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Der Rabe
1845
– Werkseintrag –

Der Rabe

1845 · Lyrik

Ein nächtlicher Besuch, ein einziges Wort – Poes Gedicht macht aus dem Krächzen eines Raben das berühmteste „Nimmermehr" der Weltliteratur.

Überblick

Der Roman... nein. Der Rabe ist ein erzählendes Gedicht von Edgar Allan Poe. Es erschien am 29. Januar 1845 erstmals in der New Yorker Zeitung Evening Mirror. In 18 Strophen und 108 Versen schildert es den mitternächtlichen Besuch eines Raben bei einem Mann. Dieser Mann trauert um seine verstorbene Geliebte Lenore. Das Werk gilt als eines der berühmtesten Gedichte der US-amerikanischen Literatur. Mit dem Refrain „Nimmermehr" („Nevermore") prägte es die Literatur- und Popkultur bis heute.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein junger Mann sitzt in einer düsteren Mitternachtsstunde über alten Büchern. Er versucht, sich von seiner Trauer um die verstorbene Geliebte Lenore abzulenken. Trost sucht er in der Lektüre seltsamer, vielleicht okkulter Schriften. Das verglimmende Kaminfeuer und das Rascheln der Vorhänge versetzen ihn in zunehmende Unruhe.

Plötzlich hört er ein leises Klopfen. Vor der Tür steht niemand. Kurz darauf klopft es erneut, diesmal am Fenster. Als er öffnet, fliegt ein stattlicher Rabe herein und setzt sich auf die Büste der Pallas Athene über der Tür. Der Mann beginnt, mit dem Vogel zu sprechen. Der Rabe antwortet auf jede Frage mit demselben einzigen Wort: „Nimmermehr". Was wie ein skurriler Zufall beginnt, entwickelt sich rasch zu einem quälenden Zwiegespräch. Der Trauernde stellt immer drängendere Fragen – Fragen nach Trost, nach Erlösung, nach einem Wiedersehen mit der Toten.

Die Handlung im Detail

Der lyrische Erzähler ist eines Nachts beim Lesen dem Schlaf schon nahe, als ein sanftes Klopfen an der Tür ihn aufschreckt. Vom Tod seiner Geliebten Lenore tief getroffen, hat er Trost in der Lektüre seltsamer, möglicherweise okkulter Bücher gesucht, die seine ohnehin gereizten Nerven weiter angespannt haben. Das Verglimmen des Kaminfeuers und das Rascheln der Gardinen beschleunigen seinen Herzschlag. Um sich zu beruhigen, redet er sich ein, das Klopfen stamme nur von einem späten Besucher.

Doch als er die Tür öffnet, steht dort niemand. Der Verlust der Geliebten und die unheimlichen Lektüren wecken in ihm die irrationale Hoffnung, das Klopfen könnte von Lenore selbst kommen. Als er ins Zimmer zurückkehrt, klopft es erneut, diesmal am Fenster. Er öffnet, und ein stattlicher Rabe fliegt herein und setzt sich auf die Büste der Pallas Athene.

Der Erzähler fragt den Vogel nach seinem Namen. Der Rabe krächzt „Nimmermehr" (im Original „Nevermore"). Der Mann grübelt, unter welchen Umständen das Tier dieses eine Wort gelernt haben mag und was es bedeuten könnte. Als er sich selbst leise zumurmelt, er müsse Lenore vergessen, antwortet der Rabe ungefragt erneut „Nimmermehr". Das treibt den Erzähler an, weitere Fragen zu stellen: Ob es für seine Seele Linderung gebe und ob er Lenore im Himmel wiedersehen werde. Beides beantwortet der Rabe mit dem gleichen Wort.

Vollkommen außer sich fordert der Mann den Vogel auf, ihn zu verlassen – wieder erfolgt nur die gewohnte Antwort, und der Rabe weicht nicht von der Büste. Das Gedicht endet damit, dass die Seele des Erzählers in dem Schatten liegt, den der Rabe auf den Boden wirft, und von dort nimmermehr aufsteigen wird.

Stil

Das Gedicht ist in 18 Strophen zu je sechs Versen aufgebaut, insgesamt 108 Verse. Tragendes Mittel ist der wiederkehrende Refrain „Nevermore". Er schließt jede Strophe ab und wiegt mit jeder Wiederholung schwerer. Poe setzt auf einen stark rhythmischen, fast hypnotischen Klang. Erzeugt wird dieser durch Binnenreime, Stabreime und ein dichtes Lautmalereinetz: das Rascheln der Vorhänge, das Klopfen an der Tür, das Krächzen des Vogels.

