1788 – 1866
Friedrich Rückert
Kurzporträt↑
Friedrich Rückert war einer der vielseitigsten deutschen Dichter und Sprachgelehrten des 19. Jahrhunderts. Er gilt als einer der Begründer der deutschen Orientalistik. Er beschäftigte sich mit mehr als vierzig Sprachen und wurde dafür schon zu Lebzeiten als Sprachgenie gerühmt. Bekannt wurde er durch lyrische Zyklen wie den Liebesfrühling, die Östlichen Rosen und die Kindertodtenlieder. Diese wurden später teilweise von Gustav Mahler vertont. Ebenso bedeutend sind seine Übertragungen aus dem Arabischen, Persischen, Sanskrit, Hebräischen und Chinesischen. Mit ihnen erschloss er die Weltliteratur des Orients dem deutschen Lesepublikum. Zu seinem Freundeskreis zählten August von Platen, Friedrich von Schelling und der Universalgelehrte Johann Wilhelm Andreas Pfaff.
Biografie↑
Friedrich Rückert wurde am 16. Mai 1788 in Schweinfurt geboren. Sein Vater Johann Adam Rückert war Advokat, später bayerischer Amtmann und Rentbeamter. Die Mutter Maria Barbara stammte aus einer ebenfalls juristisch geprägten Familie. Von 1792 bis 1802 verlebte Friedrich seine Kindheit in der fränkischen Provinz, in Oberlauringen, wo der Vater als Amtmann tätig war. Nach eigener Aussage prägten ihn dort die Ortsgeistlichen nachhaltig. Spät hielt er diese Erfahrungen in den Kinderjahren eines Dorfamtmannsohns fest (1829, gedruckt 1837).
1805 begann er auf Wunsch des Vaters in Würzburg ein Studium der Rechtswissenschaften. Schon nach einem Semester wechselte er aber zur Philologie und Philosophie. Entscheidende Anregungen für seine Sprachstudien empfing er dort von Johann Jakob Wagner und Heinrich Voß dem Jüngeren. 1811 wurde er an der Universität Jena mit der Schrift De idea philologiae promoviert. Darin forderte er, wie die Deutsche Biographie ausführt, die Erhebung des Philologen in den Rang eines Philosophen und umriss damit sein künftiges Lebensprogramm. Es folgte eine kurze Tätigkeit als Dozent für Altphilologie in Jena (1811/12).
In den Jahren danach wurde Rückert durch Mäzene gefördert. Vor allem Christian Truchseß Freiherr von Wetzhausen ermöglichte ihm den Durchbruch im Literaturbetrieb. Er finanzierte die Deutschen Gedichte von 1814, die die Freiheitskriege besangen, und sorgte für Besprechungen in namhaften Blättern. Truchseß stellte auch den Kontakt zum Verleger Johann Friedrich von Cotta her. Cotta vertraute Rückert 1816/17 gemeinsam mit Friedrich Haug die Redaktion des „Morgenblattes" in Stuttgart an. Er ermöglichte ferner die Italienreise 1817/18. Auf dem Rückweg suchte Rückert zum Jahreswechsel 1818/19 in Wien den Orientalisten Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall auf, der ihn in die orientalischen Sprachen einführte.
1821 heiratete er in Coburg Luise Wiethaus-Fischer. Die Verlobungs- und Brautzeit verarbeitete er literarisch im Liebesfrühling (1821, gedruckt 1834). Die Familie wuchs schnell: Das Paar hatte sieben Söhne und drei Töchter, von denen einige früh starben. Den Unterhalt bestritt er anfangs aus den Einkünften der Östlichen Rosen (1819–21, gedruckt 1822) sowie aus Redaktionsarbeiten bei Almanachen und Taschenbüchern, etwa dem Frauentaschenbuch von 1822 bis 1825. Nach seiner gefeierten Übertragung der Makamen des Hariri (1823–25, gedruckt 1826) wurde Rückert 1826 zum ordentlichen Professor für Orientalische Sprachen in Erlangen berufen.
In Erlangen entstand in rascher Folge ein gewaltiges Werk an Übersetzungen und eigenen Dichtungen. Zwischen 1834 und 1838 stellte er seine Gesammelten Gedichte in sechs Bänden zusammen. Er veröffentlichte die Weisheit des Brahmanen (1835/36). Nach dem Verlust zweier Kinder im Jahr 1834 schuf er den mehr als 400 Gedichte umfassenden Zyklus der Kindertodtenlieder. Gegen Ende der 1830er Jahre arbeitete er auch an einer auszugsweisen Übertragung des Korans, die erst 1888 gedruckt wurde.
1841 nahm Rückert aus finanziellen Gründen einen Ruf an die Universität Berlin an. Die zahlreichen historischen Dramen aus den 1840er Jahren betrachtete er wohl als Vollendung seiner dichterischen Laufbahn. Ihre allgemeine Ablehnung verstärkte die schon seit Mitte der 1830er Jahre spürbare resignative Grundstimmung. 1848 zog er sich auf sein Landgut in Neuses bei Coburg zurück. Dort betrieb er bis ins hohe Alter seine Sprachstudien. Er verfasste rund 10.000, größtenteils unveröffentlichte Gedichte, die er sein Liedertagebuch nannte. Enttäuscht vom Verlauf der Revolution kommentierte er den Untergang seiner Epoche, kritisierte die Adelsgesellschaft und warnte vor den Gefahren der Industrialisierung.
