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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Hermann Bahr
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Porträt Hermann Bahr
Hermann Bahr
1863 – 1934
– Autorenporträt –

Hermann Bahr

1863 – 1934 · 70 Jahre

Geistreicher Wortführer der Kulturszene um die Jahrhundertwende, der den Naturalismus für überwunden erklärte und zeitlebens der jeweils nächsten Kunstströmung vorauseilte.

Kurzporträt

Als geistreicher Wortführer der literarischen Moderne prägte Hermann Bahr das Kulturleben des deutschsprachigen Raums um die Jahrhundertwende. Er wurde 1863 in Linz geboren und starb 1934 in München. Bekannt wurde er vor allem als Kritiker, Feuilletonist und Bühnenautor, der sich fast jeder neuen Kunstrichtung zuwandte – vom Naturalismus über die Wiener Moderne bis zum Expressionismus. Mit Schriften wie Die Überwindung des Naturalismus gab er ganzen Strömungen ihren Namen und ihr Schlagwort. Zeitgenossen sahen in ihm einen unermüdlichen Propheten des Neuen, der stets der jeweils kommenden Mode voraus war.


Biografie

Zur Welt kam Hermann Anastas Bahr in der Herrenstraße 12 in Linz, als Sohn des Rechtsanwalts, Notars und liberalen Landtagsabgeordneten Alois Bahr (1834–1898) und seiner Frau Wilhelmine, genannt Minna, geborene Weidlich (1836–1902). Er besuchte in Linz die Volksschule und vier Jahre lang das Akademische Gymnasium. Von November 1878 bis 1881 absolvierte er das Benediktiner-Gymnasium in Salzburg, das er als einer der herausragenden Schüler beendete. Seine Abschlussrede zum Thema Der Wert der Arbeit soll wegen ihrer sozialistischen Aussage einen kleinen Skandal ausgelöst haben.

Nach dem Umzug nach Wien begann Bahr ein Studium der Klassischen Philologie, wechselte aber schon nach wenigen Wochen zur Rechtswissenschaft. Er lernte Georg von Schönerer kennen und wurde in der Alldeutschen Bewegung aktiv. Wegen einer Rede beim deutschnationalen Trauerkommers für Richard Wagner, die das multinationale Österreich ablehnte, wurde er im März 1883 von der Universität Wien relegiert. Danach studierte er nur wenige Monate in Graz und in Czernowitz weiter. Im März 1884 schrieb er sich an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin ein, wo er Nationalökonomie bei Adolf Wagner und Gustav von Schmoller hörte und daneben Philosophie, Geschichte, Literatur und Kunstgeschichte besuchte. Ohne Abschluss verließ er 1887 Berlin, leistete ein Freiwilligenjahr beim 84. Linzer Regiment in Wien ab und reiste anschließend, von seinem Vater finanziert, nach Paris sowie nach Südfrankreich, Spanien und Marokko. Der Aufenthalt in Paris verstärkte sein Interesse an Literatur und Theater. Seine erste Sammlung mit Zeitungsarbeiten erschien im Herbst 1889 unter dem Titel Zur Kritik der Moderne, vordatiert auf 1890.

