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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Mendele Moicher Sforim
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Porträt Mendele Moicher Sforim
Mendele Moicher Sforim
1835 – 1917
– Autorenporträt –

Mendele Moicher Sforim

1835 – 1917 · 81 Jahre

„Großvater“ der neujiddischen Literatur – ein Erzähler, der das jüdische Leben Osteuropas mit Spott und zugleich mit Zuneigung schilderte.

Kurzbiografie↑

Unter dem Namen Mendele Moicher Sforim, zu Deutsch „Mendele der Buchhändler“, schrieb ein russisch-jüdischer Autor, der eigentlich Scholem Jankew Abramowitsch hieß. Er verfasste seine Bücher vor allem auf Jiddisch, daneben auch auf Hebräisch. Als „Großvater“ der neujiddischen Literatur gilt er bis heute; seine geschliffene Prosa verschaffte dieser Literatur weit über Osteuropa hinaus Ansehen. Gemeinsam mit Scholem Alejchem und Jitzchok Leib Perez zählt er zu den drei Klassikern der jiddischen Literatur, und er ist der älteste der drei. Sein Bild vom jüdischen Leben im Ansiedlungsrayon verbindet Spott mit Zuneigung.


Biografie↑

Geboren wurde er in Kopyl bei Minsk. Über das Datum gehen die Angaben auseinander: Wikidata nennt den 21. Dezember 1835, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen das Jahr 1836. Der Widerspruch erklärt sich vermutlich aus den beiden damals gebräuchlichen Kalendern, denn dem 21. Dezember 1835 nach dem älteren julianischen Kalender entspricht der 2. Januar 1836 nach dem heutigen.

Von klein auf lernte er Hebräisch, Bibel und Talmud. Als sein Vater starb, war er noch nicht ganz dreizehn Jahre alt. Er verließ seinen Geburtsort und zog als wandernder Student umher, der verschiedene Talmudschulen besuchte. Seine Wege führten ihn durch Litauen, Wolhynien, Podolien und die Ukraine. Was er dabei vom jüdischen Leben sah, ging später in seine Bücher ein.

In Podolien fand er Aufnahme bei dem damals bekannten Schriftsteller Abraham Bär Gottlober. Dort studierte er Deutsch, Russisch und die neueste Aufklärungsliteratur. Anschließend nahm er ein reguläres Studium auf, erwarb das Lehrerdiplom und unterrichtete einige Jahre an einer staatlichen Schule.

Von 1853 bis 1858 hielt er sich in Kamenz auf. Dort heiratete er die Tochter eines Anhängers der jüdischen Aufklärung. Die Frau war psychisch instabil, und die Ehe zerbrach. Von 1858 bis 1869 lebte er in Berditschew. Hier heiratete er ein zweites Mal, und diese Verbindung hielt.

Danach zog er nach Schytomyr, wo er bis 1881 blieb. Am dortigen Rabbinerseminar erwarb er das Rabbinerdiplom. Den Rest seines Lebens verbrachte er in Odessa, unterbrochen nur von einem zweijährigen Aufenthalt in Genf zwischen 1905 und 1907. In Odessa gab es eine große und wohlhabende jüdische Gemeinde, und die Stadt war ein Zentrum der Aufklärung. Er arbeitete dort als Lehrer und übernahm die Leitung der jüdischen Gemeindeschule Talmud-Torah.

Seine erste Veröffentlichung in jiddischer Sprache erschien 1864. Von da an nahm die jiddische Literatur einen Aufschwung, und dieses Jahr gilt seither als Meilenstein ihrer Geschichte. Zeit seines Lebens schrieb er in beiden Sprachen, auf Jiddisch wie auf Hebräisch.

In jungen Jahren war er ein Anhänger der jüdischen Aufklärung, der Haskala. Der Assimilation der Juden stand er dabei grundsätzlich kritisch gegenüber. Im Alter wandte er sich dem Zionismus zu. Wie unentschieden ihn diese Fragen ließen, zeigt eine hebräische Erzählung von 1894/95, Die himmlische und die irdische Akademie. Darin beschreibt er die Spaltung zwischen Befürwortern der Assimilation, orthodoxen Juden und Anhängern der neuen Zionsbewegung. Der Autor selbst tritt in der Erzählung unter seinem Namen auf. Er trägt viele Argumente der Parteien zusammen, kann sich aber für keinen eigenen Standpunkt entscheiden.

Er starb am 25. November 1917 in Odessa. Nach dem heute gültigen Kalender war das der 8. Dezember.


Literarische Merkmale↑

Zwischen zwei Polen bewegt sich sein Schreiben: Auf der einen Seite steht die satirische Beschreibung des Ghettojuden, auf der anderen eine verzeihende Liebe und das Engagement für das jüdische Volk. Häufig finden sich beide Züge im selben Buch.

Das Leben der Juden im Ansiedlungsrayon zeichnete er humorvoll und realistisch. Seine erfundenen Ortsnamen sprechen für sich: „Dümmingen“ oder „Schnorringen“ deuten auf Ignoranz und fehlenden praktischen Sinn der Bewohner hin.

Ein weiteres Kennzeichen seiner Prosa ist der Umgang mit der Sprache der Bibel. Oft überträgt er Redewendungen aus dem biblischen Zusammenhang auf Tagesfragen und erzielt damit überraschende Wirkungen. Was er für das Hebräische anstrebte, hat er selbst so beschrieben: „Lasst uns einen hebräischen Stil schaffen, ein lebendiges Wesen, das klar und deutlich spricht, wie es Menschen hier und heute tun, und lasst seine Seele jüdisch sein.“


Rezeption↑

Als Begründer der modernen jiddischen Literatur wird er bis heute geführt. Sein Beiname innerhalb dieser Literatur lautet „Großvater“, auf Jiddisch sejde. Scholem Alejchem hat sich stets als Mendeles „Enkel“ bezeichnet.

Zusammen mit Scholem Alejchem und Jitzchok Leib Perez bildet er die Gruppe der drei Klassiker der jiddischen Literatur; er ist der älteste unter ihnen. Seiner geschliffenen Prosa wird zugeschrieben, dass die neujiddische Literatur Weltruf erlangte. Das Jahr 1864, in dem seine erste jiddische Veröffentlichung erschien, gilt als Meilenstein in der Geschichte dieser Literatur.

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