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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann
1926 – 1973
– Autorenporträt –

Ingeborg Bachmann

1926 – 1973 · 47 Jahre

Eine der führenden Stimmen der deutschsprachigen Literatur nach 1945 – zu Lebzeiten als Lyrikerin gefeiert, nach ihrem frühen Tod als Prosaautorin neu entdeckt.

Kurzporträt

Zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts zählt Ingeborg Bachmann. Sie wurde 1926 in Klagenfurt geboren und starb 1973 in Rom. In den 1950er Jahren wurde sie mit Gedichten wie Die gestundete Zeit bekannt. Rasch galt sie als eine der führenden poetischen Stimmen ihrer Generation. Später verlagerte sie ihren Schwerpunkt zur Prosa. Mit Malina schrieb sie ihren einzigen vollendeten Roman aus dem geplanten Zyklus Todesarten. Daneben verfasste sie Hörspiele, Essays und Libretti für Opern von Hans Werner Henze. Sie übersetzte auch Gedichte von Giuseppe Ungaretti. 1964 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis.


Biografie

Ingeborg Bachmann wuchs in Klagenfurt auf. Sie war das erste Kind des Ehepaars Olga, geborene Haas, und Matthias Bachmann. Die Mutter stammte aus einer niederösterreichischen Familie, die eine Strickwarenmanufaktur führte. Der Vater kam aus einer evangelischen Bauernfamilie im Kärntner Gailtal. Er war zunächst Lehrer und später Direktor einer Hauptschule. 1928 wurde die Schwester Isolde geboren, 1939 der Bruder Heinz. Der Vater hatte einen hohen moralischen Anspruch. Zugleich unterstützte er den Nationalsozialismus und gehörte ab dem 11. Juni 1932 der österreichischen NSDAP/AO an. Nach Einschätzung des Bruders erhofften sich die Eltern vom „Anschluss" Österreichs Vorteile und begrüßten ihn. Die Mutter erinnerte sich, dass ab 1940 Führerinnen des Bundes Deutscher Mädel versuchten, Ingeborg zum Beitritt zu bewegen. Diese gab dem Druck jedoch bis zuletzt nicht nach.

Von 1936 bis 1944 besuchte Bachmann das Ursulinengymnasium. Dort lernte sie Latein, Englisch und Französisch, vom Vater in Privatstunden Italienisch. Sie verfasste erste Texte und komponierte Lieder. Die Schule wurde nach 1938 Teil des nationalsozialistischen Bildungssystems. Dennoch ermöglichten die Ordensschwestern den Zugang zu verbotener Lektüre. Den Sommer 1945 verbrachte sie mit Mutter und Geschwistern auf einem Bauernhof im Gailtal. Sie verliebte sich in den britischen Besatzungssoldaten Jack Hamesh, einen emigrierten Wiener Juden. Der Einmarsch von Hitlers Truppen in Klagenfurt wurde für sie rückblickend zum symbolischen Begründungsdatum ihrer Autorschaft. Diese verstand sie als ein „Schreiben nach Auschwitz".

Im Wintersemester 1945/1946 nahm sie an der Universität Innsbruck das Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte auf. 1946 wechselte sie nach Graz und im Wintersemester 1946/1947 nach Wien. Ihr Verhältnis zu Wien bezeichnete sie kurz vor ihrem Tod als lebenslange „Haßliebe". Zu ihren akademischen Lehrern zählten der Psychologe Hubert Rohracher, der Psychotherapeut Viktor E. Frankl, der wertkonservative Alois Dempf und Victor Kraft, der letzte Vertreter des Wiener Kreises. Leo Gabriel führte sie in die Existenzialphilosophie Martin Heideggers ein. Bei Kraft schrieb sie ihre Dissertation Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers. Diese schloss laut der Deutschen Biographie am 23. März 1950 mit der Promotion zum Dr. phil. ab. Wikipedia nennt für die Annahme der Dissertation den 9. Januar 1950. Bachmann galt als Wittgenstein-Expertin. Ursprünglich wollte sie neben literarischen auch philosophische Werke veröffentlichen, gab diesen Plan jedoch aus Zeitmangel auf.