Zu Lebzeiten wurde er mit dem bayerischen Michaelsorden I. Klasse (1838), dem Titel eines Regierungsrats (1841), dem Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste (1842) und dem bayerischen Maximiliansorden (1853) ausgezeichnet. 1865 wurde er Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Schweinfurt. Friedrich Rückert starb am 31. Januar 1866 in Neuses bei Coburg, wo er auch beigesetzt wurde.
Literarische Merkmale↑
Schon in seiner Dissertation De idea philologiae von 1811 hat Rückert programmatisch formuliert, was seinem ganzen Werk zugrunde liegen sollte: eine Dichtung, die laut der Deutschen Biographie "mittels einer mit den wiedervereinigenden Kräften der Gleichklänge ausgestatteten Poesie zur Idee der Sprache durchdringen soll". Sein Schreiben ist in einem doppelten Sinn Sprachdichtung. Zum einen sucht er den Klang, den Reim, das Spiel der Laute. Zum anderen versteht er das Dichten als Erkenntnisweg in das Wesen der Sprache selbst.
Charakteristisch ist die zyklische Anlage vieler Werke. Der Liebesfrühling, die Östlichen Rosen, die Weisheit des Brahmanen und die Kindertodtenlieder sind keine einzelnen Gedichte, sondern große Sammlungen, die ein Thema in vielen Variationen umkreisen. Allein die Kindertodtenlieder umfassen mehr als 400 Gedichte zum frühen Tod zweier seiner Kinder.
Eine zweite Säule seines Stils ist die Übertragung fremder Dichtung ins Deutsche. Aus dem Arabischen, Persischen, Sanskrit, Hebräischen und Chinesischen brachte er bedeutende Werke in deutsche Verse: etwa die Makamen des Hariri, Nal und Damajanti, Rostem und Suhrab, das Schi-King, Hamasa, Saadis Bostan und Firdosis Königsbuch. Diese Übertragungen waren nicht bloß philologisch genau, sondern poetisch eigenständig. Die Deutsche Biographie spricht im Fall der Makamen von einer "kongenialen Übertragung". Rückert nutzte die orientalische Formenwelt – Ghasel, Makame, Spruchgedicht – auch für eigene Schöpfungen und führte diese Formen in die deutsche Literatur ein.
In den späteren Jahren in Neuses trat zum lyrischen Werk eine zeitkritische Stimme. Sein Liedertagebuch kommentierte den Untergang seiner Epoche, kritisierte die Adelsgesellschaft und wies auf die Gefahren der Industrialisierung hin. Die historischen Dramen der 1840er Jahre blieben dagegen ohne Wirkung, etwa Saul und David, Herodes der Große, Kaiser Heinrich IV. und Cristofero Colombo.
Rezeption↑
Rückerts zeitgenössisches Ansehen war hoch. Er erhielt den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste, den bayerischen Maximiliansorden und 1865 das Kommandeurkreuz des Ordens Unserer Lieben Frau von Guadalupe. Schweinfurt machte ihn 1865 zum Ehrenbürger. Schon zu Lebzeiten wurde er in den Pegnesischen Blumenorden (1859) und das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt am Main (1863) aufgenommen.
In der Literaturwissenschaft wurde ihm allerdings "nie die ihm gebührende Würdigung" zuteil, so notiert die Neue Deutsche Biographie. Zwei Gründe nennt der Artikel. Der erste ist der immense Umfang seines Werks, der eine intensive Auseinandersetzung erschwere. Der zweite ist dessen Vielfalt, die einen breiten interdisziplinären Forschungsansatz erfordere. Hinzu kommt, dass ein Großteil seiner Schriften lange unveröffentlicht blieb – bis zur 1998 begonnenen historisch-kritischen Gesamtausgabe, der Schweinfurter Edition unter Hans Wollschläger und Rudolf Kreutner.
Eine eigene Wirkung entfaltete Rückert in der Musik. Gustav Mahler vertonte zwischen 1901 und 1904 Teile der Kindertodtenlieder und machte den Zyklus so einem breiten Publikum bekannt. Auch andere Komponisten griffen auf seine Lyrik zurück.
Die Erinnerung an Rückert wird heute durch zahlreiche Einrichtungen gepflegt. Ein Großteil seines Nachlasses liegt im Schweinfurter Stadtarchiv, der orientalistische Teil seit 1922 in der Universitäts- und Landesbibliothek Münster. Weitere Bestände finden sich in Berlin, Marbach, Weimar und Wien. Seit 1963 besteht in Schweinfurt die Rückert-Gesellschaft, seit 1997 die Rückert-Gedenkstätte in Neuses. Schweinfurt vergibt seit 1965 den Friedrich-Rückert-Preis, Coburg seit 2008 den Coburger Rückert-Preis. Schulen in Erlangen, Coburg, Berlin, Ebern und Düsseldorf tragen seinen Namen, ebenso Straßen in vielen Städten Deutschlands und darüber hinaus. Zum 150. Todestag im Jahr 2016 feierte Schweinfurt ihn unter dem Titel "Der Weltpoet. Rückertjahr 2016" mit Ausstellungen und Veranstaltungen.
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