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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Der gute Gott von Manhattan
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Der gute Gott von Manhattan
1958
– Werkseintrag –

Der gute Gott von Manhattan

1958 · Drama

Ein Liebespaar mietet sich im New York der 1950er-Jahre in immer höhere Hotelzimmer ein – vom Erdgeschoss bis hinauf in den 57. Stock. Ein rätselhafter „guter Gott“ sieht in diesem grenzenlosen Glück eine Gefahr, die er nicht dulden will.

Überblick↑

Als letztes Hörspiel von Ingeborg Bachmann entstand Der gute Gott von Manhattan 1957. Am 29. Mai 1958 wurde es beim NDR in Hamburg und beim BR in München gesendet. Regie führte Fritz Schröder-Jahn, die Musik schrieb Peter Zwetkoff. Im selben Jahr erschien der Text im Druck bei Piper in München. 1959 erhielt die Produktion den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Im Mittelpunkt steht eine überschwängliche Liebe zwischen Mann und Frau, die in der kapitalistischen Welt von Manhattan mit dem Tod bestraft wird.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Vor Gericht steht an einem heißen Augusttag im New York der 1950er-Jahre ein alter Mann. Der Richter erkennt in dem Angeklagten den „guten Gott von Manhattan“. Verhandelt wird eine Bluttat, in die eine junge Studentin und ihr Geliebter verwickelt sind. Der gute Gott sieht sich nicht als Schuldigen, sondern als Zeugen, und er beginnt, dem Richter zu erzählen, wie alles kam.

So entsteht neben der Gerichtsszene eine zweite Ebene: die Geschichte zweier junger Menschen. Die Amerikanerin Jennifer spricht am Grand Central Bahnhof den fremden Europäer Jan an, und aus der zufälligen Begegnung wird eine Liebe, die immer heftiger wird. Die beiden wechseln von Hotel zu Hotel und mieten sich dabei in immer höheren Stockwerken ein – vom Erdgeschoss eines Stundenhotels bis hinauf in den 57. Stock –, bis sie hoch über der Stadt beinahe die Zeit anhalten möchten. Doch dem guten Gott ist ein solches Glück ein Dorn im Auge, denn er hält die Liebe für gefährlicher als jede Ketzerei. Das Hörspiel wechselt beständig zwischen dem Gerichtssaal und den Erinnerungen und führt so auf die Frage zu, wie weit ein Glück gehen darf, das sich um keine Ordnung schert.

Die Handlung im Detail↑

Das Geschehen verläuft auf zwei Ebenen, zwischen denen ständig gewechselt wird. Auf der äußeren Ebene läuft eine Gerichtsverhandlung: An einem heißen Augusttag der 1950er-Jahre steht in New York ein alter Mann vor dem Richter, in dem dieser den guten Gott von Manhattan erkennt. Der gute Gott hat die 23-jährige Studentin Jennifer getötet. Auf der inneren Ebene wird in Rückblenden die Vorgeschichte dieser Tat erzählt, und der allwissende gute Gott selbst tritt als ihr Erzähler auf. Er sieht sich nicht als Angeklagten, sondern als Kronzeugen und will dem Richter sagen, „wie es kam“.

Der gute Gott ist mit dem Ausgang unzufrieden. Seine Bombe sollte eigentlich auch Jan zerreißen, den Geliebten Jennifers. Doch der junge Europäer blieb unverletzt. Er wartete nicht einmal das Begräbnis der Geliebten ab, sondern nahm sein Schiff nach Cherbourg. Dabei hatte Jan geschworen, bei Jennifer zu bleiben und mit ihr zu leben und zu sterben.

In der Erzählung des guten Gottes beginnt alles am Grand Central Bahnhof. Dem Zug aus Boston entstiegen, sprach Jennifer den ortsfremden Jan an, gestand ihm, ihr gefielen Europäer, und bot ihm Hilfe an. Jan behauptete, er komme allein zurecht. Trotzdem nehmen die beiden im Erdgeschoss eines Stundenhotels das letzte freie Zimmer. Jan fordert Jennifer auf, sich auszuziehen. Bald verlassen sie das ungastliche Haus und wechseln das Hotel – und dabei geht es immer höher hinaus. Vom Parterre des Stundenhotels ziehen sie in ein Zimmer im 7. Stock des Atlantic Hotels, das allerdings nur auf den Hof blickt. Später steigen sie weiter auf, erst in den 30. Stock, schließlich in den 57. Stock mit Blick aufs Meer. Jan will Jennifer lieben, bis er alt und hinfällig ist. Jennifer hätte nie geglaubt, dass Liebe so ohnmächtig machen kann. Kinder wollen beide, und Jennifer möchte am liebsten die Zeit anhalten.

