1809 – 1849
Edgar Allan Poe
Kurzporträt↑
Edgar Allan Poe (1809–1849) gilt als einer der einflussreichsten amerikanischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Er prägte entscheidend die Gattung der Kurzgeschichte. Auch die Genres der Kriminal-, Horror- und Schauerliteratur prägte er maßgeblich. Mit der Pariser Detektivfigur C. Auguste Dupin schuf er das Vorbild des deduktiv arbeitenden Krimihelden. Mit seiner Lyrik wurde er zum Wegbereiter des französischen Symbolismus. Sein Leben war geprägt von früher Verwaisung, ständiger Geldnot und literarischen Fehden. Sein Tod mit 40 Jahren in Baltimore blieb bis heute ungeklärt.
Biografie↑
Edgar Poe wurde am 19. Januar 1809 in Boston geboren. Seine Eltern waren die Schauspieler Elizabeth Arnold Hopkins Poe und David Poe. Der Vater verließ die Familie im Jahr von Poes Geburt. Die Mutter starb 1811 in Richmond mit nur 23 Jahren an Tuberkulose. Sein älterer Bruder Henry kam zum Großvater. Der zweijährige Edgar und seine jüngere Schwester Rosalie blieben als Waisen mittellos zurück. Die kinderlose Frances Allan überzeugte ihren Mann, den erfolgreichen Richmonder Kaufmann John Allan, Edgar aufzunehmen. Adoptiert wurde der Junge nie, nahm aber den Zweitnamen Allan an. Das Verhältnis zum Ziehvater war zwiespältig: teils verwöhnt, teils übermäßig streng.
Von 1815 bis 1820 lebte die Familie geschäftsbedingt in Großbritannien. Poe besuchte Schulen in Irvine, Chelsea und Stoke Newington bei London. Die letztere hat in seiner Erzählung William Wilson Spuren hinterlassen. Nach der Rückkehr nach Richmond zeigte er sich als hochbegabt in Sprachen und als hervorragender Schwimmer. Im Februar 1826 immatrikulierte er sich an der von Thomas Jefferson gegründeten Universität von Virginia in Charlottesville. Dort studierte er alte und neue Sprachen. Er verschuldete sich, begann zu spielen und zu trinken. Nach acht Monaten hatte er 2000 US-Dollar Schulden. Die Spannungen mit John Allan eskalierten.
Nach einem heftigen Streit verließ Poe im März 1827 das Haus der Allans. Unter dem Namen Edgar A. Perry verpflichtete er sich für fünf Jahre zur US Army. Im selben Jahr erschien in Boston auf seine Kosten der anonyme Erstlingsband Tamerlane and Other Poems. Er blieb ohne Resonanz. Poe wurde 1829 zum Sergeant Major befördert. Nach dem Tod der Ziehmutter Frances Allan im Februar 1829 ließ John Allan einen Freikauf zu. Im Dezember 1829 erschien in Baltimore der zweite Gedichtband Al Aaraaf, Tamerlane and Minor Poems unter dem Namen Edgar A. Poe.
Im Juni oder Juli 1830 trat Poe als Kadett in die Militärakademie West Point ein. Als John Allan im Oktober 1830 erneut heiratete, war der Bruch endgültig. Poe provozierte seine Entlassung durch angekündigte Regelverstöße. Im Februar 1831 wurde er der Akademie verwiesen. Der dritte Gedichtband Poems erschien noch im April 1831, finanziert durch Subskriptionen seiner West-Point-Kameraden. In Baltimore lebte er bei seiner Tante Maria Clemm und deren Tochter Virginia. Über die Jahre 1831 bis 1835 ist wenig bekannt. Sicher ist, dass er begann, Erzählungen zu schreiben. 1833 gewann er mit MS. Found in a Bottle 50 US-Dollar bei einem Preisausschreiben des Baltimore Saturday Visiter. Der Preis brachte ihn in Kontakt mit John P. Kennedy und damit zum Herausgeber Thomas W. White vom Southern Literary Messenger in Richmond.
