1838
Der Bericht des Arthur Gordon Pym
Überblick↑
Mit The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket legte Edgar Allan Poe seinen einzigen Roman vor. Er erschien 1838. Der Erzähler schildert das Leben des jungen Arthur Gordon Pym von der Insel Nantucket vor der Nordostküste der Vereinigten Staaten. Pym sucht von Jugend an Abenteuer auf See, die seine Einstellung zum Leben im Laufe der Jahre verändern. Die Erlebnisse sind teils realistisch geschildert, etwa Schiffbruch und Meuterei, teils gänzlich phantastisch, etwa heiße Strömungen und Stromschnellen im Süden des Ozeans. Das Buch ist das längste Prosawerk Poes und gilt als eine seiner rätselhaftesten Arbeiten.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Aus der Sicht des Ich-Erzählers Pym entfaltet sich ein Bericht über eine Reise in die Südsee. Schon ein einleitendes Vorwort spielt mit der Frage, was an dem Erzählten wahr und was erdacht sei: Pym erklärt, er habe einigen Herren, darunter ein Herr Poe, von seinen Erlebnissen berichtet und sei gedrängt worden, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Pym und sein Freund Augustus Barnard wagen als Jugendliche tollkühne Streiche auf See. Aus jugendlichem Übermut wird bald ernste Gefahr. Pym versteckt sich heimlich an Bord eines Walfängers, auf dem Augustus’ Vater als Kapitän fährt, und gerät unter Deck in eine ausweglose Lage. An Bord brechen Meuterei und Gewalt aus, dazu toben die Kräfte des Meeres. Aus Hunger, Durst und Schiffbruch werden die Reisenden bis an die Grenze des Menschlichen getrieben.
Später führt die Fahrt immer weiter nach Süden, in unbekannte Gewässer jenseits aller bisher befahrenen Meere. Dort warten fremde Inseln, ein rätselhaftes Volk und Naturerscheinungen, wie sie kein Seemann zuvor erblickt hat. Je näher das Ziel rückt, desto unheimlicher und traumartiger wird die Welt, die sich vor den Reisenden auftut.
Die Handlung im Detail↑
Ein Vorwort stellt dem Leser den Ich-Erzähler Pym vor. Von einer Reise in die Südsee zurückgekehrt, habe er einigen Herren, darunter ein Herr Poe, von seinen Erlebnissen erzählt und sei aufgefordert worden, den Bericht öffentlich zu machen. Er habe sich gesträubt, weil manches so unglaubhaft sei, dass man ihn für einen Phantasten halten könne, und weil er kein Tagebuch geführt habe. Daraufhin habe Herr Poe angeboten, den Bericht zu schreiben und in der Zeitschrift Southern Literary Messenger unter seinem eigenen Namen als reine Dichtung zu veröffentlichen. Später habe Pym jedoch selbst zur Feder gegriffen, so dass der überwiegende Teil von ihm stamme.
Pym und sein Freund Augustus Barnard unternehmen als Jugendliche waghalsige Streiche auf Pyms Segelboot. Bei einer Nachtfahrt ohne Proviant zieht ein Sturm auf. Augustus erweist sich als betrunken, während Pym nüchtern und voller Schrecken bleibt. In der Dunkelheit werden die beiden von einem Walfänger überfahren, dadurch entdeckt und gerettet.
Einige Jahre später versteckt sich Pym im Bauch des Walfängers „Grampus“, den Augustus’ Vater als Kapitän führt und den Augustus begleitet. Unter Deck, zwischen ausdünstenden Tranfässern und ohne genügend Wasser und Nahrung, verliert Pym beinahe den Verstand. Nach mehreren vergeblichen Versuchen gibt er sich schon verloren. Erst nach elf Tagen befreit Augustus ihn: Früher war es nicht möglich, weil eine Meuterei auch Augustus gefangen gesetzt und fast das Leben gekostet hat.
Gemeinsam mit Dirk Peters, einem früheren Meuterer, gelingt die Rückeroberung des Schiffes. Die Meuterer werden überrascht, weil Pym sich als Gespenst eines ermordeten Kameraden verkleidet. Zugleich tobt ein Sturm, der das Schiff in ein treibendes Wrack verwandelt.
Etwa drei Wochen harren Pym, Augustus und Peters sowie ein weiterer überlebender Meuterer namens Richard Parker auf dem gefluteten Wrack aus, das nur dank der leeren Tranfässer im Laderaum noch schwimmt. Immer wieder versuchen sie, im Laderaum nach Proviant zu tauchen. Hunger und Durst quälen die vier so sehr, dass sie unter sich auslosen, wer den anderen als Nahrung dienen soll. Das Los trifft ausgerechnet jenen Meuterer, der diese Idee zuerst vorgebracht hat. Augustus stirbt an einer Wundinfektion. Pym und Peters werden schließlich von einem Segler von ihrem inzwischen kieloben treibenden Wrack geborgen.