Schon während der Promotion knüpfte sie Verbindungen, die für ihr Leben als Autorin bedeutsam wurden. Von 1947 bis 1951 führte sie eine offene Beziehung mit dem Schriftsteller und Kritiker Hans Weigel. Er verhalf ihr 1951 zu einem Stipendium für den Romanentwurf Stadt ohne Namen. Das Werk blieb unveröffentlicht und ging verloren. Im März 1948 lernte sie den Lyriker Paul Celan kennen. Ihre schwierige Liebesbeziehung dauerte mit Unterbrechungen bis 1958. Auch mit der jüdischstämmigen Ilse Aichinger freundete sie sich an. Die erste Veröffentlichung, die Erzählung Die Fähre, erschien am 31. Juli 1946. Ältere Schriftsteller wie Alexander Lernet-Holenia und Heimito von Doderer fanden ihren Scharfsinn und ihr Auftreten den tradierten Normen von „Wiener Weiblichkeit" nicht angemessen. Deshalb sprach von Doderer von „dem Bachmann".

Von September 1951 bis 1953 arbeitete sie beim amerikanischen Rundfunksender Rot-Weiß-Rot in Wien. Dort bearbeitete sie Theaterstücke, schrieb Filmkritiken und eigene Hörspiele. Ihr erstes Hörspiel Ein Geschäft mit Träumen wurde am 28. Februar 1952 gesendet. Dazu verfasste sie Folgen der Unterhaltungsserie Die Radiofamilie. Im Mai 1952 nahm sie auf Einladung von Hans Werner Richter an einer Tagung der Gruppe 47 teil. 1953 erhielt sie für Gedichte aus Die gestundete Zeit den Preis der Gruppe 47. Das bestärkte sie im Entschluss, als freie Schriftstellerin zu leben.

Von August 1953 bis August 1957 lebte sie überwiegend in Italien. In Rom lernte sie Marie Luise Kaschnitz kennen, mit der sie eine lebenslange Freundschaft verband. Es entstanden Libretti für Werke von Hans Werner Henze sowie der Gedichtband Anrufung des Großen Bären (1956). Dieser wurde mit dem Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen ausgezeichnet. Von September 1957 bis Mai 1958 war sie Dramaturgin beim Bayerischen Fernsehen in München. Dort schrieb sie das Hörspiel Der gute Gott von Manhattan (1958). Am 3. Juli 1958 lernte sie in Paris Max Frisch kennen. Mit ihm lebte sie von November 1958 bis Ende 1962 abwechselnd in Zürich und Rom zusammen. In diese Jahre fielen die Erzählungen des Bandes Das dreißigste Jahr (1961), die Übertragungen der Gedichte Giuseppe Ungarettis (1961) und die Frankfurter Poetikvorlesungen des Wintersemesters 1959/1960.

Die Trennung von Frisch führte im Herbst 1962 zusammen mit Gesundheitsproblemen zu einer schweren Krise und wiederholten Klinikaufenthalten. Dabei ging es auch um die Behandlung einer Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Von 1963 bis 1965 lebte sie als freie Schriftstellerin und Stipendiatin der Ford-Foundation in Berlin. 1964 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis. Durch eine Beziehung zu dem jungen Schriftsteller Adolf Opel fand sie aus einer Schreibkrise heraus. Ab 1965 lebte sie in Rom. Dort erschienen der Roman Malina (1971), der einzige vollendete Teil des geplanten Zyklus Todesarten, und der Erzählband Simultan (1972). Schwere Verbrennungen und die Folgen eines Medikamentenentzugs führten 1973 zu ihrem frühen Tod. Sie wurde auf dem Friedhof Annabichl in Klagenfurt bestattet.


Literarische Merkmale

Geprägt von ihrem Studium der Philosophie machte Bachmann die Sprache selbst zum Mittelpunkt ihres Schreibens. Ihr Ausruf „Mein Wort, errette mich!" unterstreicht, welche Bedeutung das Wort für die junge Autorin hatte. Sie fühlte sich einer literarischen Sprache verpflichtet, die sich von der Alltagssprache deutlich abhob und in der etwas Utopisches erschaffen werden konnte. Joachim Eberhardt unterscheidet in ihrer Sprachreflexion einen ästhetischen und einen poetischen Ansatzpunkt. In den 1940er und 1950er Jahren ist der ästhetische Ansatz maßgeblich, der gewöhnliches und literarisches Sprechen einander gegenüberstellt. Ausgehend von ihrer Dissertation verband Bachmann Ludwig Wittgenstein und Robert Musil. Über „Sprachskepsis" und „Sprachhoffnung" gelangte sie zum Begriff des „Utopischen". Diesen setzte sie in den Frankfurter Vorlesungen 1959/1960 als Richtung der Literatur.

