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Cover Kleider machen Leute
Kleider machen Leute
1874
– Werkseintrag –

Kleider machen Leute

1874 · Novelle

Ein armer Schneider, eine elegante Kutsche und ein ganzes Städtchen, das in ihm einen polnischen Grafen sehen will – Gottfried Kellers berühmte Novelle prüft mit Witz und feiner Ironie, was wirklich an einem Menschen zählt.

Überblick

Die Novelle Kleider machen Leute zählt zu den bekanntesten Erzählungen der deutschsprachigen Literatur. Gottfried Keller veröffentlichte sie 1874 im dritten Band der zweiten Auflage seiner Novellensammlung Die Leute von Seldwyla. Bis heute gilt sie als Musterbeispiel des poetischen Realismus. Sie hat zahlreiche Bühnen- und Filmadaptionen angeregt. Schon der Titel ist zum geflügelten Wort geworden.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein mittelloser, aber elegant gekleideter Schneidergeselle namens Wenzel Strapinski gelangt in das fremde Städtchen Goldach. Seine Erscheinung und der Umstand, dass er in einer Kutsche eintrifft, verleiten die Bürger zu einem folgenschweren Irrtum. Sie halten ihn für einen polnischen Grafen. Aus Schüchternheit versäumt der Schneider, die Verwechslung aufzuklären. Als er ihr entkommen will, tritt Nettchen, die Tochter des Amtsrates, in sein Leben. Die beiden verlieben sich.

Damit beginnt für den Schneider eine bedrängende Gratwanderung. Er gibt sich nie ausdrücklich als Graf aus. Doch er lässt die ihm zugeschriebene Rolle gewähren, weil er Nettchen nicht verlieren will. Die Geschichte spielt in den 1830er Jahren, in der Zeit nach dem missglückten polnischen Kadettenaufstand. Dieser Aufstand hatte viele junge Edelleute ins Exil getrieben. Dieser historische Hintergrund macht die Verwechslung erst plausibel. Wie lange das Missverständnis trägt und was geschieht, wenn die Wahrheit auf den Tisch kommt, bleibt der Lektüre vorbehalten.

Die Handlung im Detail

Wenzel Strapinski, ein armer Schneidergeselle, der trotz seiner Mittellosigkeit Wert auf gute Kleidung legt, kommt in das Städtchen Goldach. Seine elegante Erscheinung und die Tatsache, dass er mit einer Kutsche anreist, lassen die Einwohner einen vornehmen Reisenden in ihm vermuten: Man hält ihn für einen polnischen Grafen. Aus Schüchternheit bringt Strapinski es nicht über sich, das Missverständnis aufzuklären. Als er schließlich beschließt zu fliehen, betritt Nettchen, die Tochter des Amtsrates, den Schauplatz. Die beiden verlieben sich auf der Stelle ineinander, und Strapinski lässt sich darauf ein, die ihm aufgedrängte Grafenrolle weiterzuspielen. Er gibt sich allerdings zu keinem Zeitpunkt selbst als Graf aus – die Stadt erfindet ihn so, wie sie ihn sehen will.

Doch ein verschmähter Nebenbuhler durchschaut den vermeintlichen Hochstapler und sorgt dafür, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Ausgerechnet auf der Verlobungsfeier wird Strapinski entlarvt; es kommt zum Skandal. Beschämt flieht der Schneider in die Winternacht hinaus. Nettchen aber sucht und findet ihn, rettet ihn vor dem Erfrieren und stellt ihn im Haus einer Bäuerin zur Rede. In einem ehrlichen Gespräch erkennt sie, dass seine Liebe zu ihr aufrichtig ist; obendrein stellt sich heraus, dass die beiden sich bereits aus Kindertagen kennen.

Nettchen bekennt sich zu Strapinski und setzt die Heirat mit Hilfe eines Anwalts gegen den Widerstand ihres Vaters durch. Mit ihrem Erbe gründet der Schneider in der Nachbarstadt ein Atelier und bringt es dort zu Wohlstand und Ansehen. So bestätigt sich am Ende doch noch das Sprichwort, das der Novelle den Titel gab: Kleider machen Leute. Das Ehepaar kehrt schließlich nach Goldach zurück.

Stil

Die Novelle Kleider machen Leute gilt als Musterbeispiel des poetischen Realismus. Keller erzählt einen denkbar nüchternen Stoff: die Verwechslung eines armen Handwerksgesellen mit einem Grafen. Zugleich verleiht er ihm märchenhaften Glanz. Die Spannung der Novelle entsteht aus diesem Doppelblick. Der Erzähler beobachtet seine Figuren mit milder Ironie. Er lässt aber durchscheinen, dass hinter der bürgerlichen Komödie eine ernste Frage steht, wie weit der äußere Schein über den inneren Wert eines Menschen bestimmt. Das Sprichwort des Titels wird so nicht einfach bestätigt oder widerlegt, sondern auf die Probe gestellt.

Rezeption

Die Novelle Kleider machen Leute hat sich zu einer der populärsten Novellen der deutschsprachigen Literatur entwickelt. Die Geschichte ist mehrfach für Bühne und Leinwand bearbeitet worden und hat unter anderem Filme und Opern angeregt. Schon der Titel ist als geflügeltes Wort in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Er wird oft zitiert, ohne dass die Sprecher noch an Kellers Schneidergesellen denken. Im schulischen wie literarischen Kanon hat die Novelle ihren festen Platz als eines der zentralen Werke des poetischen Realismus behauptet.

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