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Werkseintrag · Der Recke im Tigerfell
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Der Recke im Tigerfell
1200
– Werkseintrag –

Der Recke im Tigerfell

1200 · Epik

Zwei Liebespaare, drei Freunde und eine Suche quer durch die Länder: Georgiens mittelalterliches Nationalepos erzählt von Ritterlichkeit und Edelmut, die über alle Grenzen von Glauben und Herkunft hinweggehen.

Überblick↑

Das Werk Der Recke im Tigerfell gilt als das Nationalepos Georgiens. Schota Rustaweli verfasste es zwischen 1196 und 1207 auf Geheiß der Königin Tamar von Georgien. Der georgische Titel Wepchisstqaossani bedeutet wörtlich „Der mit dem Wepchi-Fell“; ob dieses Fell einem Tiger oder einem Panther gehört, ist unter Sprachforschern bis heute umstritten. Gemeint ist damit ein Mann, der ganz in seine Leidenschaften eingehüllt ist. Im Jahr 2013 wurde das Epos zum Weltdokumentenerbe erklärt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Erzählt wird die Geschichte zweier Liebespaare. Auf der einen Seite stehen die arabische Prinzessin Thinathin und der georgische General Awthandil. Auf der anderen Seite die indische Prinzessin Nestan Daredschan und der georgische Prinz Tariel, der Recke im Tigerfell. Beide Paare dürfen erst zusammenfinden, wenn die Männer sich durch besondere Taten bewährt haben.

Awthandil bekommt die Aufgabe, den geheimnisvollen Tariel aufzuspüren. Tariel wiederum sucht seine verschwundene Geliebte Nestan Daredschan, die in fremder Gewalt festgehalten wird. Aus dieser doppelten Suche erwächst eine Freundschaft, zu der später der persische Prinz Fridon stößt. Das Epos umfasst je nach überliefernder Handschrift 1.550 bis 1.700 Strophen in 57 Kapiteln. Es erzählt von Ritterlichkeit und Edelmut, die sich über die Grenzen von Religion und Nation erheben.

Die Handlung im Detail↑

Im Mittelpunkt stehen zwei Paare, deren Glück aneinander gebunden ist: die arabische Prinzessin Thinathin und der georgische General Awthandil sowie die indische Prinzessin Nestan Daredschan und der georgische Prinz Tariel. Awthandil muss Tariel finden, Tariel muss Nestan Daredschan finden und befreien. Erst danach dürfen beide Männer heiraten.

Eine der eindrücklichsten Szenen ist die Wiederbegegnung der beiden Freunde. Nach dreitägigem Ritt entdeckt Awthandil am Rand eines Dickichts zunächst ein schwarzes Pferd. Kurz darauf erblickt er Tariel und erschrickt: Der Freund sitzt bewusstlos am Boden, das Gesicht zerkratzt, das Haar zerrauft. Neben ihm liegen ein erschlagener Tiger, ein blutverschmiertes Schwert und ein toter Panther. Awthandil versucht, Tariel aus seiner Schwermut zu reißen und ihn vom Selbstmord abzuhalten, doch zunächst vergeblich. Erst als er ihn bittet, auf sein Pferd zu steigen, gehorcht Tariel. Auf dem gemeinsamen Ritt verfliegt die Trauer.

Den Höhepunkt bildet die Einnahme von Schloss Kadschethi, wo Nestan Daredschan gefangen gehalten wird. Awthandil, Tariel und der persische Prinz Fridon erreichen die Festung mit einer Hilfstruppe von dreihundert Mann und beraten das Vorgehen. Fridon, stolz auf seine akrobatischen Fähigkeiten, will ein Lasso über den Schlossturm werfen und die Burg über das gespannte Seil erobern. Awthandil möchte allein und als reisender Kaufmann verkleidet den Kampf im Innern führen. Das verletzt Tariels Ehrgefühl, denn er könnte es nicht ertragen, von seiner Geliebten als Untätiger entdeckt zu werden. Am Ende setzt sich sein Vorschlag durch: Jeder der drei übernimmt hundert Mann, gemeinsam wird gestürmt.

Als Reisende verkleidet betreten sie das Schloss im Morgengrauen, richten unter der Besatzung ein Blutbad an und befreien Nestan Daredschan. Die Heldentaten gelingen mit Fridons Hilfe. Die drei jungen Männer halten zusammen und führen ihre Frauen und ihre Länder einer Epoche des Wohlstands entgegen.

Stil↑

Angeregt wurde das Epos vom persischen Nationalepos Schahname und von weiteren persischen Ritterepen. Es ist in Strophen gefasst und in 57 Kapitel gegliedert, wobei der Umfang je nach Handschrift zwischen etwa 1.550 und 1.700 Strophen schwankt. Diese Schwankung hat einen Grund: Der Text wurde in Georgien bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts mündlich von Generation zu Generation weitergegeben, und die Erzähler dichteten dabei immer neue Strophen hinzu.

Der Titel selbst ist ein Bild: Der Mann im Fell des Raubtiers ist ein Mann, der in seine Leidenschaften eingehüllt ist. Ritterlichkeit und Edelmut stehen im Zentrum, und sie gelten über die Grenzen von Religion und Nation hinweg. Sprachlich bereitet der Text georgischen Lesern bis heute keine großen Schwierigkeiten, weil sich das Georgische nicht so weit von seiner mittelalterlichen Form entfernt hat wie etwa das Deutsche vom Mittelhochdeutschen.

Rezeption↑

Kaum ein anderes Werk hat sich so tief in die georgische Kultur eingeschrieben. Die Namen der Helden wurden jahrhundertelang als Vornamen weitergegeben: Fünf georgische Königinnen trugen den Namen Nestan Daredschan, mindestens acht den Namen Thinathin. Das Epos wurde Teil der georgischen Volksdichtung.

Seit dem 15. Jahrhundert wurde der Text in verschiedenen Fassungen niedergeschrieben. Die älteste erhaltene Handschrift stammt aus dem 17. Jahrhundert. Im Jahr 1712 erschien das Epos im Auftrag König Wachtangs VI. erstmals im Druck. Der König bemühte sich darum, die ursprüngliche Fassung wiederherzustellen, und versah sie mit einem Kommentar.

Bis heute ist das Poem in Georgien Schulstoff und in zahlreichen Ausgaben verbreitet. Für die georgische Literatur bleibt es ein Orientierungspunkt: Anfang des 21. Jahrhunderts zitierten es Naira Gelaschwili und Lascha Bugadse in ihren Romanen. Auch international fand das Werk Verbreitung und wurde in viele Sprachen übersetzt. Die erste vollständige deutsche Übersetzung legte Arthur Leist 1889 unter dem Titel Der Mann im Tigerfelle vor; vier weitere deutsche Übersetzungen folgten, darunter die Nachdichtungen von Hugo Huppert, Hermann Buddensieg und Marie Prittwitz. In der westlichen Literatur wird meist nach der Strophenzählung der englischen Übersetzung von Marjory Scott Wardrop zitiert. Der Komponist Aleksi Matschawariani gestaltete den Stoff 1974 zu einem Ballett in zwei Akten. Die Aufnahme in das Weltdokumentenerbe im Jahr 2013 bestätigte den Rang des Werks über Georgien hinaus.

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