Möglicherweise Ende September 1835 verlobte sich Poe mit seiner erst dreizehnjährigen Cousine Virginia Clemm. Am 16. Mai 1836 wurde in Richmond offiziell geheiratet. In der Heiratsurkunde wurde Virginias Alter mit 21 angegeben, tatsächlich war sie 13¾ Jahre alt. Ihr Ehemann war mit 27 fast doppelt so alt. Bis Januar 1837 arbeitete Poe für den Messenger. Dessen Auflage steigerte sich seinen Angaben nach von unter 1000 auf 5000 Exemplare – auch wegen seines Rufs als scharfzüngiger Literaturkritiker. Im Februar 1837 zog Poe mit Maria Clemm und Virginia nach New York. Sein einziger Roman The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket erschien im Juli 1838 bei Harper & Brothers. Im Sommer 1838 ging die Familie nach Philadelphia.
In Philadelphia wurde Poe im Juni 1839 Redakteur und später Mitherausgeber von Burton's Gentleman's Magazine. Es entstanden Erzählungen wie Ligeia, William Wilson und The Fall of the House of Usher. Im Dezember 1839 erschien die erste Erzählsammlung Tales of the Grotesque and Arabesque in zwei Bänden. 1841 erschien in Graham's Magazine Poes erste Detektivgeschichte The Murders in the Rue Morgue mit der Figur C. Auguste Dupin. Das Wort "detective" kam durch Poe in die englische Sprache. 1842 erlitt Virginia einen Blutsturz, ein sicheres Zeichen ihrer Tuberkulose. Poe verarbeitete das in The Oval Portrait und The Masque of the Red Death. Im März 1842 lernte er Charles Dickens kennen.
Im April 1844 zog die Familie nach New York. Poe arbeitete für den Evening Mirror mit einem festen Einkommen von 15 US-Dollar in der Woche. 1845 erschien sein bekanntestes Gedicht The Raven. Es machte ihn schlagartig als Lyriker bekannt. 1846 legte er in The Philosophy of Composition seine Auffassung der Dichtung als methodischer, analytischer Arbeit dar. Seine Angriffe auf den damals gefeierten Henry Wadsworth Longfellow führten zum sogenannten "Longfellow-Krieg". Die Familie lebte überwiegend im ländlichen Fordham nördlich Manhattans. Dort verschlechterte sich Virginias Zustand. 1847 starb sie mit 24 Jahren. Poe verarbeitete die Trauer im Gedicht Annabel Lee. 1848 entstand sein kosmologisch-ästhetischer Essay Heureka. Nach dem Scheitern einer Verlobung mit der Dichterin Sarah Helen Whitman nahm er, vermutlich in Selbstmordabsicht, eine Überdosis Laudanum. Er überlebte aber – es war der einzige sicher dokumentierte Opium-Vorfall. Spätere Behauptungen einer dauerhaften Opiumabhängigkeit gelten als widerlegt.
1849 traf Poe in Richmond seine Jugendliebe Elmira Shelton wieder, die inzwischen verwitwet war. Er machte ihr einen Heiratsantrag. Am 27. September 1849 verließ er Richmond Richtung Fordham. Am 3. Oktober wurde er in Baltimore vor dem Lokal Ryan's Tavern aufgefunden, in heruntergekommenem, verwirrtem Zustand und in fremder Kleidung. Er wurde ins Washington Medical College eingeliefert. Dort starb er am 7. Oktober 1849 im Alter von 40 Jahren. Der behandelnde Arzt John J. Moran diagnostizierte "Phrenitis". Tatsächlich sind Umstände und Ursache des Todes unklar. Theorien reichen von Alkohol- und Krankheitsfolgen über Mord und Selbstmord bis zu Tollwut und Syphilis. Poe wurde auf dem Friedhof der Westminster-Kirche in Baltimore begraben. Virginia und Maria Clemm wurden später neben ihm beigesetzt. Einen Teil der biografischen Widersprüche hat Poe selbst erzeugt. Für Rufus Wilmot Griswolds Anthologie The Poets and Poetry of America (1842) verfasste er einen "frisierten" Lebenslauf mit falschem Geburtsjahr 1811 und einer erfundenen Europareise, bei der er sich angeblich dem griechischen Freiheitskampf habe anschließen wollen.