Im folgenden Jahrzehnt wurde Bahr zunehmend zum Propheten der Moderne. 1890 wurde er als Mitarbeiter der Zeitschrift Freie Bühne nach Berlin berufen. Als es ihm nicht gelang, Nachfolger von Otto Brahm zu werden, verließ er mit Arno Holz, Detlev von Liliencron und anderen Ende Juli 1890 die Redaktion. Wichtigster Verlag für seine Bücher wurde der S. Fischer Verlag in Berlin. Zurück in Wien schloss er Bekanntschaft mit Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Peter Altenberg und anderen. Diese neuen Tendenzen machte er unter dem Namen einer Bewegung Jung-Wiens bekannt und wurde selbst zu ihrem Sprachrohr. Ein Buch mit gesammelten Kritiken trug den programmatischen Titel Die Überwindung des Naturalismus (1891). Ab 1892 arbeitete er als Kulturredakteur und Theaterkritiker für die Deutsche Zeitung, wo er zum Mitherausgeber aufstieg. 1894 kündigte er dort und gründete mit Heinrich Kanner und Isidor Singer die Wochenschrift Die Zeit, deren Kulturteil er betreute. 1899 arbeitete er in der Folge für den Steyrermühl-Konzern und schrieb Theaterkritiken. Für die neugegründete Secession wurde er Berater und schrieb für ihre Zeitschrift Ver Sacrum. 1895 heiratete er die jüdische Schauspielerin Rosa Jokl (1871–1940); das Paar trennte sich nach fünf Jahren, die Scheidung erfolgte erst 1909.

Um 1899/1900 ließ sich Bahr vom Architekten Joseph Maria Olbrich das Haus Bahr in Ober Sankt Veit errichten. Er setzte sich publizistisch für Gustav Klimt ein. Als Lustspieldichter wurde er zunehmend erfolgreich; von seinen mehr als vierzig Stücken werden bis heute vor allem Wienerinnen (1900), Der Meister (1904) und Das Konzert (1909) gespielt und wurden mehrfach verfilmt. Max Reinhardt berief ihn an das Deutsche Theater in Berlin, wo er 1906/07 tätig war. Ab 1908 begann er mit Die Rahl eine Reihe österreichischer Romane. Österreich und der Katholizismus wurden zu den Themen seiner zweiten Lebenshälfte, sichtbar in Schriften wie Wien (1907), Austriaca (1911) und der viel gelesenen Dalmatinischen Reise (1909). Für die Neue Freie Presse schrieb er von 1907 bis 1932 Feuilletons. Zwei schwere Erkrankungen um die Jahreswechsel 1902/03 und 1903/04 führten ihn an den Rand des Todes; im Rückblick sah er darin den Beginn seiner Wende zum Glauben. Im Herbst 1904 begann seine Beziehung mit der Wagner-Sängerin Anna von Mildenburg, die er im August 1909 heiratete und die bis zu seinem Tod seine Gefährtin blieb.

Spätestens mit seinem fünfzigsten Geburtstag im Juli 1913 war Bahr ein Fixpunkt der deutschsprachigen Kulturszene, sein Höhepunkt aber überschritten. Ende 1912 zog er mit seiner Frau nach Schloss Arenberg in Salzburg. Er konvertierte zum katholischen Glauben und blieb ihm bis zum Lebensende treu; als katholischer Publizist schrieb er vor allem für Das Neue Reich und später für die Schönere Zukunft. Im Ersten Weltkrieg, von dem er wegen seines Alters ausgenommen war, blieb er lange von der Kriegsbegeisterung erfasst, wovon sein Buch Kriegssegen (1915) zeugt. Noch einmal erwies er sich als Theoretiker der Gegenwart, als er in Expressionismus (1916) der neuesten Kunstströmung gerecht zu werden versuchte. Von September 1918 bis ins Frühjahr 1919 wirkte er als erster Dramaturg am Wiener Burgtheater. 1922 übersiedelte er nach München, wo seine Frau 1920 eine Professur angenommen hatte, und blieb dort bis zu seinem Tod. 1927 wurde er in die Sektion für Dichtkunst an der Preußischen Akademie der Künste berufen. Zunehmend von Krankheiten und später Demenz geplagt, verlor er den Kontakt zu vielen Weggefährten. Am 15. Januar 1934 starb er in München.


