Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Der Prophet
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Cover Der Prophet
Der Prophet
1923
– Werkseintrag –

Der Prophet

1923 · Lyrik

Ein Prophet steht am Hafen, das Schiff in die Heimat liegt bereit – und bevor er geht, bitten ihn die Menschen der Stadt um Antworten auf die großen Fragen des Lebens.

Überblick↑

Das Buch Der Prophet ist ein englischsprachiger literarisch-spiritueller Text des libanesisch-amerikanischen Dichters Khalil Gibran. Es erschien 1923 beim New Yorker Verlag Knopf und wurde seither millionenfach verkauft. Gibran hat viele Jahre an dem Buch gearbeitet. Es gilt als sein bekanntestes Werk und wird bis heute in vielen Sprachen neu aufgelegt. Allein auf Deutsch sind mindestens zehn verschiedene Übersetzungen lieferbar.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht der Prophet Almustafa, der zwölf Jahre in der Stadt Orphalese gelebt und auf das Schiff gewartet hat, das ihn in seine Heimat zurückbringen soll. Nun liegt es endlich im Hafen. Bevor er aufbricht, treten Bewohner der Stadt an ihn heran und bitten ihn, ihnen ein letztes Mal seine Einsichten mitzuteilen. Jeder fragt nach einem bestimmten Thema, jeweils mit der Wendung „Speak to us of…“.

Aus diesen Bitten entstehen sechsundzwanzig Reden über Grundfragen des menschlichen Lebens. Sie beginnen mit der Liebe und führen über die Arbeit weiter. Das Buch ist damit weniger eine Geschichte im gewöhnlichen Sinn als eine Folge von Betrachtungen, die von einer knappen Rahmenerzählung zusammengehalten wird.

Die Handlung im Detail↑

Die Rahmenerzählung ist schlicht gebaut. Almustafa hat zwölf Jahre auf sein Schiff gewartet, das ihn nun in die Heimat zurückbringen soll. Vor der Abreise bitten ihn einzelne Einwohner der Stadt Orphalese, ihnen ein letztes Mal seine Einsichten zu einem bestimmten Thema zu vermitteln. Ihre Bitten sind jeweils gleich eingeleitet: „Speak to us of…“.

Die folgenden sechsundzwanzig Reden behandeln Grundfragen menschlichen Lebens. Sie beginnen mit der Liebe und führen über die Arbeit bis zum abschließenden Thema, dem Tod. Im Schlusskapitel ist noch eine Abschiedsrede über die Sinnfrage eingeflochten.

Die Figur des Almustafa kehrte auch nach Gibrans Tod wieder. Die postum erschienenen Werke Die Rückkehr des Propheten beziehungsweise Die Heimkehr des Propheten und Im Garten des Propheten führen Handlung und Erzählweise fort. Sie rücken dabei die Themen Natur und Glaube stärker in den Mittelpunkt. Gibrans Großneffe Hajjar Gibran verfasste 2008 die Fortsetzung Der Prophet kehrt zurück.

Stil↑

Als Form wählte Gibran das Prosagedicht: gebundene, rhythmische Sprache, die sich nicht in Verse gliedert. Der Text steht zwischen Dichtung und philosophischer Betrachtung, was ihn schwer einer einzelnen Gattung zuordnen lässt.

Der Aufbau ist streng gegliedert. Eine knappe Rahmenerzählung umschließt sechsundzwanzig in sich geschlossene Reden. Jede wird durch eine Frage aus der Menge ausgelöst und behandelt genau ein Thema. Diese Bauweise macht das Buch auch abschnittweise lesbar. Sie erklärt zugleich, warum einzelne Passagen gern für sich zitiert werden.

Rezeption↑

Die Wirkung des Buches setzte früh ein und hielt an: Seit dem Erscheinen 1923 wurde es millionenfach verkauft. Ab Anfang der 1960er-Jahre entdeckte die amerikanische Beatnik- und Hippie-Subkultur den Text neu. Auch heute ist er beliebt und wird weiterhin in vielen Sprachen verlegt.

Im deutschen Sprachraum zeigt sich das an der Zahl der Übertragungen. Die erste deutsche Fassung stammt von Georg-Eduard Freiherr von Stietencron und erschien 1925 in München. Seither sind zahlreiche weitere Übersetzungen hinzugekommen, unter anderem bei Diogenes, Piper, Reclam und Anaconda. Mindestens zehn davon sind gegenwärtig lieferbar.

Wie stark das Buch auf einzelne Leser wirken kann, hat Abbas Khider beschrieben. Die Lektüre gab seinem Leben eine entscheidende Wendung: „Sofort hörte ich auf, davon zu träumen, Imam zu werden. Seitdem wollte ich Schriftsteller sein. Literatur statt Religion.“

Auch außerhalb der Literatur fand der Stoff seinen Weg. Das Buch diente 2014 als Vorlage für den Animationsfilm The Prophet, bei dem Roger Allers Regie führte und auch das Drehbuch verantwortete.

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