Literarische Merkmale↑
Poes Frühwerk ist von George Gordon Byron beeinflusst, ebenso von Autoren der deutschen Romantik wie E. T. A. Hoffmann und Friedrich de La Motte Fouqué. Später kamen Anregungen von Charles Dickens und Fürst Hermann von Pückler-Muskau hinzu. Sein Werk umfasst Erzählungen, Lyrik, Satiren, Essays sowie literaturwissenschaftliche und naturwissenschaftliche Abhandlungen. Es lässt sich nicht unter einen Oberbegriff bringen.
Als Erzähler war Poe ein Virtuose des Grauens. Zu seinen stilprägenden Geschichten gehört Der Untergang des Hauses Usher, ein Beispielwerk der Schwarzen Romantik. Dazu zählt auch sein einziger Roman Arthur Gordon Pym. Mit Der Doppelmord in der Rue Morgue erfand er die Detektivgeschichte und den deduktiv arbeitenden Krimihelden, der seine Fälle durch Logik und Kombinationsgabe löst. Sein großes Sujet ist der Tod einer schönen Frau (Morella, Ligeia, Annabel Lee). Oft kehrt das Motiv des lebendig Begrabenen wieder (The Premature Burial, The Cask of Amontillado). Vielfach erscheinen Figuren, die geradezu vom "Wahn" gepackt ihr eigenes Unglück provozieren oder trotz Kenntnis des sich anbahnenden Ungemachs in ihr Verderben laufen (The Tell-Tale Heart, The Black Cat).
Ebenso bedeutend ist sein lyrisches Werk. The Raven und The Bells gelten als die ersten bedeutenden Gedichte Amerikas in der Weltliteratur. Poe maß dabei der Musik und dem logisch-formalen Aufbau einen hohen Stellenwert bei. Oft sorgte er für die klangliche Veranschaulichung der beschriebenen Dinge. Das machte ihn vor allem in Frankreich zum Wegbereiter des Symbolismus. In seinem Aufsatz The Philosophy of Composition (1846) beschrieb er die Komposition von Lyrik als methodische, analytische Arbeit, die nichts mit Spontanität oder Intuition zu tun habe. Zentral sei die "Einheit des Effekts". Ob dies dem tatsächlichen Entstehungsprozess von The Raven entspricht, ist fraglich. Im Spätwerk radikalisierte er das Gedicht in Ulalume und The Bells in Richtung einer Lautpoesie.
Daneben beschäftigte sich Poe stark mit Fragen der Logik, etwa mit Geheimschriften (Der Goldkäfer) und sogenannten Automaten, also frühen Robotern. Davon handelt der Aufsatz Maelzels Schachspieler über den Schachtürken. Sein kosmologisch-ästhetischer Essay Heureka (1848) versuchte, Spekulationen über das Universum mit Philosophie und Ästhetik zu verbinden. Er griff auf Pierre-Simon Laplaces Nebularhypothese zurück und erweiterte sie spekulativ um eine Art Urknalltheorie. Trotz dieser Bandbreite wird Poe – auch dank zahlreicher Verfilmungen – sein Image als "Horrorautor" wohl nie ganz verlieren.