Literarische Merkmale

Als Schriftsteller wechselte Bahr die Manier fast so oft wie die Kunstrichtung, für die er gerade eintrat. Nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie war seine Aufnahmefähigkeit stärker entwickelt als seine Schöpferkraft: Er fand Anschluss an fast jede literarische Strömung und überwand dabei stets seine früheren Anschauungen. In seinen Essays, so die NDB, konnten geistreiche Erkenntnisse und neue Ausblicke mit hausbackenen Gemeinplätzen zusammenstehen; der Instinkt des Literaturkritikers für das Werthafte sei nicht stark gewesen, wohl aber sein Gefühl für schauspielerische Talente.

Am glücklichsten war Bahr laut der Deutschen Biographie als Komödien- und Lustspielautor, wo er sich durch Meisterschaft im flüssigen Dialog bewährte. Seine Romane dagegen litten an schwacher Gestaltungskraft und seien vorwiegend blasse Gesprächsspiele um Zeitprobleme gewesen; dank ihres Schlüsselcharakters erzielten sie dennoch große Bucherfolge. In seinen oft blendend geschriebenen politischen und sozialen Aufsätzen bewies er nach demselben Urteil wenig Scharfblick.

Kennzeichnend blieb sein Selbstverständnis als Mann des Übermorgen. In seinem Selbstbildnis beschrieb er sich als einen intellektuellen „Herrn von Adabei“ und schrieb: „Ich habe fast jede geistige Mode dieser Zeit mitgemacht, aber vorher, nämlich als sie noch nicht Mode war. Wenn sie dann Mode wurde, nicht mehr.“ Diese Lust am Vorauseilen prägte sein ganzes Werk, vom krassen Naturalismus über Impressionismus, Symbolismus und Dekadenz bis zur Hinwendung zu Österreich, Barock und Katholizismus.


Rezeption

Durch seine kritischen Schriften war Bahr ein bedeutender Literatur- und Kulturtheoretiker der Jahrhundertwende und wesentlich an der Definition neuer Stilrichtungen beteiligt. Im Laufe seines Lebens verfasste er über vierzig Theaterstücke, neun Romane, rund vierzig Bände kritische Schriften sowie eine Autobiographie. Zu seinen bekanntesten Sätzen zählt das zum Schlagwort gewordene Wort aus Die Überwindung des Naturalismus: „Die Herrschaft des Naturalismus ist vorüber, seine Rolle ist ausgespielt, sein Zauber ist gebrochen.“ Auch die Texte Die Moderne, Der Symbolismus und Loris gelten als maßgeblich für die Literaturtheorie des Symbolismus.

Bahr stand mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit in Verbindung, in Wien unter anderem mit Schnitzler, Altenberg, Hofmannsthal, Mahler, Klimt und Stefan Zweig, in Deutschland mit Gerhart Hauptmann, Thomas und Heinrich Mann, Max Reinhardt und Otto Brahm, international mit Ibsen, Émile Zola, Eleonora Duse und George Bernard Shaw.

Ein wichtiger Grund für die häufig negative Bewertung Bahrs liegt in den Angriffen, die Karl Kraus in seiner Zeitschrift Die Fackel veröffentlichte und in denen er ihn abschätzig den „Herrn aus Linz“ nannte. In Kraus' Drama Die letzten Tage der Menschheit tritt Bahr als Figur auf. Auch Theodor Haecker polemisierte gegen ihn. Da der Streit um den Nachlass die Veröffentlichung seines Werks in den fünfzig Jahren nach seinem Tod fast zum Erliegen brachte, wurde das Urteil Kraus' oft unhinterfragt übernommen. Am längsten hielt sich seine Bedeutung am Theater. Erst in den 1990er Jahren intensivierte sich die Auseinandersetzung mit ihm wieder, parallel zur fünfbändigen Ausgabe seiner Tagebücher, Skizzenbücher und Notizhefte unter Moritz Csáky; dabei rückte seine Rolle als Vermittler der Moderne in den Vordergrund. Von 2009 bis 2012 legte ein Projekt der Universität Wien unter Leitung von Claus Pias seine wichtigsten kritischen Schriften wieder auf.

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