1172 – 1216
Schota Rustaweli
Kurzbiografie↑
Als georgischer Dichter des Mittelalters ist Schota Rustaweli vor allem durch ein einziges Werk bekannt: das höfische Epos Der Recke im Tigerfell. Er lebte um 1200 am Hof der Königin Tamar von Georgien und diente ihr als Fürst und Finanzminister. Über sein Leben sind nur wenige Einzelheiten überliefert; selbst Geburts- und Todesdatum stehen nicht fest. In Georgien gilt er als Nationaldichter, sein Bild ziert den 100-Lari-Schein, und einer der größten Boulevards der Hauptstadt Tiflis trägt seinen Namen. Das Manuskript seines Epos wurde 2013 zum Weltdokumentenerbe erklärt.
Biografie↑
Über die Lebensdaten Rustawelis herrscht keine Klarheit. Die Angaben schwanken: Häufig wird die Geburt um 1160 oder 1172 angesetzt, der Tod um 1216 oder um 1220. Gesichert ist keines dieser Daten, denn schon in der älteren Überlieferung sind Geburts- und Todesjahr unbekannt. Als Geburtsort gilt Rustawi, als Sterbeort Jerusalem.
Sein Nachname verweist auf diesen Ort. Er bedeutet entweder „Eigentümer des Rustawi-Besitzes“ oder „aus Rustawi stammend“. Der Überlieferung nach verlor er als Kind beide Eltern und wuchs bei einem Onkel auf, der Mönch war.
Rustaweli war ein georgischer Fürst und stieg zum Finanzminister der Königin Tamar von Georgien auf. Er studierte Griechisch und nahm an den Feldzügen seiner Königin teil. Neben dem Staatsamt betätigte er sich als Philosoph und Astrologe. Sein Wissen war weit gespannt: In seiner Dichtung spiegeln sich chinesische, persische und klassisch-antike Philosophie. Platon, König David und Mohammed werden im Epos namentlich erwähnt.
Zwischen 1196 und 1207 entstand im königlichen Auftrag Der Recke im Tigerfell. Königin Tamar war von dem Werk begeistert und entlohnte den Dichter großzügig. Das Epos schildert Ritterlichkeit und Edelmut als Werte, die sich über Religion und Nation erheben. Es wurde Teil der georgischen Volksdichtung und über Jahrhunderte hinweg schriftlich wie mündlich von Generation zu Generation weitergegeben.
Sein späteres Leben führte ihn nach Jerusalem. Dort ließ er die Säulen im georgischen Kreuzkloster renovieren. Einer Erzählung zufolge war er ein Liebhaber der Königin Tamar und wurde nach Jerusalem ins Exil geschickt, als sie David Soslan heiratete; belegt ist das nicht. Begraben wurde er unter einer Säule in der Kirche des Jerusalemer Kreuzklosters. Dasselbe Kloster bewahrt ein zeitgenössisches Fresko auf, das neben zwei Heiligen eine weitere Figur zeigt, bei der es sich vermutlich um Rustaweli handelt. Im Juli 2004 wurde dieses Fresko durch Vandalismus mehrfach schwer beschädigt.
Ungeklärt bleibt sogar der Titel seines Werkes. Ob die Fellkleidung des Helden von einem Tiger, einem Panther oder einem Pardel stammt, lässt sich nicht mehr entscheiden, weil unbekannt ist, was Rustaweli und seine Zeitgenossen unter dem Wort „wepchi“ verstanden. Die deutschen Übersetzungen tragen deshalb nebeneinander die Titel Der Recke im Tigerfell, Der Mann im Pantherfell und Der Held im Pardelfell.
Literarische Merkmale↑
Höfische Dichtung im Versmaß des Epos ist Rustawelis Form. Sein Werk verbindet Bildung aus mehreren Kulturkreisen: Chinesische, persische und klassisch-antike Philosophie klingen darin an, Platon, König David und Mohammed werden namentlich genannt. Im Mittelpunkt stehen Ritterlichkeit und Edelmut als Tugenden, die über Grenzen von Religion und Nation hinausreichen. Diese Weite der Gesinnung machte das Epos anschlussfähig für ganz unterschiedliche Leser und trug dazu bei, dass es in die Volksdichtung überging.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten fand Rustawelis Epos die Anerkennung der Auftraggeberin: Königin Tamar entlohnte ihn großzügig. Über Jahrhunderte wurde das Werk in Georgien schriftlich und mündlich weitergegeben und wurde so Teil der Volksdichtung. 2013 erklärte man das Manuskript zum Weltdokumentenerbe.
In Georgien ist sein Name allgegenwärtig. Der Präsident verleiht den Schota-Rustaweli-Staatspreis als höchste staatliche Auszeichnung für Literatur, Kunst und Architektur; er ist mit 8.000 georgischen Lari dotiert. Nach dem Dichter benannt sind einer der größten Boulevards von Tiflis samt Metro-Station, das Staatliche Akademische Theater, die Staatliche Universität in Batumi und das Institut für georgische Literatur der Georgischen Akademie der Wissenschaften. Sein Porträt erscheint auf der Vorderseite des 100-Lari-Geldscheins. Auch ein 4.860 Meter hoher Gipfel im Großen Kaukasus, der Asteroid (1171) Rusthawelia und ein Krater auf dem Merkur tragen seinen Namen. In Taschkent steht ein Rustaweli-Denkmal.
Im deutschen Sprachraum ist sein Werk seit dem späten 19. Jahrhundert bekannt. Die erste Übertragung ins Deutsche stammt von Arthur Leist und erschien unter dem Titel Der Mann im Tigerfelle. Seither ist das Epos in vielen Gestalten erschienen: als Versdichtung, als Nacherzählung, als Kinderbuch, oft über Zwischenübersetzungen aus dem Russischen. Als dem Original am nächsten kommend gelten die Nachdichtungen von Hugo Huppert und von Marie Prittwitz. Die Fassung von Prittwitz stammt aus den 1940er Jahren und wurde erst 2005 wiederentdeckt. Eine ausführliche Nacherzählung legte Ruth Neukomm aus dem Georgischen vor. 1966 würdigte eine Gedächtnisausstellung in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg den Dichter.
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