In diesem Jahrzehnt verwendete sie für das literarische Sprechen vor allem biblisch-christliche Sprachbilder und solche aus dem Bereich der Musik. Für die Zeit nach 1957 ist der Zusammenhang zwischen neuer Erfahrung und neuer Sprache kennzeichnend. Figuren aus den Erzählungen in Das dreißigste Jahr versuchen, über eine neue Sprache eine neue Welt zu schaffen, scheitern aber, etwa in Alles. Ab 1960 gewann für sie die Erkenntnis an Gewicht, dass Sprache nicht nur abbildet, sondern auch beeinflusst und das Denken prägt. Diesen Gedanken formulierte sie in ihrer Rede zur Verleihung des Anton-Wildgans-Preises (1972).

Schon in der bombardierten Stadt Klagenfurt hatten ihr das Lesen verbotener Schriftsteller und das eigene Schreiben Halt gegeben. Eine ihrer Problemkonstanten ist die Auseinandersetzung mit den Verflechtungen von Individual- und Zeitgeschichte unter dem Zeichen gesellschaftlicher Gewalt. Wahrheit setzte sie dabei als hohen Wert. Ihr Ethos fasste sie in die Formel „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar". Zentral ist in ihrem Werk die Thematik der Geschlechterrollen. Immer wieder wird das Weibliche durch männliche Figuren bedroht, zum Verstummen gebracht und in den Untergang getrieben.


Rezeption

Bekannt wurde Bachmann einem größeren, überwiegend westdeutschen Publikum durch einen Artikel im Nachrichtenmagazin Der Spiegel im August 1954. Darin wurde sie als hochbegabte Dichterin und zugleich in ihrer „erotisierten Weiblichkeit" dargestellt. Nach den Gedichtbänden Die gestundete Zeit (1953) und Anrufung des Großen Bären (1956) galt sie als führende poetische Stimme ihrer Generation. Wegen des metaphorischen Stils konnten ihre Gedichte unterschiedlich gedeutet werden und von verschiedenen politischen Standpunkten Anerkennung finden. Als sie ihren Schwerpunkt Ende der 1950er Jahre von der Lyrik zur Prosa verlagerte, geriet das Bild der Kritik ins Wanken. Manche Kritiker, darunter Marcel Reich-Ranicki, hielten daran fest, dass ihre Genialität vor allem in der Lyrik zum Ausdruck komme. Dennoch verkaufte sich Das dreißigste Jahr (1961) besser als die Gedichtbände und stand auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

Als 1971 der Roman Malina erschien, wurden seine Konzentration auf das persönliche, weibliche Privatleben und der Verzicht auf gesellschaftliche Fragestellungen kontrovers diskutiert, ebenso die Erzählungen des Bandes Simultan (1972). Deren Aufnahme markiert einen Wendepunkt. Bachmann wurde nun, auch über ihren Tod hinaus, als Autorin gesehen, die in unterschiedlichen Gattungen Bedeutendes schuf. Die Werkausgabe in vier Bänden (1978) ermöglichte einen ersten Überblick über das Gesamtwerk und verlagerte die Schwerpunkte von der Lyrik zur Prosa. Parallel führte die Beschäftigung mit der Position der Frau im Patriarchat zur „Entdeckung der anderen (feministischen) Bachmann". Der Roman Malina galt als „Kultbuch". Ende der 1980er Jahre standen feministische Analysen im Zentrum der Forschung. Seit den 1990er Jahren kamen weitere Gender-Studies-Perspektiven und postkoloniale Ansätze hinzu. Die seit der Jahrtausendwende erschienenen Briefwechsel begünstigten eine Abkehr vom „tragischen Bachmannbild".

Auch in der Literatur wirkte sie nach. In Hans Weigels Roman Unvollendete Symphonie (1951) wurde sie erstmals zur Figur im Werk eines männlichen Autors. Auch Paul Celan und Max Frisch bezogen sie in ihr Werk ein. Nach ihrem Tod entstanden zahlreiche Bezüge, etwa Eine Reise nach Klagenfurt (1974) von Uwe Johnson sowie Werke Thomas Bernhards. Christa Wolf trug wesentlich zur Bachmann-Rezeption in der DDR und der BRD bei. Hingewiesen wurde auf die Verwandtschaft der Texte von Anne Duden und Bachmann. Im Werk der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek finden sich zahlreiche Bachmann-Bezüge. Die Deutsche Biographie würdigt sie als eine der führenden Autorinnen ihrer Generation in der deutschsprachigen Literatur nach 1945.

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