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Werkseintrag · Die Reisen Benjamins des Dritten
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Die Reisen Benjamins des Dritten
1878
– Werkseintrag –

Die Reisen Benjamins des Dritten

1878 · Essay

Ein Träumer aus einer kleinen jüdischen Gemeinde zieht mit seinem treuen Begleiter los, um die verlorenen Stämme Israels am Rand der Welt zu suchen.

Überblick↑

Die Erzählung Die Reisen Benjamins des Dritten von Mendele Moicher Sforim erschien 1878 auf Jiddisch. 1896 kam eine hebräische Fassung heraus. Das Buch ist scheinbar im Stil eines Schelmenromans verfasst und erzählt von einem Mann aus einer kleinen jüdischen Gemeinde, der sich auf eine große Reise macht. Der Titel spielt auf zwei frühere Reisende namens Benjamin an, deren Berichte weit verbreitet waren. Bis heute wirkt das Werk nach: Sein Titel wurde immer wieder abgewandelt und aufgegriffen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Benjamin, ein Träumer aus der jüdischen Welt Osteuropas, den man einen jüdischen Don Quijote nennen kann. Die polnische Übersetzung trägt diesen Vergleich sogar im Untertitel. An seiner Seite zieht Senderl los, genannt „das Weib“, der die Rolle des Sancho Pansa übernimmt.

Benjamin schmückt seine Umgebung mit allerlei phantastischen Gestalten aus. Sie stammen aus alten jüdischen Legenden und Volksmärchen. Dazu gehören etwa die „Roten Juden“, die jenseits des Sambation-Flusses leben sollen: Nachkommen der verlorenen Stämme Israels, die angeblich am Rand der Welt hausen.

Das Buch spottet über volkstümlichen Aberglauben und über die Weltfremdheit seiner Helden. Zugleich klingt darin eine ernste Sehnsucht an, nämlich die Sehnsucht nach einer Heimkehr zu den Quellen der Vorväter.

Die Handlung im Detail↑

Der Held des Buches, Benjamin, verlässt seine gewohnte Umgebung und bricht zu einer Reise auf. Begleitet wird er von Senderl, der „das Weib“ gerufen wird. Die beiden bilden ein Gespann nach dem Muster von Don Quijote und Sancho Pansa: der eine ein Schwärmer, der andere sein geduldiger Gefährte.

Benjamin sieht die Welt nicht so, wie sie ist. Er bevölkert sie mit phantastischen Gestalten aus alten jüdischen Legenden und Volksmärchen. Besonders wichtig ist ihm die Vorstellung von den „Roten Juden“ jenseits des Sambation-Flusses. Das sind die Nachkommen der verlorenen Stämme Israels, die der Überlieferung nach am Rand der Welt leben. Ihnen gilt seine Suche.

Der Titel des Buches verweist auf zwei Vorgänger. Benjamin I. ist der mittelalterliche jüdische Reiseschriftsteller Benjamin von Tudela, der im 12. Jahrhundert von Spanien aus bis an die Grenzen Persiens und nach Ägypten reiste; 1858 erschien eine deutsche Ausgabe seines Berichts. Benjamin II. ist Israel Joseph Benjamin, dessen Reisebuch Acht Jahre in Asien und Afrika. Von 1846 bis 1855 ebenfalls 1858 auf Deutsch vorlag. Die französische Erstausgabe von 1855 trug den Titel Israel Joseph Benjamin II!. Darin schildert der Verfasser unter anderem, wie er Spuren der zehn Stämme des Nordreiches zu finden glaubt. Beide Reiseberichte, deren Angaben teils wohl erfunden sind, flossen an verschiedenen Stellen in Mendeles Buch ein, ohne dass sie ausdrücklich genannt würden.

So entsteht ein doppelter Ton. Auf der einen Seite steht der Spott über den Aberglauben und die Weltfremdheit der beiden Wanderer. Auf der anderen Seite spiegelt sich in ihrem Suchen eine messianische Sehnsucht nach der Rückkehr zu den Quellen der Vorväter.

Stil↑

Angelegt ist die Erzählung dem Anschein nach wie ein Schelmenroman. Der Held zieht durch die Welt, gerät in Verwicklungen und wird dabei vorgeführt. Doch dieser Rahmen trügt: Unter der komischen Oberfläche liegt ein ernster Kern.

Tragend ist die Doppelfigur aus schwärmendem Herrn und nüchternem Begleiter, wie man sie aus dem Roman um Don Quijote und Sancho Pansa kennt. Der Erzählton bezieht seinen Witz daraus, dass Benjamin die vertraute Umgebung mit Gestalten aus Legende und Volksmärchen bevölkert. Der Spott richtet sich gegen Aberglauben und Weltfremdheit, ohne die Sehnsucht dahinter zu zerstören. Auch die Anspielung im Titel gehört zum Verfahren: Die Reiseberichte der beiden früheren Benjamine wirken im Text weiter, werden aber nie beim Namen genannt.

Rezeption↑

Nachgewirkt hat das Buch vor allem über seinen Titel. Später entstanden mehrere Werke unter dem Titel Die Fahrten Benjamins des Vierten. Eines davon stammt von Z. Prejgerson und beschreibt den Untergang der alten jüdischen Kultur in der frühen Sowjetzeit. Ein Gedicht von Nathan Alterman aus dem Jahr 1942, das sich mit Rommels Wüstenfeldzug auseinandersetzt, trägt denselben Untertitel. In der politischen Debatte in Israel wurde der Titel polemisch gegen die Politik Benjamin Netanjahus gewendet.

Auf Deutsch war das Werk lange in der Übersetzung von Efraim Frisch zu lesen. Sie erschien 1937 im Schocken-Verlag in Berlin unter dem Titel Die Fahrten Binjamins des Dritten. 1962 kam sie im Walter Verlag erneut heraus, 1983 folgte eine zweite Auflage. Eine neue Übersetzung von Susanne Klingenstein erschien 2019 im Hanser Verlag in München unter dem Titel Die Reisen Benjamins des Dritten. Sie ist die erste vollständige Übertragung der Ausgabe letzter Hand von 1913 und enthält ein umfangreiches Nachwort, das das Buch historisch und literarisch einordnet.

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