Die Sprache ist gehoben und altertümlich gefärbt. Der Ton schwankt zwischen wissenschaftlich-grübelnder Selbstbeobachtung und beschwörender Klage. Die Szenerie verdichtet sich zu einem geschlossenen, traumartigen Bühnenraum: Mitternacht, sterbendes Kaminfeuer, einsame Kammer, Büste der Pallas Athene. So entsteht ein langsam anschwellender Sog. Er macht den seelischen Absturz des Erzählers Schritt für Schritt hörbar.

Rezeption

Das Gedicht Der Rabe wurde rasch zu einem der bekanntesten Gedichte der US-amerikanischen Literatur. Seither ist es in Belletristik, Film, Musik, Spielen und sogar im Sport vielfach aufgegriffen worden.

In der Belletristik nennt Onno Quist in Harry Mulischs Roman Die Entdeckung des Himmels seinen Raben Edgar. In Neil Gaimans American Gods antwortet einer der Raben Odins auf die Aufforderung, „Nevermore" zu sagen, mit einer derben Abfuhr. Terry Pratchetts Sprach, der Rabe auf der Scheibenwelt weigert sich, „das N-Wort" auszusprechen. Der Rabe Mortimer aus Joan Aikens Buchreihe mit Arabel und Mortimer (ab 1972) sagt ausschließlich „Niemals mehr". In den deutschen Donald-Duck-Comics heißt der Rabe der Hexe Gundel Gaukeley in Anlehnung an Poe „Nimmermehr". Auch Yasmina Reza zitiert das Gedicht in ihrem Roman Serge. Der Kabarettist Michael Feindler parodierte es als Die Elster mit dem Refrain „immer mehr".

Im Film entstand 1935 unter der Regie von Lew Landers The Raven mit Bela Lugosi und Boris Karloff. Dieser enthält allerdings nur Anspielungen auf Poe. 1963 verfilmte der B-Film-Regisseur Roger Corman den Stoff als absurde Fantasy-Komödie Der Rabe – Duell der Zauberer mit Vincent Price, Peter Lorre, Boris Karloff und einem jungen Jack Nicholson. 1999 schuf Hannes Rall den deutschen Zeichentrick-Kurzfilm Der Rabe. Die Coen-Brüder zogen das Gedicht als roten Faden durch Ladykillers. In der ersten Treehouse of Horror-Episode der Simpsons trägt Homer als Erzähler das Gedicht vor, im Original gesprochen von James Earl Jones, während Bart den Raben spielt. Weitere Bezüge finden sich in The Crow – Die Krähe, in Jacques Rivettes Die Geschichte von Marie und Julien, in der Serie The Munsters, in Tim Burtons Kurzfilm Vincent (1982) und in Dead Zone nach Stephen King. 2012 entstand mit The Raven – Prophet des Teufels unter der Regie von James McTeigue eine fiktionale Erzählung um Poes letzte Tage, mit John Cusack in der Hauptrolle.

In der Musik vertonte vermutlich der polnische Komponist Eugeniusz Morawski-Dąbrowa das Gedicht 1911 als erster unter dem Titel Nevermore. Das Orchesterwerk wurde 1924 in Warschau uraufgeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste es rekonstruiert werden, weil Teile der Originalpartitur 1944 bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes verbrannt waren. Weitere Vertonungen lieferten The Alan Parsons Project auf Tales of Mystery and Imagination, die Gruppe Omnia, außerdem Gregorian, Lou Reed, Grave Digger, Rotting Christ, Tristania, der Hardstyle-DJ Pavo, die Schweizer Folk-Metal-Band Eluveitie sowie der japanische Komponist Toshio Hosokawa. Dessen Monodram wurde 2012 in Brüssel und Luxemburg uraufgeführt. Auch die Einstürzenden Neubauten greifen den Stoff auf ihrem 2024 erschienenen Doppelalbum Rampen: apm (alien pop music) auf.

Das Videospiel Eternal Darkness: Sanity's Requiem von 2002 beginnt mit einem Zitat aus der fünften Strophe. In der National Football League trägt die Mannschaft aus Baltimore seit ihrer Gründung am 29. März 1996 den Namen Baltimore Ravens. Der Name ehrt den in Baltimore gestorbenen Edgar Allan Poe und sein Gedicht. Bis zum Ende der Saison 2008 hießen die kostümierten Maskottchen Edgar, Allan und Poe.

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