1854
Der grüne Heinrich
Überblick↑
Mit dem Grünen Heinrich hat Gottfried Keller einen teilweise autobiografischen Roman vorgelegt, der heute neben Goethes Wilhelm Meister und Stifters Nachsommer zu den bedeutendsten Bildungsromanen der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts zählt. Das Werk erschien erstmals 1854/55 bei Vieweg in Braunschweig und liegt in zwei deutlich unterschiedlichen Fassungen vor, einer frühen von 1854/55 und einer spät überarbeiteten von 1879/80. 1993 wurde der Roman in der Schweiz verfilmt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird der Lebensweg eines jungen Mannes namens Heinrich Lee, der wegen seiner grünen Kleidung den Beinamen „der grüne Heinrich" trägt. Der Roman folgt seinem Werdegang von der Kindheit über die Jugend bis ins frühe Erwachsenenalter und zeigt, wie sich ein junger Mensch durch Schule, künstlerische Versuche und erste eigenständige Schritte ins Leben hineintastet.
Im Mittelpunkt steht Heinrichs Aufbruch aus der Schweiz nach München, wo er sich als Maler ausbilden lassen will. Der Roman verbindet diesen Lebensweg mit Erinnerungen an die Heimat, an Mutter und Jugendfreunde und an die ersten Erfahrungen mit der Liebe. Keller verwebt dabei eigene biografische Erfahrungen mit der Geschichte seines Helden.
Die beiden Fassungen unterscheiden sich auch im Aufbau: Die frühe Fassung von 1854/55 setzt mit dem achtzehnjährigen Heinrich auf dem Weg nach München ein und holt die Kindheit erst danach in einer eingefügten Jugendgeschichte nach. Die späte Fassung von 1879/80 erzählt das Leben durchgängig in chronologischer Folge.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman erzählt den Lebensweg Heinrich Lees, der wegen einer aus dem Stoff der väterlichen Uniformröcke geschneiderten grünen Kleidung „der grüne Heinrich" genannt wird. Keller stellt diesen Lebensweg als eine sinnvoll nacheinander zusammenhängende Entwicklung dar – eine Erzählform, die in der Forschung als „einsinnige Lebenskurve" bezeichnet wird.
Die erste Fassung von 1854/55 stellt die chronologische Reihenfolge dieser Lebenskurve um. Sie beginnt mit dem achtzehnjährigen Heinrich Lee, der nach München aufbricht, um dort Maler zu werden. Erst im Verlauf des Romans wird in einer eingefügten Jugendgeschichte rückblickend von seiner Kindheit und Jugend erzählt. Diese Aufbauform durchbricht die Chronologie und stellt die Münchner Künstlerjahre an den Anfang.
In der zweiten Fassung von 1879/80 hat Keller diese Umstellung aufgegeben. Hier wird die chronologische Reihenfolge der Handlungen durchgehend eingehalten: von der Kindheit über die Jugend bis zum Aufbruch nach München und den dort gemachten Erfahrungen. Erst in dieser späten Überarbeitung, so die Wikipedia-Darstellung, wird Keller der Aufbauform der einsinnigen Lebenskurve wirklich gerecht.
Beide Fassungen verbinden den Bildungsweg ihres Helden eng mit autobiografischem Material aus Kellers eigenem Leben.
Stil↑
Keller wählt die Form des Bildungs- und Entwicklungsromans und verbindet sie mit autobiografischen Zügen. Der Lebensweg seines Helden wird als „einsinnige Lebenskurve" angelegt, also als eine in sich folgerichtige, sinnhaft zusammenhängende Entwicklung.
Bemerkenswert ist, dass Keller diese Form in den beiden Fassungen unterschiedlich umsetzt: Die erste Fassung arbeitet mit einer eingeschobenen Jugendgeschichte und bricht damit die chronologische Folge auf, während die späte Fassung den Lebensgang von Anfang bis Ende in geradliniger Zeitfolge erzählt. Die Überarbeitung von 1879/80 bringt die gewählte Form und die erzählte Lebenslinie also erst in Übereinstimmung.
Rezeption↑
Der Grüne Heinrich gilt heute als einer der drei großen deutschsprachigen Bildungsromane des 19. Jahrhunderts, gemeinsam mit Goethes Wilhelm Meister und Stifters Nachsommer. Er wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen und 1993 in der Schweiz verfilmt.
Wie sehr der Roman ins kulturelle Gedächtnis eingegangen ist, zeigt eine ungewöhnliche Episode aus der DDR: 1981 wurde in Dresden-Gorbitz eine große Wohngebiets-Gaststätte mit 450 Plätzen nach dem Roman benannt. Sie bildete das Herz des neuen Plattenbau-Stadtteils Neu-Gorbitz, der für 45.000 Bewohner geplant war; die Grundsteinlegung der Gaststätte am 21. August 1981 war zugleich die Grundsteinlegung für das gesamte Wohngebiet. Als Namensgeber war Kellers Roman gewählt worden, weil eine nahe gelegene Gottfried-Keller-Straße durch die neue Siedlung überbaut wurde. Trotz des Einsatzes der Gorbitzer Bürgerinitiative um Mathias Körner wurde das Gebäude im August 2021 abgerissen, um einem Hochhaus Platz zu machen.
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