Der rettende Segler, die „Jane Guy“, treibt Handel in der Südsee und jagt Robben. Der Kapitän hofft auf Reichtum und sucht ungenau verzeichnete Inseln. Dabei dringt er in große Eisfelder vor und kommt weiter nach Süden als alle Segler vor ihm. Hinter dem Eis liegen wieder wärmere Regionen, und eine Strömung trägt das Schiff zum Südpol. Die Reisenden stoßen auf eine Inselgruppe mit schwarzen Eingeborenen, die die Farbe Weiß nicht kennen oder nur als Vorboten von Unglück und Tod. Die Bewohner nehmen die Europäer scheinbar zuvorkommend auf, doch Pym bleibt misstrauisch und will der Strömung weiter nach Süden folgen. Sie bemerken Seltsames, etwa Wasser, das aus farblich verschiedenen Adern besteht, die sich nicht vermischen. Schließlich locken die Eingeborenen die Europäer in eine Falle: Sie bringen einen Hohlweg zum Einsturz und erobern danach den Schoner. Nur Peters und Pym können sich aus der Verschüttung befreien und fliehen nach einigen Tagen mit einem Kanu von der Insel.
Peters und Pym, die einen der Eingeborenen entführt haben, treiben aufs offene Meer hinaus. Die Strömung führt sie weiter nach Süden. Das Meer erhitzt sich, weiße Vögel fliegen umher, weiße Asche regnet herab, das Wasser wird milchig weiß und beginnt zu kochen und zu leuchten, Strudel bilden sich. Der Eingeborene stirbt vor Grauen. Die beiden nähern sich einer lautlosen Stromschnelle, Gestalten tauchen auf, riesige fahlweiße Vögel fliegen umher, und im Sturz erblicken sie eine verhüllte, gewaltige, übermenschliche Gestalt mit einer Haut vom makellosen Weiß des Schnees. An dieser Stelle bricht der Bericht ab. Ein Nachwort teilt mit, ein Herr Poe informiere: Pym sei plötzlich verstorben, und die noch fehlenden zwei bis drei Kapitel wolle er nicht ohne ihn rekonstruieren. Stattdessen wendet er sich den genau beschriebenen Klüften auf der Insel und ihren Einkerbungen zu, deren Formen er den äthiopischen und ägyptischen Wörtern für das Dunkle und das Helle ähnlich findet.
Stil↑
Erzählt wird durchgehend aus der Ich-Perspektive Pyms, der seine eigenen Erlebnisse rückblickend berichtet. Schon das Vorwort spielt kunstvoll mit der Grenze zwischen Wahrheit und Erfindung: Pym tritt als wirklicher Berichterstatter auf, während der Name Poe nur als der eines Helfers und Herausgebers erscheint. So wird der Roman als angeblich authentischer Reisebericht ausgegeben, was den Schilderungen den Anschein von Glaubwürdigkeit verleiht.
Aufgebaut ist das Werk aus fünfundzwanzig Kapiteln, gerahmt von einem Vorwort und einem Nachwort. Die Erzählung beginnt mit nüchtern und genau geschilderten Vorgängen wie Schiffbruch und Meuterei und steigert sich allmählich ins Phantastische. Je weiter die Reise nach Süden führt, desto stärker lösen sich die Bilder von der vertrauten Wirklichkeit. Am Ende stehen traumartige, rätselhafte Erscheinungen, deren Sinn offenbleibt. Der abrupte Abbruch des Berichts und das deutende Nachwort verstärken den Eindruck eines bewusst Unaufgelösten.
Rezeption↑
Als einziger Roman Poes nimmt das Werk in seinem Schaffen eine besondere Stellung ein. Es gilt als eine seiner rätselhaftesten Arbeiten, gerade weil das Ende offenbleibt und sich einer eindeutigen Deutung entzieht.
Die fortdauernde Auseinandersetzung mit dem Buch zeigt sich an den zahlreichen deutschen Übersetzungen, bei denen der lange Titel oft gekürzt oder verändert wurde. Eine frühe Übertragung erschien 1883 unter dem Titel Seltsame Seeabenteuer Arthur Gordon Pym’s von Adolf von Winterfeld. Es folgten Die Abenteuer Gordon Pyms von Hedda Moeller und Hedwig Lachmann (1901) sowie Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym von Gisela Etzel (1918). 1966 legte Arno Schmidt eine Neuübersetzung unter dem Titel Umständlicher Bericht des Arthur Gordon Pym von Nantucket vor. 2008 erschien eine umfangreich kommentierte Fassung von Hans Schmid, 2022 eine weitere von Andreas Nohl.
Ein merkwürdiger Nachhall verbindet das Buch mit einem späteren Geschehen. Im Roman erwürgen die Schiffbrüchigen einen Gefährten namens Richard Parker, um zu überleben. 1884, also lange nach Poes Roman, trug sich ein ähnlicher Fall tatsächlich zu und führte zu einem der bekanntesten Rechtsfälle des 19. Jahrhunderts. Der Name des Getöteten lautete, wie in Poes Werk, Richard Parker.
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