße. Nüchtern berichtet der Sohn, wie ein Jahr zuvor die Soldaten des Vaters einen der Brüder erstachen. Zur Rache dafür haben die Kameraden des Sohnes den Vater umgebracht.
In Meine erste Gans wird der Erzähler zum Divisionsstab abkommandiert. Als Akademiker und Brillenträger wird er von den Kosaken zunächst verspottet. Um ihre Achtung zu gewinnen, ersticht er die Gans einer alten Bäuerin und zwingt sie, ihm den Vogel zu braten – „mit knirschendem und blutendem Herzen".
In Gedali klagt ein alter jüdischer Basarhändler in Žitomir über die Übergriffe beider Seiten. Er fragt, warum auch die Revolutionäre, die doch das Gute wollen, wehrlose Menschen töten. In Der Rabbi begleitet der Erzähler diesen Händler zum Abendessen vor dem Sabbat beim chassidischen Rabbi Motale und trifft dort auf dessen Sohn, der während des Gebets seines Vaters raucht.
Am schärfsten zeigt sich der Zwiespalt des Erzählers in Dolgušovs Tod. Der Telefonist Dolgušov ist durch einen Bauchschuss tödlich verletzt und bittet Ljutov, ihn zu erschießen und ihm so das Leiden zu ersparen. Ljutov bringt es nicht über sich. Erst der Zugführer Afonjka Bida gibt dem Sterbenden den Gnadenschuss. Zornig wirft er dem Brillenträger vor, kein Mitleid zu kennen, und will auch ihn erschießen. Der Kutscher Griščuk hält ihn zurück und reicht dem Erzähler einen Apfel.
In der Erzählung über Matvej Pavličenko blickt ein General auf sein Leben zurück. Einst arbeitete er als Hirte auf dem Gut eines Herrn Nikitinskij, der auch seiner Frau nachstellte. Nach der Revolution kehrt er zurück. Der einstige Herr fürchtet ihn, versucht ihn erst mit Geld zu bestechen und beschimpft ihn dann. Pavličenko erschießt ihn nicht, sondern trampelt ihn stundenlang zu Tode, um das Erlöschen des Lebens bis in den letzten Grund zu spüren.
Die Geschichte eines Pferdes handelt vom Schwadronkommandeur Chlebnikov, dem ein weißer Hengst weggenommen und dem höheren Kommandeur Savickij übergeben wird. Als Chlebnikov das Tier später zurückerhalten soll, verweigert Savickij die Herausgabe. Über die vergebliche Beschwerde derart erbittert, tritt Chlebnikov aus der kommunistischen Partei aus. Verletzt und verbittert verlässt er die Armee.
In Salz berichtet ein Rotarmist der Zeitungsredaktion, wie er eine Frau erschoss, die er für eine Konterrevolutionärin hielt: Sie hatte in den Windeln ihres Kindes gestohlenes Salz versteckt. In Priščepa kehrt ein Reiter in sein Dorf zurück, wo die Weißen seine Eltern ermordet und die Nachbarn deren Besitz gestohlen haben. Er tötet die Diebe, holt seine Sachen zurück, zündet dann alles an und reitet zu den Roten zurück.
In Afonjka Bida wird bei einem Gefecht das Pferd des Zugführers getötet, das er von zu Hause mitgebracht hat. Aus Verzweiflung streift er tagelang plündernd durch die Gegend und kehrt erst nach zwei Wochen mit einem neuen Pferd zur Truppe zurück. In Beim heiligen Valentin dringen Kosaken in eine Kirche ein und brechen den Sarkophag des Heiligen auf. Der Erzähler meldet die Verletzung des religiösen Gefühls der Bevölkerung, und die Schuldigen erhalten eine Disziplinarstrafe.
So reiht sich Bild an Bild. Gewalt und Frömmigkeit, Landschaft und Grauen, Mitleid und Härte stehen dicht beieinander. Am Ende steht kein einfaches Urteil über den Krieg, sondern ein vielstimmiges Gesamtbild.
Stil↑
Der Zyklus gilt der Literaturkritik als kunstvoll gefügtes Mosaik. Jede Erzählung habe darin ihren unverrückbaren Platz, und feinste motivische wie thematische Verbindungen verknüpfen die einzelnen Steinchen zu einem Ganzen.
Der Literaturhistoriker Walter Jens hob die „Plastizität" hervor, mit der Babel seine Gestalten formt. Bilder und Symbole überstürzen sich, wie Jens es nannte, „im Gewand der expressionistischen Suada". Babel schafft abrupte Übergänge von Szene zu Szene und berichtet, so Jens, „Grausiges mit nüchterner Sachlichkeit".
Kennzeichnend ist eine bizarre, überraschende, expressionistische Metaphorik. Immer wieder springt sie vom Lebendigen ins Tote und Anorganische. In den Naturbildern steht das unberührt Schöne dicht neben Verdorbenheit und Naivität. So heißt es etwa: „Die Nacht flog auf mich zu auf ungestümen Pferden. Brände züngelten am Horizont." Diese Spannung zwischen zarter Schönheit und roher Gewalt prägt den Ton des ganzen Werks.
Rezeption↑
In der westlichen Rezeption gilt das Werk als Meisterwerk. Es zählt zu den „genialsten literarischen Zeugnissen der russischen Revolution". Für den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ist Babel der „tragische Sänger der Revolution". Mit der Reiterarmee, so Reich-Ranicki, beginne „die Legende vom Talmudschüler, der unter die Kosaken ging, vom Soldaten, der nicht gelernt hat zu töten, vom Dichter, der nicht lügen wollte".
Für das russische Publikum gilt allerdings nicht dieses Buch als Babels wichtigstes Werk, sondern seine Geschichten aus Odessa. Diese wurden vielfach für Film, Musical und Theater bearbeitet.
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