Rezeption↑
Poe wurde in den USA so nachhaltig verdammt und als zügellos und alkoholabhängig hingestellt. Das liegt nicht zuletzt an seinen bissigen Satiren auf führende Literaten und Verlage seiner Zeit. Sein selbst eingesetzter Nachlassverwalter Rufus Wilmot Griswold veröffentlichte schon zwei Tage nach Poes Tod unter dem Pseudonym "Ludwig" einen verleumderischen Nachruf. In seiner ab 1850 erscheinenden vierbändigen Werkausgabe setzte er diese Hetzkampagne mit einer entstellenden Biografie und gefälschten Briefen fort. Freunde wie Sarah Helen Whitman, Nathaniel Parker Willis oder George Rex Graham versuchten gegenzusteuern. Doch die negative Grundtendenz hielt sich in den USA bis ins frühe 20. Jahrhundert. Erst der Brite John Henry Ingram begann Ende der 1860er Jahre, das verzerrte Bild zu korrigieren. Seine vierbändige Ausgabe von 1874/75 und die zweibändige Biografie Life, Letters and Opinions (1880) legten den Grundstein der Poe-Forschung.
Den entscheidenden europäischen Durchbruch erlebte Poe in Frankreich. Der 26-jährige Charles Baudelaire las 1847 wahrscheinlich Isabelle Meuniers Übersetzung von Der schwarze Kater und erkannte in Poe einen Seelenverwandten. Baudelaire wurde zum bedeutendsten Übersetzer Poescher Prosa. 1852 veröffentlichte er mit Edgar Allan Poe: Sa vie et ses ouvrages die erste Poe-Biografie eines Europäers. Sie wurde, so notiert die Wikipedia, wahrscheinlich von mehr Menschen in mehr Ländern gelesen als alles, was sonst über Poe geschrieben wurde. In Baudelaires Sicht erschien Poe als Poète maudit, als verfemter Dichter und Ausgestoßener der amerikanischen Gesellschaft. In Frankreich gilt Poe als Wegbereiter des Symbolismus. Stéphane Mallarmé, Paul Verlaine, Auguste de Villiers de L'Isle-Adam und Jean Moréas beriefen sich auf sein Werk. André Breton sah in ihm den Surrealisten. Paul Valéry verglich sein kosmogonisches Spätwerk Heureka mit Einsteins Universum. Émile Gaboriau formte seinen Detektiv Monsieur Lecoq nach Dupins Vorbild. Jules Verne schrieb 1897 mit Die Eissphinx eine Art Fortsetzung des Arthur Gordon Pym.
Im Vereinigten Königreich war Poe zunächst ebenfalls durch Griswolds Darstellung geprägt, ehe Ingrams Arbeit das Bild korrigierte. Alfred, Lord Tennyson nannte Poe "das originellste Genie, das Amerika hervorgebracht hat". Algernon Swinburne tadelte die geringe amerikanische Wertschätzung. Oscar Wilde und Joseph Conrad schätzten ihn. Robert Louis Stevensons Die Schatzinsel und Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde stehen in der Tradition Poes. Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes ist wesentlich von Dupin beeinflusst. W. H. Auden sah Poe als Autor der Moderne und als amerikanischen Schriftsteller mit internationalem Einfluss. Eine der wenigen scharfen britischen Stimmen war Aldous Huxley. Er kanzelte Poe 1930 in Vulgarity in Literature als "vulgär" ab.
Im deutschsprachigen Raum verlief die Rezeption verzögert. Die erste deutsche Übersetzung – eine gekürzte Fassung von Der Goldkäfer – erschien 1846 in einer Prager Zeitschrift. 1853 folgte Elise von Hohenhausens Übersetzung von Der Rabe. Die erste umfangreichere dreibändige Auswahl kam zwischen 1853 und 1858 bei Kollmann in Leipzig heraus. Die erste deutsche Gesamtausgabe erschien schließlich 1901 bis 1904 bei J. C. C. Bruns. Maßstabsetzend wurde die vierbändige Ausgabe Edgar Allan Poe – Werke, übersetzt von Arno Schmidt und Hans Wollschläger und 1966 bis 1973 beim Walter Verlag erschienen. In jüngster Zeit hat Andreas Nohl für dtv eine Neuübersetzung in der Zusammenstellung Baudelaires erarbeitet. Deren erster Band erschien 2017.
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