1841
Der Doppelmord in der Rue Morgue
Überblick↑
Die Erzählung Der Doppelmord in der Rue Morgue von Edgar Allan Poe erschien im April 1841 in der Zeitschrift Graham's Magazine. Sie gilt als Ausgangspunkt der Detektivliteratur. In ihr tritt der scharfsinnige Ermittler C. Auguste Dupin auf, der allein mit der Kraft des Denkens einen scheinbar unlösbaren Mordfall klärt. Es ist die erste von drei Geschichten, die Poe um diese Figur schrieb. Viele Erzählmuster, die sie einführt, prägen bis heute fast jeden klassischen Kriminalroman.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In Paris geschieht ein grauenhaftes Verbrechen: Die alte Madame L'Espanaye und ihre Tochter Camille werden in ihrer Wohnung im vierten Stock auf bestialische Weise getötet. Der Fall stellt die Ermittler vor ein Rätsel. Alle Türen und Fenster des Zimmers sind von innen verriegelt, und niemand begreift, wie der Täter den Tatort verlassen konnte. Mehrere Zeugen wollen während der Tat Stimmen gehört haben, doch keiner kann die Sprache bestimmen.
Der verarmte Adlige C. Auguste Dupin, ein Mann von außergewöhnlichem Verstand, wird auf den Fall aufmerksam. Ihn reizt das geistige Vergnügen, das Geheimnis zu durchdringen. Zugleich möchte er einem Bekannten helfen, der unschuldig in Verdacht geraten ist. Gemeinsam mit dem namenlosen Ich-Erzähler, seinem Freund und Bewunderer, besichtigt Dupin den Tatort. Wo die Polizei nur Verwirrung sieht, beginnt Dupin Schritt für Schritt, die Beobachtungen zu ordnen. Wie er den Knoten löst, entfaltet die Geschichte erst am Ende.
Die Handlung im Detail↑
Der ungekürzten Fassung gehen ein Motto von Sir Thomas Browne und eine Abhandlung über die Fähigkeiten des menschlichen Geistes voraus. In diesem essayartigen Vorspann behauptet der Ich-Erzähler, der Mensch könne seine Denkkraft durch genaue Beobachtung und logische Verknüpfung zur Vollkommenheit steigern. Anschließend stellt er die Figur des C. Auguste Dupin vor, der diese Fähigkeiten für ihn auf vollkommene Weise verkörpert, und schildert eine Episode, in der Dupin scheinbar Gedanken liest.
Die eigentliche Handlung beginnt mit Zeitungsberichten über einen Mordfall in der Rue Morgue. Madame L'Espanaye und ihre Tochter Camille wurden in ihrer Wohnung im vierten Stock eines sonst leerstehenden Hauses getötet. Der Raum war von innen verriegelt, sodass die Polizei nicht begreift, wie der Täter entkommen sein soll. Dupin verfolgt den Fall aus zwei Beweggründen: Die Aufklärung bereitet ihm ein geistiges Vergnügen, und er möchte seinem Bekannten Le Bon helfen, der zu Unrecht verdächtigt wird.
Der Erzähler begleitet Dupin bei der Besichtigung des Tatorts. Was Dupin dabei genau erkennt, bleibt dem Leser zunächst verborgen. Der Detektiv kündigt an, einen geheimnisvollen Besucher zu erwarten, was die Spannung weiter steigert. Dann erscheint ein Seemann, den Dupin durch eine Zeitungsannonce ausfindig gemacht hat. Erst jetzt löst Dupin in einem langen Monolog den Fall auf.
Die Wahrheit: Der Mörder ist kein Mensch, sondern ein Orang-Utan. Das Tier war seinem Halter, dem Seemann, entkommen. Es hatte seinen Besitzer oft beim Rasieren beobachtet. Nach der Flucht aus dem Käfig drang es in das Haus der beiden Frauen ein. Beim Nachahmen des Rasierens tötete es eine der Bewohnerinnen mit einem Rasiermesser. Die andere erwürgte es auf brutale Weise und schob sie kopfüber in den Kamin. Danach floh der Affe durch ein Schiebefenster. Dieses war nur scheinbar mit einem Nagel am Rahmen befestigt, der in Wahrheit durchgebrochen war. Genau diese Möglichkeit, das Fenster zu öffnen, hatte Dupin bereits bei der ersten Besichtigung des Tatorts entdeckt. Damit klärt sich auch, warum die Zeugen die Stimme keiner Sprache zuordnen konnten. Der menschliche Verstand triumphiert am Ende über das scheinbar Unerklärliche, und der unschuldig Verdächtigte wird entlastet.
Stil↑
Sorgfältig und präzise ist diese Erzählung gebaut. Poe richtete jedes Element auf einen einheitlichen Gesamteindruck aus, den er die unity of effect nannte. Die Geschichte ist vom Ende her konstruiert: Alle Bausteine sind gezielt im Hinblick auf die Auflösung gewählt und kunstvoll ineinander verschachtelt. Das eigentliche Verbrechen wird nicht so blutig ausgemalt wie in den Schauergeschichten der Zeit; das Grauen wirkt eher im Hintergrund.
Im Mittelpunkt steht das Rätsel des verschlossenen Raumes, das hier modellhaft zum Kern der Spannung wird. Dupins Beobachtungen am Tatort werden dem Leser bewusst vorenthalten und erst am Schluss aufgedeckt. Diese Bauweise – das Verschweigen der Lösung und die nachträgliche Erklärung durch den Ermittler – wird zum prägenden Muster fast aller späteren Detektivgeschichten.
Erzählt wird aus der Sicht eines namenlosen Ich-Erzählers, der zugleich Augenzeuge, Bewunderer und Vermittler ist. Seine eigene Ratlosigkeit lässt Dupins Scharfsinn umso heller strahlen, und seine Reaktionen nehmen die Bewunderung des Lesers vorweg. Dupin selbst bleibt ein Typus, ganz auf seinen Verstand und seine exzentrische Lebensart reduziert; bildhafte Erkennungszeichen wie später die Pfeife des Sherlock Holmes fehlen ihm noch. Häufige Verweise auf Pariser Zeitungen, Straßennamen und französische Ausdrücke verleihen der Geschichte den Anschein von Wirklichkeit. Im Schlussmonolog fallen erzählte Zeit und Erzählzeit zusammen, und die Perspektive geht ganz auf Dupin über. In den Text fließen Züge des literarischen Rätsels, der Schauergeschichte, des Abenteuerromans und des philosophischen Essays ein.
Rezeption↑
Mit dieser Geschichte legte Poe die Grundlagen der späteren Detektivliteratur. Die hier eingeführten Erzählmuster – der überlegene Amateurermittler, sein bewundernder Begleiter als Erzähler, das Verbrechen im verschlossenen Raum und die abschließende Auflösung durch reines Nachdenken – wurden modellbildend für die klassische Kriminalerzählung. Auch für die unterhaltende Lektüre, die den Leser dem Alltag entführt, sind in ihr bereits Wurzeln angelegt.
Der Stoff wirkte über die Literatur hinaus und wurde mehrfach für Kino und Fernsehen bearbeitet. Schon früh entstanden erste Verfilmungen, darunter eine von Robert Florey aus dem Jahr 1932. Weitere Filmfassungen folgten in den Jahrzehnten danach, darunter Bearbeitungen von Roy Del Ruth und Gordon Hessler. Bis in die jüngere Zeit hat der Stoff Filmemacher und Künstler immer wieder zu neuen Adaptionen angeregt.
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