Der Rattenfänger von Hameln
Überblick↑
Die Sage vom Rattenfänger von Hameln gehört zu den bekanntesten Volkserzählungen deutscher Sprache. Sie ist in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. Schätzungsweise über eine Milliarde Menschen weltweit kennen sie. In Japan und in den Vereinigten Staaten gehört sie regelmäßig zum Schulstoff. Seit Dezember 2014 zählt die Sage zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Die heute geläufige Fassung verdankt sich vor allem den Brüdern Grimm. Sie nahmen den Stoff 1816 in ihre Deutsche Sagen auf. Auch Achim von Arnim und Johann Wolfgang von Goethe haben sich in eigenen Texten mit ihm beschäftigt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Jahr 1284 leidet die Stadt Hameln an der Weser unter einer schweren Rattenplage. Eines Tages erscheint ein fremder Mann in einem auffälligen, vielfarbigen Obergewand. Er gibt sich als Rattenfänger aus und verspricht den Bürgern, sie gegen Bezahlung von der Plage zu befreien. Die Stadt nimmt das Angebot an und sagt ihm seinen Lohn zu. Mit einer kleinen Pfeife geht der Fremde ans Werk. Damit beginnt eine Geschichte, in der bald nicht mehr nur die Ratten der Stadt eine Rolle spielen, sondern auch ein Tag, an dem die Erwachsenen Hamelns in der Kirche versammelt sind.
Die Handlung im Detail↑
Im Jahr 1284 erscheint zu Hameln ein wunderlicher Mann mit einem Obergewand aus vielfarbigem, buntem Tuch. Er gibt sich als Rattenfänger aus und verspricht, gegen einen festgesetzten Lohn die Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien. Da Hameln zu dieser Zeit unter einer großen Rattenplage leidet, der die Bürger selbst nicht Herr werden, nehmen sie das Angebot an und sagen ihm den Lohn zu.
Der Rattenfänger zieht eine Pfeife heraus und spielt eine Melodie. Aus allen Häusern kommen Ratten und Mäuse hervorgekrochen und sammeln sich um ihn. Als er sicher ist, dass keine zurückgeblieben ist, geht er aus der Stadt hinaus zur Weser; der ganze Haufen folgt ihm, stürzt ins Wasser und ertrinkt. Sehen die Bürger sich nun von der Plage befreit, bereuen sie ihr Versprechen und verweigern dem Mann den vereinbarten Lohn. Zornig und erbittert verlässt er die Stadt.
Am 26. Juni, dem Tag der Heiligen Johannes und Paulus, kehrt der Fremde zurück, nun in Gestalt eines Jägers mit schrecklichem Antlitz und einem roten, wunderlichen Hut. Während alle Erwachsenen in der Kirche versammelt sind, lässt er seine Pfeife abermals in den Gassen ertönen. Diesmal kommen nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mädchen vom vierten Lebensjahr an, in großer Zahl gelaufen. Spielend führt er sie zum Ostertor hinaus in einen Berg, wo er mit ihnen verschwindet.
Nur drei Kinder entgehen dem Geschehen: Zwei haben sich verspätet und kehren zurück, doch das eine ist blind und kann den Ort nicht zeigen, das andere stumm und kann nicht erzählen. Ein Knabe hatte umgekehrt, um sein Obergewand zu holen, und blieb so verschont. Einige berichten später, die Kinder seien durch eine Höhle bis nach Siebenbürgen gezogen. Insgesamt verschwinden hundertdreißig Kinder; sie sind nie wieder gesehen worden.
Ältere Schichten der Überlieferung kennen weder den Rattenfänger noch die geprellte Bezahlung. Die früheste Erwähnung aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts berichtet lediglich von einem gutaussehenden jungen Mann in bewundernswerter Kleidung, der mit einer ungewöhnlich geformten Silberpfeife Kinder aus Hameln lockt. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts erscheint an seiner Stelle der Teufel. Erst 1565 verbindet sich der aus Süddeutschland stammende Erzählstrang von der Rattenvertreibung mit der älteren Kinderauszugssage zu jener Geschichte, die seither weltweit erzählt wird.
Stil↑
Die Sage lebt von knapper, anschaulicher Erzählweise und einer klaren Doppelstruktur. Auf den Pakt zwischen Stadt und Fremdem folgt der Bruch, auf den Bruch die Rache. Datum, Ort und Zahl der Kinder werden mit der Genauigkeit einer Chronik genannt: das Jahr 1284, der 26. Juni, das Ostertor, die hundertdreißig Kinder. Die Person des Fremden zerfällt dagegen in zwei stark bildhafte Auftritte. Erst zeigt sich das vielfarbige, bunte Obergewand des Pfeifers, dann der rote Hut und das schreckliche Angesicht des Jägers. Das wiederkehrende Motiv der Pfeife verbindet beide Auftritte und gibt der Erzählung ihren musikalischen Grundton. Die Brüder Grimm halten den Ton bewusst nüchtern und sachlich. Die unheimliche Wirkung entsteht nicht aus Ausschmückung, sondern aus der Kürze und der unerklärten Lücke, die das Verschwinden hinterlässt.
Rezeption↑
Die älteste schriftliche Spur der Erzählung findet sich um 1430/50 als lateinischer Nachtrag zu einer Lüneburger Handschrift. Gedruckt erscheint die Sage erstmals 1556 bei Jobus Fincelius. Im 16. Jahrhundert greifen sie unter anderem Kaspar Goltwurm, Froben Christoph von Zimmern, Johann Weyer, Andreas Hondorff, Lucas Lossius, Heinrich Bünting und Georg Rollenhagen auf. 1572 stiftet der Hamelner Bürgermeister Friedrich Poppendieck ein Glasfenster für die Marktkirche mit einer Darstellung des Pfeifers. Im 17. Jahrhundert sorgt der Jesuit Athanasius Kircher für eine erste große Verbreitung über den deutschen Sprachraum hinaus. Er reist eigens nach Hameln und nimmt das Motiv auch in sein Musikwerk Musurgia universalis von 1650 auf. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts trägt der Geograph Johann Gottfried Gregorii die Sage in seinen populären Geographiebüchern weiter.
Auf diesen Überlieferungssträngen bauen Achim von Arnim, Jacob Grimm und Johann Wolfgang von Goethe auf, als sie ein Jahrhundert später eigene Fassungen verfassen. Mit der Aufnahme in die Deutsche Sagen der Brüder Grimm 1816 wird die Geschichte zur weltweit bekannten Erzählung. Sie ist heute in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. In Japan und in den Vereinigten Staaten gehört sie zum Schulstoff. Die Stadt Hameln vergibt seit 1984 den Rattenfänger-Literaturpreis für phantastische Kinder- und Jugendliteratur. Auch er gehört zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO, ebenso wie die Sage selbst seit Dezember 2014. Die Wirkungsgeschichte reicht bis in moderne Adaptionen wie den Animationsfilm Der Rattenfänger von Hameln von Jiří Barta aus dem Jahr 1985.
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