Ein solches Glück ist für den guten Gott, dem die Liebe schlimmer erscheint als Ketzerei, nicht hinnehmbar. Also muss das junge Paar „in die Luft fliegen“. Der Gott von Manhattan bringt persönlich eine Bombe vorbei, als Geschenk verpackt. Jennifer nimmt die tödliche Ladung dankend entgegen. Jan entgeht dem sicheren Tod nur durch Zufall: Er hat das Zimmer kurz verlassen, weil er ewig bei Jennifer bleiben will und dafür nur rasch seine Schiffskarte zurückgeben möchte. So überlebt er die Explosion, in der Jennifer stirbt – und reist doch nach Europa ab. Zwar hält der Richter am Ende die Anklage aufrecht, doch er schweigt. Er verurteilt den guten Gott nicht, der ja nur „die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ gesagt hat.

Stil↑

Das Werk ist auf zwei Ebenen gebaut, die einander unablässig ablösen. Die äußere Ebene ist der Gerichtssaal mit Richter und Angeklagtem, die innere die in Rückblenden erzählte Liebesgeschichte. Diese innere Handlung wird vom guten Gott selbst berichtet, einem allwissenden Erzähler, der zugleich Täter und Zeuge ist. Durch diesen ständigen Wechsel entsteht eine Spannung zwischen der nüchternen Verhandlung und der glühenden Erinnerung.

Der gute Gott ist keine Figur aus Fleisch und Blut im gewöhnlichen Sinn, sondern eine gleichnishafte Gestalt, in der sich eine ganze Ordnung verkörpert. Anschaulich wird das Geschehen vor allem durch das Bild des Aufstiegs: Das Liebespaar zieht von Hotel zu Hotel immer höher, vom Erdgeschoss bis in den 57. Stock mit Meerblick, und dieses Höhersteigen macht das Wachsen der Liebe sinnlich fassbar. Als Hörspiel lebt der Text ganz von der Sprache und der Musik. Die Sprache schwebt, wie es Werner Weber beschrieb, „zwischen Rapport und Singen“, also zwischen sachlichem Bericht und gehobenem, fast liedhaftem Ton.

Rezeption↑

Schon früh fand das Hörspiel breite Beachtung; die Bibliographie verzeichnet 41 Besprechungen. Die Produktion wurde 1959 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet. In der Deutung überwiegt die Frage, warum die Gesellschaft die Liebe nicht dulden kann. Christine Lubkoll verweist auf Horst-Günter Funke, nach dem die bürgerliche Ordnung grausam über die Liebe triumphiere. Peter Beicken sieht mehr darin, nämlich ein politisches Werk, das auch die „Einzelvernichtung“ des Menschen zum Thema mache.

Mehrere Ausleger lesen den Text als Absage an die kapitalistische Welt. Nach Bartsch ist die überschwängliche Liebe eine solche Absage an den Kapitalismus. Der gute Gott verteidigt seine Tat mit dem Argument, die Gesellschaft könne eine „absolute Liebe“ nicht ertragen, weil sie sich nicht bändigen lasse. Im Blick auf den Kalten Krieg wird betont, dass die Stabilität einer „vollständig verwalteten Gesellschaft“ durch eine solche brennende Liebe nicht bedroht werden dürfe. Deshalb erscheint der Mord als scheinbares Recht, und der Richter könne, wie Höller ausführt, gar nicht anders, als die Taten des Gottes gutzuheißen; der Titel erinnere ihn an Brechts Der gute Mensch von Sezuan.

Die Bewertung der Sprache fällt unterschiedlich aus. Golisch stößt sich am gelegentlichen Pathos, lobt aber Bachmanns Bemühen, gegen das Versinken des Einzelnen in einer „konformistischen Zwangsgemeinschaft“ anzuschreiben. Zugleich ist ihm der Gott als bombenlegender Krimineller zu einfach gedacht. Ein weiterer Deutungsstrang betont die Schuldfrage: Da nicht der Angeklagte, sondern das Opfer Jennifer zur Schuldigen erklärt werde, erhebe Bachmann Anklage gegen das Patriarchat.

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