1872
Kindertodtenlieder
Überblick↑
Mit den Kindertodtenlieder hat Friedrich Rückert eine der umfangreichsten Trauerdichtungen der deutschen Literatur geschaffen. Es sind 428 Gedichte. Er schrieb sie 1833 und 1834 nach dem Tod seiner beiden Kinder Luise und Ernst nieder. Veröffentlicht wurden die Verse erst lange nach ihrer Entstehung, im Jahr 1872. Bekannt wurden sie einem breiteren Publikum vor allem durch die Vertonung einer kleinen Auswahl durch Gustav Mahler. Hans Wollschläger nannte die Sammlung später „die größte Totenklage der Weltliteratur".
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Den Anlass für die Gedichte bildet ein Schicksalsschlag im Familienleben des Dichters. Innerhalb kurzer Zeit verlor Rückert zwei seiner Kinder. Aus dieser Erfahrung erwuchs kein einzelnes großes Klagegedicht, sondern ein weit verzweigter Zyklus von mehr als vierhundert Stücken. Die Gedichte umkreisen den Verlust in immer neuen Bildern und Tonlagen. Mal wendet sich der Vater unmittelbar an das verstorbene Kind. Mal beobachtet er den Garten, die Blumen, die Tages- und Nachtzeiten. Mal hält er inne und fragt nach dem Sinn des Geschehenen.
Es sind keine lauten Verzweiflungsausbrüche. Vielmehr halten die Verse einen leisen, fragenden Ton, in dem die Trauer ihre Form sucht. Wer die Gedichte liest, begegnet einer Sprache, die zwischen häuslicher Nähe und weit ausgreifender Bilderwelt schwankt. So wird das Kind etwa als „Schatten am Tage" und „Licht in der Nacht" angerufen.
Die Handlung im Detail↑
Der Hintergrund der Sammlung ist der Tod der beiden Kinder Luise und Ernst, die Rückert selbst „meine beiden liebsten und schönsten Kinder" nannte. Unter dem unmittelbaren Eindruck dieses Verlustes entstanden 1833 und 1834 die 428 Gedichte. Zu Lebzeiten des Dichters wurden nur wenige davon gedruckt; die Sammlung als Ganzes erschien 1872. Eine winzige Auswahl wurde später von Gustav Mahler vertont und auf diesem Weg weit über den literarischen Kreis hinaus bekannt.
Die Gedichte sind in Länge, Reimschema und Metrum sehr verschieden. Manche umfassen nur vier Verse, andere mehr als dreißig. Häufig kehren orientalisch inspirierte Wiederholungen von Reimen wieder. Im Mittelpunkt steht nicht ein erzählter Verlauf, sondern das immer erneute Umkreisen der Trauer. Der Dichter fragt nach dem Sinn des Schicksals, sucht nach Bildern für das Verlorene, hält an Erinnerungen fest. Von der Tochter Luise sagt er: „Sie ist nicht geblieben und hat mir fort genommen mein Wort" – sie war ihm vorausgegangen, ohne dass er ihr, wie er es versprochen hatte, folgen konnte.
In dem Gedicht Du bist ein Schatten am Tage ruft Rückert das verstorbene Kind in vier Strophen an. Es ist Schatten am Tag und Licht in der Nacht, es lebt in der Klage des Vaters fort und stirbt nicht in dessen Herzen. Wo er sein „Zelt aufschlägt", da wohnt es bei ihm. Wo er nach ihm fragt, findet er „Bericht". Das Gedicht ist formal mit dem Ghasel verwandt, einer Gedichtform der klassischen persischen Lyrik, die Rückert in die deutsche Literatur einführte. Die Schlussstrophe wiederholt scheinbar die erste, doch ist aus der Klage Trost geworden.
Ein anderes bekanntes Stück, Laßt im Grünen mich liegen, besteht aus zwölf Strophen, deren Schlussvers jedes Mal lautet: „Unter Blumen und Klee!" Hier wird das Gartenmotiv, das Leben und Sterben unter Blumen, zum tragenden Bild – ein Motiv, das in Rückerts Werk immer wieder auftaucht. Auch in Wie schön die Blumen blühn prägt die wiederholende Form das Gedicht: In jeder der fünf Strophen endet der erste Vers auf „-blühn", der dritte auf „Rose", der vierte auf „Moose". So entsteht ein liedhaftes Echo, das den Schmerz nicht auflöst, aber in eine kunstvolle Ordnung bringt. Annemarie Schimmel sieht im Tod der beiden Kinder das Ende der eigentlich schöpferischen Zeit Rückerts als Dichter.
Stil↑
Die 428 Gedichte sind formal außerordentlich vielgestaltig. Sie reichen von kurzen vierzeiligen Stücken bis zu Gedichten mit über dreißig Versen. Auch im Reimschema und im Metrum wechselt Rückert ständig. Auffällig ist die kunstvolle Wiederholung als Bauprinzip: Einzelne Reimwörter kehren in jeder Strophe an derselben Stelle wieder, ganze Verszeilen werden aufgenommen und leicht verändert, Anfangsstrophen klingen am Ende noch einmal an. Dieses Verfahren ist orientalisch inspiriert. Mit dem Ghasel führte Rückert eine Form der klassischen persischen Lyrik in die deutsche Dichtung ein. Ihre Prägung ist auch in den Kindertodtenlieder spürbar. Das zeigt sich nicht nur in der Wiederholungstechnik, sondern auch in einzelnen Bildern. Der „Schatten am Tage" steht im Orient für Schutz vor der Sonne, für Kühle und Ruhe. Das „Zelt" denkt die Heimat als beweglichen Ort.
Der Ton der Gedichte ist verhalten. Es sind keine Verzweiflungsausbrüche, sondern Seufzer, in denen nach dem Sinn des Schicksals gefragt wird. Häusliche Bilder wie Garten, Blumen, Klee, Tag und Nacht verbinden sich mit weit ausgreifenden Anrufungen des verstorbenen Kindes. Aus der Wiederholung erwächst nicht Eintönigkeit, sondern ein leiser Klangwechsel. Wo die ersten Strophen klagen, kann dieselbe Wortfolge am Ende wie Trost klingen.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten Rückerts blieben die Kindertodtenlieder weitgehend unveröffentlicht. Gedruckt wurden nur wenige der über vierhundert Gedichte. Erst die Gesamtausgabe von 1872 machte den Zyklus zugänglich. Seine größte Breitenwirkung verdankt die Sammlung der Vertonung einer kleinen Auswahl durch Gustav Mahler. Über die Musik fanden die Verse zu einem Publikum, das weit über die Leserschaft der Lyrik hinausreichte. Der Historiker und Schriftsteller Hans Wollschläger nannte die Kindertodtenlieder „die größte Totenklage der Weltliteratur". Die Orientalistin Annemarie Schimmel hat darauf hingewiesen, dass der Tod der beiden Kinder zugleich das Ende von Rückerts eigentlich schöpferischer Zeit als Dichter gewesen sei. Dieses Urteil unterstreicht den Rang dieser Verse und markiert sie zugleich als Wendepunkt seines Werks.
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